Krabat am Staatstheater Cottbus: Das Geheimnis des sorbischen Faust - fulminant ohne Happy End

Hauptfigur: Torben Appel als Krabat beim Sommertheater Open Air im Hof der Alvensleben-Kaserne in Cottbus
Bernd SchönbergerSchon am Eingang wird Ankommenden Sagenhaftes ins Ohr geflüstert. Auf dem Marktplatz sehen sie dann zu, wie ein neugeborenes Bündel der totenbleichen Mittagsfrau übergeben wird. Krabats Mutter (Sigrun Fischer), die das Kind von einem Söldner gewaltsam empfangen hat, kann ihn weder lieben noch ernähren. Die respekteinflößende Mittagsfrau (Ariadne Papst) ganz in ein weißes Gewand gehüllt und vom weißen Sprechchor begleitet, aber wettet auf den ausgestoßenen Krabat. Ein Held soll er werden.
Angezogen von den finsteren Flügeln der Schwarzen Mühle sucht Krabat die Geheimnisse der Welt. Der Schwarze Müller wartet schon auf ihn. Gunnar Golkowski gibt ihm mit wirrem Haar und Wolfsaugen unheimliche Gestalt. Ein einschmeichelnder Entertainer ist er, ein demagogischer Menschenfischer, ein Dämon, der den Wissensdurstigen als Lehrling in seine Fänge lockt. Geisterhaft malochende Gesellen halten den Mühlstein in Bewegung. Durch einen faulen Zauber zwingt der Meister sie, sein Räderwerk der Macht am Laufen zu halten. Ist das Korn oder Gold, sind es gar Knochen, die da gemahlen werden? Ein Brandzeichen bindet die Gesellen an die Mühle, die regelmäßig in Raben verwandelt werden. Jedes Jahr verschwindet einer von ihnen sang- und klanglos. Denn da breitet ein riesiger Vogel seine pechschwarzen Flügel aus und steckt seinen gefräßigen Schnabel sogar in die Zuschauerreihen. Gevatter Tod ist genial verpuppt, aber allgegenwärtig.
Krabat zum ersten Mal überhaupt am Staatstheater Cottbus
Die Schauspielidee ist sagenhaft und berührt Kopf und Herz der Lausitz wie kaum zuvor. „Krabat“, der mächtige sorbische Zauberer, verehrt wie ein Nationalheld oder gar als „sorbischer Faust“, hat auf der Sommerbühne im Hof der Alvensleben-Kaserne seinen großen Auftritt. Und das zum ersten Mal überhaupt am Staatstheater Cottbus.
Für diesen knalligen Theaterstoff hat Ausstatter Francis O´Connor fantasievolle stimmige Kostüme und eine über die Rampe hinausragende mystisch anmutende Bühne geschaffen. Jeder der Müllergesellen ist eine Type für sich. Altgeselle Tonda (Markus Paul) nimmt den Neuankömmling unter seine Fittiche und kann sich selbst nicht retten. Lyschko (Bo Anderl) ist ein schleimender Zuträger. Die vermeintlich dumme Juro (lustvoll gespielt von Sarah Liebert) erweist sich als die Listigste...
Schnell können sich die Zuschauer auf das Geschehen einen Reim machen. Denn mit Sprachwitz, Reimen, Liedern, auch sorbischen Worteinsprengseln und Live-Musik wird die Düsternis erhellt. Dafür gibt es ein großes Aufgebot. Nicht nur Schauspieler des Ensembles vermitteln mit großer Eindringlichkeit und Vielschichtigkeit den sagenhaften Stoff. Auch Studierende der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin und viele Laien aus Bürgersprechchor, Singakademie und der Cottbuser Walddorfschule sind mit viel Herzblut dabei. Der Volksmund ist erfrischend mit im Spiel. Weit mehr als 80 Mitwirkende. Für passende Musik sorgen Max Braun und Jo Ambros mit einer Band, die an diesem magischen Theaterort zusammenkommt.

Die Mühlen des Müllers: Gunnar Golkowski als Meister müht sich unter Aufsicht von Gevatter Tod.
Bernd SchönbergerDie Liebe der Mütter gegen bösen Zauber
Schon beim Erarbeiten der Bühnenfassung der nahezu 350 Jahre alten, variantenreich überlieferten Sage waren der aus Österreich stammende Schauspieler und Regisseur Wolfgang Michalek und Co-Schauspieldirektor Armin Petras gut beraten, sich nicht nur an Otfried Preußlers „Krabat“-Buch aus dem Jahre 1971 zu orientieren. Sie suchten auch das Gespräch mit Kennern und Künstlern der Region. Viele von ihnen sind mit Jurij Brězans „Die schwarze Mühle“ (1968) groß geworden. „Krabat oder Die Verwandlung der Welt“ war eines der wichtigsten Romane des bedeutenden sorbischen Schriftstellers.
In der neuen Version vermischen sich Preußlers und Brězans Sichtweisen auf die Figur, fließen Passagen in Reimen ein. Auch Goethe-Verse, als Fußnote auf den „sorbischen Faust“. Und das, was und wie man es sich ringsum in den Dörfern erzählt.
Und was wird dabei aus Krabat? Er sehnt nichts sehnlicher herbei, als Frieden zu haben vor dem bösen Müller. Was aber kann ein Einzelner gegen die Mächtigen? Nur Mütter können Söhne retten, so heißt es hier. Und Töchter wie Juro. Ihre Mutter will auch Krabats Mutter sein. Nichts vermag der böse Zauber gegen die Liebe der Mütter, beschwört Sigrun Fischer mit einer Urgewalt, die auch das Spiel Gunnar Golkowskis umweht.
Krabat geht Fragen der Gegenwart nach
Auch wenn der Zauber des Meisters am Ende gebrochen ist, ein Happy End wie im Märchen gibt es nicht. Krabat (Torben Appel, der die Rolle kurzfristig übernommen hat, großartig in seiner Zerrissenheit) wird kein Heldenlied gesungen. Er will kein Zauberer mehr sein, sondern sucht danach, was ein Mensch tun muss. Fragen setzen Wegzeichen, verwirrend und problembeladen wie die Gegenwart. Zwischen Verschwörungstheorien, Hassbotschaften, Umwelt- und Kriegsängsten wird klar: Einer allein kann den faulen Zauber nicht lösen und den Sumpf trockenlegen. Eine Weltkugel von Gedanken rollt über die Festwiese.
So bleibt auch das Glücksland, das Krabat seiner angebeteten Kantorka (Studentin Mathilda Maack gibt die namenlose Vorsingerin mit viel Eigensinn) versprochen hat, nur eine schöne Illusion.
Um die Zuschauer nicht trostlos zu entlassen, können sie sich bei Annemarie-Polka und Sorben-Rap dennoch nach der Vorstellung darin amüsieren und mit den Akteuren ein sorbisches Fest feiern. Ein fulminanter Saisonabschluss!
Karten
Karten für zwölf Vorstellungen bis 3. Juli sind im Besucherservice (im Großen Haus, Schillerplatz 1, +49 355 7824 242) sowie online über www.staatstheater-cottbus.de erhältlich. Die nächsten Vorstellungen sind schon ausverkauft. Tickets gibt es wieder ab 23. Juni.

