Zwei Brüder, die einmal sehr vieles verbunden hat, und die sich inzwischen aber ein bisschen aus den Augen verloren haben: Mit „Chleb I Sól“ („Bread And Salt“) liefert Regisseur Damian Kocur, Jahrgang 1983, das genau beobachtete Psychogramm einer hochkomplexen Beziehung ab. Und er schildert die Frustrationen junger Menschen über das oft einengende Leben in der Provinz. „Chleb I Sól“ liefert einige Erklärungsansätze dafür, wie sich Polen zu dem rechtslastigen, fremdenfeindlichen, von der PiS dominierten Land werden konnte, als das es sich heute präsentiert. Der Beitrag läuft auf dem diesjährigen Filmfestival Cottbus im Hauptwettbewerb für lange Spielfilme.

Was passiert in dem Film?

Tymek (Tymoteusz Bies) kehrt in den Semesterferien in seine heimische Plattenbau-Trabantenstadt zurück, irgendwo in Polen gelegen, es spielt keine Rolle, wo genau. Er ist ein strebsamer und aufstrebender Musikstudent. Seine Klavierkünste haben ihm ein Stipendium in Düsseldorf eingebracht, das er nach den Sommerferien antreten wird.
Jacek (Jacek Bies, l.) und Tymek (Tymoteusz Bies) laufen durch die Siedlung ihrer Kindheit. Sie haben sich zunächst nicht mehr viel zu sagen.
Jacek (Jacek Bies, l.) und Tymek (Tymoteusz Bies) laufen durch die Siedlung ihrer Kindheit. Sie haben sich zunächst nicht mehr viel zu sagen.
© Foto: Studio Munka
Und dann ist da Jacek (Jacek Bies), der jüngere Bruder. Auch er hat einst viel Zeit dem Klavierspiel gewidmet. Doch er ist daheim geblieben und will auch nicht raus. Stattdessen hängt er lieber mit der alten Clique aus latent aggressiven Vorstadt-Proleten ab, die ihren Hass und ihre Vorurteile nur allzu gerne auf den Betreibern der örtlichen Dönerbude abladen. In der sie dann doch immer wieder am Ende ihrer nächtlichen, alkoholgeschwängerten Partytouren einkehren.
Im Laufe der Sommerferien fällt Tymek in alte Muster zurück, er passt sich an die Rituale und Gewohnheiten seiner alten Freunde an, fährt mit ihnen zum Badesee, zieht mit ihnen um die Häuser. Es ist ihm stets anzumerken, dass er sich dabei nicht wohlfühlt. Er hält sich abseits. Aber nach anfänglichen Abgrenzungs- und Korrekturversuchen resigniert er quasi innerlich und macht mit.
Sein Unwohlsein mit der Situation manifestiert sich besonders an seinem Verhalten zu einer jungen Frau aus dem Freundeskreis. Als diese ihm deutliche Avancen macht, reagiert Tymek auffallend zurückhaltend und ausweichend.

Welche Konflikte behandelt Regisseur Kocur?

Es geht um die Frustrationen Jugendlicher in abgelegenen Regionen. Das Setting des Films ist eine typische postsozialistische Plattenbausiedlung; ein lebendiger Ortskern ist nicht zu erkennen. Die jungen Erwachsenen vertreiben sich die Zeit mit Alkohol, Computerspielen und „Abhängen“. Ernsthafte Karriere-Ambitionen scheint niemand zu verfolgen, außer dem talentierten Pianisten Tymek, der hier als Ferien-Rückkehrer nur vorübergehend weilt. Der Film handelt auch vom fragilen Selbstwertgefühl seiner Figuren, die noch nach ihrem Weg im Leben suchen.
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In dieser Lage konzentrieren sich Frust und Hass der Protagonisten in besonderer Weise auf die arabischen Betreiber des örtlichen Döner-Restaurants. Eine bedrohliche Grundstimmung zieht sich durch den Film. Die Jugendlichen haben eine ganz kurze Hutschnur; die Situation, das lässt sich beim Zusehen förmlich spüren, könnte jederzeit eskalieren.

Wer sollte „Cleb I Sól“ eine Chance geben?

Der 100-Minüter ist ein wunderbarer Beitrag für alle, die Coming-of-Age-Filme schätzen und verstehen wollen, wie es zu rechten Subkulturen kommen kann. Dieser mit einem überzeugenden Cast gedrehte Film erzählt auch davon, wie wichtig es ist, in brenzligen Situationen Rückgrat zu beweisen. Mit seiner Konzentration auf wenige, wiederkehrende Drehorte findet er die geeigneten Ausdrucksmittel für die bedrückende Enge, die das kleinstädtische Plattenbau-Umfeld jungen Leuten bietet. Manche Szenen erreichen eine fast kammerspielartige Qualität.
„Chleb I Sól“, („Bread And Salt“), Pl 2020, 100 Min., Donnerstag (10.11.), Stadthalle, 17.15 Uhr, Freitag (11.11.), 14.45 Uhr, Weltspiegel Saal 2