Heinz Rudolf Kunze in Cottbus: Heimspiel in der Stadthalle – so war das Konzert

Füllt den Saal: Heinz Rudolf Kunze auf der Bühne in der Stadthalle Cottbus.
Michael HelbigSo proppenvoll war die Cottbuser Stadthalle schon lange nicht mehr. Und die sonst eher abwartenden Lausitzer müssen nicht erst aufgeweckt werden. Mit Kreischen und Vorschussbeifall begrüßen sie Heinz Rudolf Kunze am Freitagabend (4. Oktober).
Der lässt sich erst einmal aus einer Zwangsjacke befreien. „Der Wahnsinn hat Methode... der Irrsinn hat System“ singt er an gegen galoppierende Idiotie. Eine Raubkatze auf der Bühnenleinwand mit charakteristischer Kunze-Brille zeigt dazu ihre scharfen Zähne. Rotzfrech steckt sie die Zunge heraus. Oder ist es eher ein herzhaftes Lachen?
Heinz Rudolf Kunze: Konzert des Lokalmatadors in Cottbus
Erst mal „Können vor Lachen“. Heinz Rudolf Kunze treibt den Zuschauern tatsächlich immer wieder Lachtränen in die Augen. Das Multitalent, dessen Elternhaus in Gubin stand, entfacht mit seinem gleichnamigen 39. Studioalbum ein Feuerwerk, wie es ein Ehepaar aus Bad Muskau nennt, das eines der letzten Plätze ergattert hat.
Dabei kommt für den 67-jährigen Deutschrocker das Können vor Lachen. Und er kann. Hallen füllen. Tacheles reden. Kluge Sprüche klopfen. Klare Haltung zeigen. Gänsehauttaugliche Lieder schreiben und überschäumende Hits. Und es scheint, als entdecke er nicht nur Gitarre und Klavier immer wieder neu, sondern auch seine Stimme als Instrument.
Heinz Rudolf Kunze spielt Vielzahl an Songs in Cottbus
Auch an diesem Abend in Cottbus schöpft der produktive Rockpoet aus einer ungeheuren Zahl von Songs, die in mehr als 40 Bühnenjahren entstanden sind. Wobei rund 500 das Licht der Öffentlichkeit erblickten und weitere in mittlerer vierstelliger Zahl in der Schublade schlummern und darauf warten, auf der Bühne Premiere zu feiern oder wenigstens auf einem Album zu landen.
Auf sehr persönliche Weise bringt er auch seine Verletzlichkeit auf die Bühne und Ohnmacht, die ihn befallen beim Nachdenken über den Zustand der Welt. „Klar hab‘ ich geweint“, bekennt er und beschreibt, wie es war, im Westen „einer von drüben zu sein“. Das spricht vielen aus dem Herzen, die selbst erfahren haben: „Du musst besser sein als der Rest“.
Der Klassiker: „Dein ist mein ganzes Herz“ (Aufnahme von 1985):
Und schon steht der ganz Saal, denn HRK beschwört den Eigensinn, eine menschliche Tugend, die oft wenig anerkannt ist: „Ich geh‘ meine eigenen Wege“, klingt es vielstimmig zurück aus der Halle. Kunze ist keiner, der schon in der Vorschule von Work-Life-Balance faselte, stellt er klar – und: „Wenn wir die Regeln nicht wollen, müssen wir uns eigene machen.“
So schwelgen alle im Freiheitsgefühl, zumal an subtilen Seitenhieben auf den Zeitgeist nicht gespart wird. Vor allem aber durchmisst Kunze die Möglichkeiten von Glück. Wobei er weder den Krieg ausblendet noch die Gefahr, durch falschen Trotz vielleicht einmal nicht mehr die Wahl zu haben. Und er spricht von seinem Traum, in dem wenigstens für einen Tag die Welt stillsteht, Freundlichkeit, Unschuld, Wahrheit und Leben nicht bedroht sind.
Heinz Rudolf Kunze: Am Ende bringt er Cottbus zum Leuchten
Der 67-Jährige bildet eine Rettungsgasse inmitten des Irrsinns, versichert: „Die Dunkelheit hat nicht das letzte Wort“. Dabei hat der vielseitige Musiker „die Verstärkung“ an seiner Seite. Die Band aus sechs exzellenten Musikern setzt ganz eigene Lichtpunkte an diesem Abend. Und auch das Publikum sorgt für Verstärkung, was auf die Bühne kraftvoll zurückschwappt. Am Ende wird noch einmal „Mit Leib und Seele“ getanzt, mutiert die Lausitz im Smartphone-Leuchtfeuer zum „Horn der Guten Hoffnung“. Schon lange sitzt keiner mehr auf seinem Stuhl.

Zugaben über Zugaben. Beim Kunze-Hit „Dein ist mein ganzes Herz“ in der Stadthalle Cottbus flogen dann auch Luftballons.
Ida KretzschmarFür den aus der Lausitz stammenden Rockpoeten ist das ein Heimspiel, wie es im Buche steht. Und so lässt er sich auch bei den Zugaben nicht lumpen, bringt noch einmal seine ganz großen Hits. „Dein ist mein ganzes Herz“ wissen die Leute hier längst, die sich fest in den Arm genommen haben. Nun signalisiert der Sänger „Ich bin mit dir auf gleicher Augenhöhe“. Als er nach drei Stunden und drei Zugaben mit seinen Musikern die Bühne verlässt, begleitet ihn der Chor aus dem Saal mit der liebevollen Warnung: „Wenn du nicht wiederkommst …“ Wetten, der kommt wieder.
Zur Person
Heinz Rudolf Kunze stammt mütterlicher- und väterlicherseits aus der Lausitz. Er wird 1956 im Flüchtlingslager Espelkamp geboren, wächst in Osnabrück auf und lebt heute in der Nähe von Hannover. Sein Elternhaus aber stand in Gubin. Noch heute sieht er dort seine Wurzeln, sagt der Rockpoet, der Germanistik und Philosophie studiert hat.
Der Schriftsteller, Rocksänger, Liedermacher, und Musicaltexter/-übersetzer begann 1980 seine künstlerische Karriere mit einem erfolgreichen Beitrag beim deutschen Pop-Nachwuchs-Festival in Würzburg. Ein Jahr später schloss er seinen ersten Plattenvertrag ab und veröffentlichte sein Debütalbum „Reine Nervensache“, worauf die erste Deutschlandtour startete. 1985 erscheint die Single „Dein ist mein ganzes Herz“. Sie erlangt Goldstatus. Darauf folgen mehrere Deutschland-Tourneen. Kunze veröffentlichte 39 Studioalben und mehr als ein Dutzend Bücher. Die Tonträger des vielfach ausgezeichneten Musikers wurden millionenfach verkauft.
