Dokfilm Festival 2023: Grit Lemke hat mit ihrem Sorben-Film in Leipzig Premiere

Grit Lemke (Mitte) bei der Premiere ihres Films "Bei uns heißt sie Hanka" in Leipzig
Lukas DillerWer sind eigentlich die Sorben? Zu DDR-Zeiten wurden sie als rückständige Menschen in Trachten angesehen, von denen man annahm, dass es sie eigentlich gar nicht mehr gibt. Offiziell galt die sorbische Kultur zwar als schützenswert, doch de facto wurde nichts unternommen, um ihrer Auslöschung, die in mit der Gründung des Deutschen Reichs eingesetzt hatte und unter den Nazis deutlich verschärft worden war, Einhalt zu gebieten.
Das slawische Volk in der Lausitz – es bewohnte vor der Invasion der Germanen das gesamte Gebiet zwischen Elbe und Oder – erfährt in Grit Lemkes spannendem Dokumentarfilm „Bei uns heißt sie Hanka“ eine überfällige Rehabilitierung. Lemke nutzt die Entdeckung ihrer sorbischen Wurzeln, um heutiges sorbisches Leben zu dokumentieren. Menschen diverser Generationen und sozialer Milieus erzählen von ihrer sorbischen Identität, interpretieren sie mal traditionell, mal moderner.
Die Regisseurin Grit Lemke, von einigen Protagonisten liebevoll „Gritka“ genannt, erinnert sich etwa an ihre Großmutter Anna, die „komisch“ Deutsch sprach, weil sie alles doppelt negierte und keine Umlaute berücksichtigte. Heute versuchen Junge und Ältere, die beiden sorbischen Sprachen wieder aktiv zu benutzen, auch wenn man ihnen ihre deutsche Intonation und das nicht gerollte „R“ anhört. Prozessionen in Trachten gibt es immer noch, doch auch Fußballfans des 1.FC Cottbus bekennen sich zu ihrem Sorbischsein. Alte Fotoalben werden inspiziert, Familiengeschichten wieder aufgerollt und eine sorbische Delegation schafft es sogar bis in die EU, um auf ihren Status als indigenes Volk zu pochen.
Die Retrospektive von Dok Leipzig stand in diesem Jahr in sechs Filmprogrammen unter dem Motto „Film und Protest – Volksaufstände im Kalten Krieg“. Außerdem beschäftigten sich laut den Festivalmachern viele Filme mit Lehren aus der Vergangenheit. Dass sie immer berücksichtigt wurden, darf etwa angesichts des bedrückenden deutschen Dokumentarfilms „Die Kinder aus Korntal“ bezweifelt werden. In dem baden-württembergischen 9000-Seelenort wurden in einem evangelischen Kinderheim jahrzehntelang Kinder und Jugendliche gedemütigt und missbraucht. Frühere Bewohner des Heims strengten eine Entschädigungsklage an und berichten in Julia Charakters Film über ihre leidvolle Kindheit.
Trailer zu „Die Kinder aus Korntal“ auf YouTube:
Grausamkeiten, körperliche Züchtigungen und sexuelle Gewalt bestimmten das Leben der Kinder. „Wir waren nichts wert“, resümiert ein ehemaliges Heimkind, heute ein über 60-jähriger Mann, bitter. Bis heute sind die damaligen Kinder von Korntal traumatisiert. Auch für die Zuschauer sind ihre Schilderungen schwer zu ertragen. Doch es gibt keine Aufarbeitung durch eine unabhängige Instanz; stattdessen wird vom kirchlichen Träger eine Gutachterin gestellt. Die Höhe der Entschädigungen ist zum Teil blanker Hohn. Dennoch geht es den Opfern weniger um Geld, als darum, gehört zu werden. Der sehenswerte Film erhielt den DEFA-Förderpreis in Höhe von 4000 Euro.
Hauptpreise für ein filmisches Tagebuch und einen Film über Seenotrettung
Der Hauptpreis des Festivals, die Goldene Taube im Internationalen Wettbewerb Dokumentarfilm, ging an Peter Mettlers „While the Green Grass Grows“. Es ist ein filmisches Tagebuch, das autobiografisch gefärbte Erinnerungen und Familienbeziehungen in Lebenszyklen reflektiert. Ebenfalls mit einer Goldenen Taube ausgezeichnent wurde ein Film über Seenotrettung: „Einhundertvier“ von Jonathan Schörnig schildert die Rettung von 104 Menschen aus einem sinkenden Schlauchboot im Mittelmeer.

Die Preisträger beim DOK Filmfest in Leipzig
Susann Bargas GomezIm Internationalen Wettbewerb Animationsfilm erhielt die neu geschaffene Goldene Taube Langfilm der chinesische Regisseur Xu Jingwei für „No Changes Have Taken In Our Life“ In einem Erzählduktus, der zwischen Lakonie und schwarzem Humor pendelt, erzählt er in realistisch animierten und doch kunstvollen Bildern von einem jungen Musiker, der in der erbarmungslosen neokapitalistischen Gesellschaft Chinas keinen Job findet. Trübsinnig und obdachlos driftet er in seinem Heimatort vor sich hin – stets begleitet von seiner riesigen Tuba.

