Festival in Bornsdorf: Kammermusik in der Drauschemühle – Klassik mit Wohlfühlatmo

Auftaktkonzert zum Festival „Fließen“ in der Drauschemühle, Kammermusik mit Antje Weithaas (M.) in der Konzertscheune
Zuzanna SpecjalDie Atmosphäre: Sommerfest. Kinder tollen ausgelassen auf dem Trampolin, Gäste entspannen auf dem Rasen oder unter Bäumen im Schatten, Pferde sehen zu. Die Drauschemühle bei Bornsdorf in der Lausitz ist an diesen glühend heißen Julitagen ein „Place-to-be“.
Zum Auftaktkonzert des neuen Festivals „Fliessen“ (der Name stammt von den Gewässern und Flüßchen des nahen Spreewalds, ist bei tropischen Temperaturen aber auch sonst Programm) sind die Besucher aus Berlin und anderswo busweise nach Bornsdorf angereist. Und die lokale Bevölkerung nutzt die Gelegenheit für einen Scheunenblick im Open Air Bereich. Bratwurst und Kaffee und Kuchen in der Pause, fröhliche Kinderstimmen mitten in die leisen Passagen des Konzerts, begeisterter Spontanapplaus zwischen den Sätzen – alles hier kein Problem. Die Zeichen stehen eindeutig auf Wohlfühlatmosphäre – und die Kammermusik, die in der großen Konzertscheune geboten wird, ist gleichwohl von Weltklasse.

Begrüßt die Gäste: Hausherr Martin Helmchen beim Auftaktkonzert des neuen Kammermusik-Festival „Fließen“ in der Drauschemühle
Zuzanna SpecjalDer Pianist Martin Helmchen und die Cellistin Marie-Elisabeth Hecker haben sich einen Traum erfüllt. Sie laden sich ihre Freunde und Kollegen, allesamt internationale Spitzenmusiker der Klassikszene, nach Hause ein und richten ein einwöchiges Festival aus, das neben der eigenen Scheune auch diverse Locations in der Nachbarschaft bespielt, etwa die Glashütte in Baruth, den neuen Konzertsaal in der Kulturweberei in Finsterwalde sowie diverse Stadt- und Dorfkirchen.
Konzert in Bornsdorf mit nahbarer Musik in Wohlfühlatmosphäre
Das Schöne dabei: Da bei der 15-köpfigen Musikertruppe alle möglichen Instrumente vertreten sind, ist innerhalb eines einzigen Konzerts weitaus mehr möglich als üblicherweise bei Kammermusik. So erklingen beim Auftaktkonzert, das passenderweise dem Thema „Musik und Natur“ gewidmet ist, Klavierquintette mit zwei verschiedenen Pianisten, aber auch Flöte sowie Cello mit Klavier und eine seltene, aber besonders schöne Romanze für Fagott und Orchester von Edward Elgar. Hausherr Martin Helmchen sowie sein Kollege Aris Alexander Blettenberg moderieren entspannt auch über kleinere Missgeschicke, etwa eine gerissene Saite im Flügel, hinweg, und am Ende liegen sich alle erleichtert in den Armen.

Erleichterung beim Schlussapplaus: die Musiker nach Schuberts „Forellenquintett“ beim Festival „Fließen“ in der Drauschemühle
Zuzanna SpecjalDas Publikum im rudimentär hergerichteten Scheunenraum und draußen vor dem weit geöffneten Scheunentor erlebt tatsächlich fast ein Hauskonzert, so intim der Rahmen, so nahbar die Musiker und so warm und weich der Klang im von viel Holz geprägten Raum. Da flüstert und wispert die Violine von Antje Weithaas gleich zu Beginn bei Lili Boulangers „Frühlingsmorgen“ in die atemlose Stille, als sei sie kurz vor dem Verstummen, und Pirmin Grehls Flöte tirilliert und singt in Oliver Messiaens „Le Merle Noir“ wie die titelgebende Schwarzamsel. Franz Schuberts „Forellenquintett“ darf beim Thema Natur natürlich nicht fehlen und treibt Martin Helmchen bei den quecksilbrig fließenden Koloraturen durchaus die Schweißperlen in die Locken, und am Ende ist Antonin Dvoraks großes Klavierquintett in A-Dur der erhabene Höhepunkt des Programms - bei dem das Gastgeberduo bescheiden zurücktritt und den Gästen den Raum überlässt.

Garten-Diskussion mit Gert Streidt (M.) und Moderator Frederik Hanssen (l.) beim Festival „Fließen“ in der Drauschemühle
Zuzanna SpecjalUnd, weil der Ort so besonders und die Neugier so groß ist, haben sich die mitveranstaltenden Brandenburgischen Sommerkonzerte noch ein kleines Rahmenprogramm überlegt, mit einer durch Musikjournalist Frederik Hanssen moderierten Garten-Diskussion unter schattenspendenden Bäumen. Da darf der ehemalige Branitzer Direktor Gert Streidt für den Strukturwandel in der Lausitz werben und Eugen Nowak vom Biosphärenreservat Spreewald erklären, wie sich Natur, Tourismus und Klimawandel zueinander verhalten. Zu viel Tourismus in den Sommermonaten, so seine Botschaft, kann durchaus auch ein Problem sein. Ein Problem, das sich durch dieses schöne neue Festival eher noch vergrößern dürfte.
Festival Fließen: Nächste Konzerte 10.7. (Pfarrkirche St. Nikolai in Luckau), 11.7. (Glashütte Baruth), 13.7. (Paul-Gerhardt-Kirche Lübben), 14.7. (Kulturweberei Finsterwalde), Finale am 15.7. in der Drauschemühle Bonsdorf, Tickets unter www.ticketmaster.de


