Die düstere Bühne ist Bergwerk und steile Halde zugleich; darüber geht es, etwas heller, filmisch in den Schacht hinab. Den will Franz, der Dichter, erkunden, als „Urerlebnis“, ist doch eine Kohleregion wie die Lausitz seine Landschaft. Der Dichter ist natürlich Franz Fühmann und auf dessen Spuren führen Armin Petras und die Komponisten Sebastian Vogel und Thomas Kürstner ihr Publikum durch einen grandiosen Musiktheaterabend: „Im Berg“.
Zu hellen Flötenklängen und leichten, metallischen Schlägen treffen sie aufeinander: Der schmale Autor (Robert Kuchenbuch, bis zur Kassenbrille Fühmann angenähert) und der mächtige Brigadier (Nils Stäfe, im gegürteten Blaumann). Der Mann des Wortes will die Welt des singenden Bergmanns kennenlernen und wird erst mal zurechtgewiesen: „Das ist keine Schokoladenfabrik hier!“

Ein unvollendetes Großwerk

Dieser Einstieg in Geschichte und Schacht ist noch nah an Franz Fühmanns Text, der ein großes Projekt werden sollte, aber in dessen Todesjahr 1983 als Fragment, mitten im Satz, mit einem Komma endete. Dann aber nimmt Regisseur Armin Petras, der auch das dichte Libretto schrieb, die Zuschauer mit auf eine phantastische Reise. Denn sehr bald klettert ein Gespenst aus der Grube, der Schrapper (Nico Delpy), mit Krallenhänden und rotierendem Rotlicht auf dem Helm. Er wird nicht der einzige Alb für den Dichter bleiben, der von zehn Musikern unter Leitung von Johannes Zurl im hochgefahrenen Graben mal vorwärtsdrängend, mal sachte mit Flötentupfern oder Trommelwirbeln begleitet wird.
Aber Petras nimmt nicht nur Fühmann mit ins Revier, auch Goethe („osterspaziergang“, „hexen/tanzpalast“) ist mit von der Partie. Das „Bergwerk von Falun“ nach E.T.A. Hoffmann wird nur durch Filmbilder und eine Sopranstimme erzählt; begleitet von dunklem Bass-Zupfen und heller Flöte, immer düsterer legt sich das unter den Melodiebogen des Gesanges. Das Mädchen Ursula (Julia Domke) und ein Hütejunge (Maria Tomoiaga) geben Mansfelder Geschichten wieder; folkloristisch gekleidet, aber tümelnd wird es nie.
Das liegt mit am großartigen Sänger Nils Stäfe, der von ganz oben die Bühne beherrscht; kein Berggeist, sondern ein handfester Arbeiter. Dem ist und bleibt der „Kollege Schriftsteller“ fremd; mal singt er in großen Bögen, mal presst er Wort für Wort hervor. Und die Musik grollt mit ihm, wenn er die Toten beklagt, die „die da oben“ verschweigen. Die DDR der 1980er Jahre fügt Petras mit echten und nachgefilmten Arbeiterbildern ein, aber auch mit einer gesprochenen Tanzszene im Grubenclub. Aus einem Chor unter einer Wartburg-Motorhaube wird eine wilde, hinreißende Video-, Gesangs- und Orchesterfahrt.

Krach und Krise mit der Partei

Dieses Niveau kann „Im Berg“ nach der Pause nicht ganz halten, auch, weil nun die Kräche und Krisen Fühmanns mit der Partei abgearbeitet werden müssen. Der sarkastische BGL-Leiter (Thorsten Coers) nimmt ihm sein Rednerpult; der erst hofierte Dichter wird nun „Diener dreier Herren“ geschimpft. Das ist bisweilen parteitagstrocken, doch die Musik legt aufmüpfige Klänge oder treibende Bläser darunter. Und da ist ja noch der Brigadier: Nils Stäfe besingt erst, im trauten Heim, seinen Schacht und denkt dabei ans Himmelstor. Dann kippt er, von Berg und Staat verletzt, in den Graben und aus der Republik. Dichter Franz dagegen bleibt und hofft/ träumt „The last love of my life“ zur Parteijournalistin Gabi (Charlotte Müller). ­ Langer Jubel.
"Raumfahrer": Szenenfoto mit (v.l.n.r.): Sophie Bock, Markus Paul, (dahinter) Torben Appel, Sigrun Fischer 
„Raumfahrer“: Szenenfoto mit (v.l.n.r.): Sophie Bock, Markus Paul, (dahinter) Torben Appel, Sigrun Fischer 
© Foto: Marlies Kross
Ähnlich in der Spieldauer von 2,5 Stunden, aber nicht annähernd in Wirkung und Wichtigkeit war am Abend zuvor „Raumfahrer“ auf der Kammerbühne. Vorlage soll der gleichnamige Roman von Lukas Rietzschel sein, für den die junge Regisseurin Paula Thielecke, von der auch die Fassung stammt, sicht- und hörbar einen Form sucht. Und sie entschied sich für laut und chaotisch ­ und schredert damit den großartigen Roman. Szenen werden filmisch gedoppelt, Filmschnipsel nachgespielt; Worte, Satzfetzen endlos wiederholt, Begriffe auf Monitoren in Großbuchstaben eingeblendet. Wer Rietzschels Text nicht kennt, kann kaum herausfinden, dass es um sich verlierende Menschen im verödenden Kleinstädten geht. Eine tragende Nebenrolle haben bei ihm die Brüder Günter und Georg Kern; der ältere machte als Maler Georg Baselitz Weltkarriere. Das wird hier zum Baselitz-Bashing: Mit gefakten Atelierszenen und „West-Bonzen“-Nörgelei. Setzte Petras Medien gekonnt ein, sind sie hier nur Blendwerk.

Nächste Vorstellungen: „Im Berg“: Nur noch drei Termine: 17.9., 19.30 Uhr; 16.10., 16 Uhr; 24.11., 19.30 Uhr, Großes Haus. „Raumfahrer“: ­ nächster Termin: 16.9., 19.30 Uhr, Kammerbühne

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