Mitte der 1970er Jahre begab sich der renommierte wie auch umstrittene DDR-Autor Franz Fühmann für ein besonderes Experiment in die Bergwerke der Republik: Er plante ein groß angelegtes Buchprojekt als sein bedeutendstes Werk. Dafür lebte und arbeitete der Schriftsteller über einen Zeitraum von etwa zehn Jahren immer wieder unter Bergarbeitern und recherchierte dort über die Welt unter Tage. Von den geplanten etwa 132 Kapiteln schaffte der Autor später als schwer kranker Mann ganze 18.
Das nach dem Tod Fühmanns erschienene Fragment des Bergwerkprojekts unter dem Titel „Im Berg - Bericht eines Scheiterns“ hat an diesem Sonnabend (10.9.) im großen Haus des Staatstheaters Cottbus Premiere. Regisseur Armin Petras hat das Stück in Koproduktion mit dem Lausitz Festival als Musiktheater inszeniert. Thomas Kürstner und Sebastian Vogel haben die Musik komponiert.
Franz Fühmann ist in keine bestimmte Schublade der DDR- Literatur zu stecken. In seiner Jugend durch den Nationalsozialismus geprägt, wurde er nach dem Krieg Anhänger des Sozialismus, verhielt sich später allerdings zunehmend kritisch gegenüber der Entwicklung der DDR. Als Künstler bewegte ihn zunehmend die Nähe zu arbeitenden Menschen. „An Fühmann fasziniert mich die Tragweite seines Scheiterns (...)“, erzählt Regisseur Armin Petras der Deutschen Presse-Agentur.

Zwischen Don Quichote und Hamlet

Er beschreibt die Widersprüche in Fühmanns Werdegang. Der Autor sei als 15-Jähriger noch Anhänger der Nationalsozialisten gewesen, habe mit 17 Jahren „Nazi-Lyrik“ geschrieben, um dann als 19-Jähriger kommunistische Lyrik zu schreiben, mit Mitte 40 DDR-Oppositioneller zu werden und jungen Schriftstellern die Ausreise zu ermöglichen, sagt Petras. Als Alkoholiker und später krebskranker Mann habe er sein Bergwerkprojekt nie fertig bekommen. „Das ist für mich zwischen Don Quijote und Hamlet“, beschreibt der Regisseur.
Inszeniert das Stück "Im Berg": Regisseur und Schauspieldirektor Armin Petras
Inszeniert das Stück „Im Berg“: Regisseur und Schauspieldirektor Armin Petras
© Foto: Marlies Kross
Fühmanns Bergwerk-Recherche ist dem Theater zufolge ein einfühlsamer Bericht mit kritischem Blick auf das grobe und zarte Leben in der DDR. Es drücke die Sehnsucht des Autors aus nach Wegen aus der Sprachlosigkeit in einer bleiernen Zeit. Das Fragment sei überdies eine Suche nach der Daseinsberechtigung von Kunst und gelebter Nähe zu den arbeitenden Menschen und ihrer Kultur. Als bekennender „Fühmann-Verehrer“ hat Petras all das und noch mehr in das spartenübergreifende Schauspiel gepackt. „Dieser Gesellschaft zu dienen ist das Gebot meines Seins...und Künstler zu sein. (...) Doch woher dieses wilde Schamgefühl? Ich wollt es wissen, alles von Anfang an (...), warum lebe ich und wozu“, heißt es etwa im Stück vom Dichter Franz, eindrücklich gespielt von Robert Kuchenbuch.

In West-Berlin wollte man den Stoff nicht

Petras hatte das Fühmann-Fragment lange in der Schublade und vor Jahren einem großen Theater im Westen Berlins angeboten, wie er sich erinnert. Er habe aber damals keine Antwort bekommen. Auch habe Verständnis dafür gefehlt. Mit den zwei Komponisten steigt er beim Musiktheaterstück in verschiedene Schichten der musikalischen und literarischen Geschichte herab. Die Lebenswirklichkeit der DDR, die Hoffnungen und Enttäuschungen des Autors Fühmann und seiner Figuren werden auch in dem Stück von Petras von „unten“ beleuchtet.
Spannend sei gewesen, Ideologien als Operettenstoff zu betrachten, beschreibt Komponist Kürstner die Arbeit. Für seinen Kollegen Vogel, der unweit des Mansfelder Landes mit seinem Kupferschieferbergbau geboren wurde, ist der Bergbau Sinnbild, im Leben Geschichten „freizulegen zu sich selbst“. Auch Regisseur Petras ist dem Bergwerksstoff nah. Er selbst hat drei Jahre im thüringischen Nordhausen gelebt - ein altes Bergbaugebiet im Südharz. Und ergänzt: „Ich erzähle lieber mehr Geschichten, die ich kenne.“

Saisonstart in Cottbus

Mit „Raumfahrer“ nach dem Roman von Lukas Rietzschel startet am Freitag (9. September) die neue Spielzeit am Staatstheater Cottbus. Die Uraufführung
von Armin Petras, Sebastian Vogel und Thomas Kürstner nach dem gleichnamigen Roman von Franz Fühmann ist eine Kooperation des Lausitz-Festivals und wird insgesamt vier Mal gespielt, am 10.9., 19.30 Uhr, 17.9., 19.30 Uhr; 16.10., 16 Uhr und 24.11., 19.30 Uhr. Karten und Infos unter www.staatstheater-cottbus.de.