„Kommt bitte hier aus der Mitte nach vorn und dann versucht mal, euch durch das Tuch durchzukämpfen“. Die Regieanweisungen von Claudia Meyer sind sehr klar, aber nicht autoritär. Vieles hat sie schon vor der Inszenierung im Kopf. Sie spricht leise, aber konzentriert. Von Mal zu Mal wechselt sie den Standort im Zuschauerraum, um zu sehen, wie das Bühnenbild aus unterschiedlichen Perspektiven wirkt.
Fertig ist es, zehn Tage vor der Premiere, ohnehin noch nicht. Noch arbeitet man mit Proben-Deko, wie es am Theater heißt. Chor und Orchester studieren ihren Part noch woanders ein. Bevor alles auf der großen Bühne zusammenkommt, vergehen noch ein paar Tage. Auch die Kostüme werden noch in der Schneiderei genäht. Sängerinnen und Sänger proben in Weiß oder einfach im Jogging-Anzug.

Claudia Meyers zweite Inszenierung in Cottbus – nach „L‘Orfeo“

Am Sonnabend hat die Puccini-Oper „La Bohème“ am Staatstheater Cottbus Premiere. Regisseurin Claudia Meyer, die in Potsdam geboren wurde und Schritt für Schritt mit Regie-Leistungen an renommierten Häusern in Deutschland, Österreich und der Schweiz ihre Handschrift hinterließ, inszeniert zum zweiten Mal in Cottbus.
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In ihrer ersten Arbeit spürte sie mit „L‘Orfeo“ dem Orpheus-Mythos von Monteverdi nach. Was interessiert sie nun an „La Bohème“? Jene Geschichte des Dichters Rodolfo (Alexey Sayapin), der sich mit seinen Freunden der Kunst, aber auch dem süßen Leben verschrieben hat, und der sich in seine Nachbarin Mimi (Ji Eun Choi) verliebt. Doch jenseits aller Poesie und Lebenslust warten Hunger, Not und Krankheit.
Die Oper ist mehr als 120 Jahre alt und hatte in früheren Zeiten oft einen folkloristischen Anstrich: Arme Künstler sind lustig und schlagen sich durch. Dass der Preis dafür – bis hin zur Selbstverleugnung – schon immer hoch war, geriet oft in den Hintergrund. Claudia Meyer sagt dazu: „Ich versuche, die Gegensätze unserer Zeit, die Verunsicherungen durch Kriege, Krisen und Corona, mit einfließen zu lassen“. Gerade die Künstler habe es hart getroffen.

Anspielungen auf einen Zirkus in Mikolajiw in der Ukraine

Muss man diese Oper heute nicht anders inszenieren? „Nicht unbedingt“, sagt Dramaturg Patric Seibert-Wolf. Die „Bohème“-Geschichte von Puccini sei stark genug und stehe für sich. Auch die Charaktere und Figuren bedürfen keiner Experimente. Und doch gebe es Besonderheiten. Das Bühnenbild (Claudia Meyer und Konstantina Dacheva) stellt eine Verbindung zum Krieg in der Ukraine her. Die Szenerie des ursprünglichen Spielorts Paris wurde verlegt. Die Oper spielt nun in einem Zirkuszelt, worin sie weiteren Bezug auf ein Theater in der ostukrainischen Stadt Mikolajiw nimmt. Die kleine Truppe spielt dort seit dem russischen Überfall in einem Bunker. Die Frage der Befindlichkeit von Kunst und Kultur erreicht hier grundsätzlich existenzielle Fragen. Auch dieser Bunker wird sich im Bühnenbild wiederfinden.
Und noch etwas hatte Puccini im Original nicht vorgesehen. Die Regie hat eine Cottbuser Pole Dance-Artistin eingebaut. Mareike Linzer betreibt diesen Sport an der Stange schon lange und betreibt in Cottbus ein Studio. Pole Dance hat eine lange Tradition. Bereits im Indien des 12. Jahrhunderts kannte man Akrobatik an der Stange – natürlich als Männersport. Er gilt bis heute als eine artistisch-akrobatische Höchstleistung, weil alle Muskeln des Körpers beansprucht werden. Der schlechte Ruf ist erst durch die Striptease-Bars der USA in den 1950er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstanden.

Pole Dance – Erotik oder Akrobatik?

Ist das nun Erotik oder Akrobatik in „La Bohème?“ „Was ich da tue, ist ziemlich sportlich“, sagt Mareike Linzer. Aber Erotik beginnt ja im Kopf. Darüber darf das Publikum selbst entscheiden. Weitere Besonderheiten hat die Cottbuser „La Bohème“ zu bieten: die Hauptrolle der Mimì singt die junge koreanische Sopranistin Ji Eun Choi. Sie hat erst kürzlich ihr Studium an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ abgeschlossen. Es ist ihre erste große Rolle. Ebenfalls zum ersten Mal singt Alina Tkachuk in Cottbus; die ukrainische Sopranistin ist alternierend mit Ketevan Chuntishvili in der Rolle der Musetta zu hören und zu sehen. Es ist ein internationales Ensemble, das hier auf der Bühne steht. Künstlerinnen und Künstler, die in Cottbus vielleicht schon eines gefunden haben: ein neues Zuhause.
„La Boheme“: Premiere am Staatstheater Cottbus: Sonnabend (22.10.), 19.30 Uhr; Vorstellungen: Sa (29.10.), 19.30 Uhr und So (27.11.), 19 Uhr. Tickets: 0355 7824 242