Am 9. Januar empfängt Moderator Jörg Thadeusz zu den Brandenburgischen Gesprächen am Staatstheater Cottbus zwei Gäste mit himmelschreiend unterschiedlichen Professionen - die Sportjournalistin Nele Schenker und die Psychoanalytikerin Annette Simon. Im Interview verrät Annette Simon vorab, was sie an dem Treffen reizt und wie sie als Tochter von Christa und Gerhard Wolf zum kritischen Schreiben gekommen ist.

Annette Simon, in der Gesprächsreihe steht eine Frage im Fokus: „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war?“ Sie erinnert mich an den Titel eines Ihrer Bücher in Anlehnung an Thomas Brasch: „Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.“ Wie kamen Sie dazu, über ostdeutsche Moral nachzugrübeln?

Annette Simon: Das war ein Ergebnis der Revolution 1989. Da hatte ich viel mit Westkollegen zu tun, die sagten: Ihr Ostdeutschen seid immer so moralisch. Das gab mir den Anstoß, darüber nachzudenken, wie ich mit verschiedener Art von Moral ausgestattet bin. Was dabei herauskam, ist nicht beispielhaft für alle Ostdeutschen. Es ist ein Nachdenken über mich.

Ihre Essays reflektieren die Veränderungen und Verwerfungen in Ostdeutschland seit 1989. Was ist für Sie ostdeutsche Identität? So homogen sind doch die Ostdeutschen gar nicht, wie manchmal herbeigeredet wird.

Eben. Ostdeutsche Identität hat sich erst so richtig nach 1989 herausgeprägt. Vorher haben ja nicht alle gesagt: Ich bin stolz, ein DDR-Bürger zu sein. Das war eher so von außen vorgegeben, nichts Innerliches. Dann merkte man auf einmal, dass man doch geprägt war, bestimmte Vorstellungen weiterwirken. In der Konfrontation mit dem anderen Leben ist die Frage wieder hochgekommen, wie man leben möchte.

Wie wollen Sie leben?

Nicht außerhalb der Gesellschaft. Ich will mich einmischen. Und ich sehe zu, unser Klima nicht noch mehr zu schädigen. Ich würde auch Demos für klimafreundliche Maßnahmen besuchen. Wenn es sich ergibt, gern mit meiner 14-jährigen Enkelin, die sich auch sehr dafür und für Frauen- und Menschenrechte engagiert. Auch im Westen gibt es Strukturen, die Entfaltungen entgegenstehen. Andererseits lassen sich auch Strukturen nutzen. Teile der Ostdeutschen fühlen sich abgehängt, das hat sicher auch soziale Ursachen. Und es gibt Menschen, die im Opferstatus verharren. Sie glauben, erst Opfer der DDR gewesen zu sein und nun Opfer von Corona-Maßnahmen oder einer Regierung, die über sie bestimmt. Und doch unterscheiden sich die Ostdeutschen sehr: Manche fühlen sich plattgewalzt von der Demokratie, andere nutzen die Möglichkeiten an Mitbestimmung und Mitwirkung.

In Cottbus begegnen Sie der Sportjournalistin Nele Schenker, die sich als Beobachterin dem Fußball widmet. Was reizt Sie an diesem Treffen?

Ich muss zugeben, dass ich eigentlich kein Sportfan bin. Interessant finde ich, dass wir verschiedenen Generationen angehören. Vielleicht hat Nele Schenker einen ganz anderen Blick auf die Vergangenheit und das Gegenwärtige.

Was sagen Sie als Psychoanalytikerin zu dem schnellen Aus der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft in Katar?

Es gibt im Moment so viele Brennpunkte auf der Welt, nicht nur Ukraine-Krieg und Klimakrise, da ist mir das Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft nicht so wichtig. Weil die Fußball-WM in Katar stattfindet, habe ich sie nicht verfolgt. Das ist für mich ein völlig irrsinniger Veranstaltungsort.

Eignet sich Fußball zur Erforschung gruppenpsychologischer Prozesse, wobei der Trainer als eine Art Gruppentherapeut gilt?

Das ist eine interessante Herangehensweise. Natürlich laufen beim Fußball gruppenpsychologische Prozesse ab. Der Zusammenhalt, das Mitfiebern, Stolz, Wut und Trauer über die deutsche Mannschaftleistung... Aber der Bundestrainer kann bestenfalls für seine Mannschaft eine Art Gruppentherapeut sein.

Brauchen wir nicht auch als Gesellschaft einen neuen Übungsleiter, um uns besser mit- und übereinander zu verständigen?

Ich halte nicht so viel von großen Autoritäten. Wichtig ist, die demokratischen Prozesse zu stärken. Und zur Demokratie gehört jeder einzelne. Dass jeder versucht, an dem Ort, wo er ist, sich zu engagieren. Politiker haben die Funktion zu vermitteln und bestimmte Dinge nach vorne zu bringen, aber ansonsten kommt es weniger auf den Übungsleiter an, sondern darauf, selbst etwas auszuüben, sich zu ermächtigen, einzumischen. Auf die Gesellschaft bezogen: Ich empfinde es immer sehr von oben herab zu sagen: Es taugt alles nichts, was die Bundesregierung macht. Sie muss von Anfang an ihre Arbeit in einer sehr schwierigen Lage bewältigen. Manches läuft da gut, manches nicht so gut.

Was im Moment fehlt, ist eine Brücke

Und doch treten in diesen Zeiten scheinbar unvereinbare Haltungen in Ost und West zutage. Jeder beharrt stur auf seiner Meinung. Wie erreichen wir, dass wir einander mehr zuhören?

Das ist ja ein Phänomen, dass sich seit der Coronakrise zugespitzt hat, dass die Lager sich so unversöhnlich gegenüberstehen. Aber es muss auch möglich sein, unterschiedliche Meinungen zu äußern. Was im Moment fehlt, ist eine Brücke. Ich habe manchmal das Gefühl, jeder möchte nur seine Meinung hinausposaunen und durchsetzen, ohne auf die Argumente anderer einzugehen. Es geht nur noch darum: Wer hat recht? Immer mehr verigeln sich mit ihren Existenzsorgen. Ein Gespräch kommt so nicht zustande. Journalisten können viel tun, in dem sie die Dinge von allen Seiten betrachten, auch die Politiker, die Vereine... Meine Tochter Jana Simon ist ja auch Journalistin. In ihrem Podcast fragt sie: Warum denken die so? Menschen unterschiedlicher Meinungen diskutieren darin miteinander.

Sie haben klinische Psychologie studiert und 16 Jahre an einer psychiatrischen Klinik in der Hauptstadt der DDR als Therapeutin gearbeitet, haben seit 1992 bis Ende 2022 eine eigene Praxis geführt, seit 1996 als Psychoanalytikerin. Wann sind Sie auf den Gedanken gekommen, zu schreiben – so wie Ihre Eltern Christa und Gerhard Wolf?

Ich bin keine Schriftstellerin. Und was ich zu DDR-Zeiten gedacht habe über den Zusammenhang von Psyche und Gesellschaft, hätte ich nie veröffentlichen können. Nach 1989 wurde ich zu Vorträgen aufgefordert über ostdeutsche Moral, das Leben in der DDR und die psychosozialen Verwerfungen nach der Revolution (Wende ist für mich kein passendes Wort). Aus diesen Vorträgen entstanden die Publikationen im Psychosozial-Verlag. Unbedingt Bücher machen war von mir nicht geplant.

Wie reagierten die Eltern auf Ihre Veröffentlichungen?

Einerseits freuten sie sich, dass ich mich öffentlich äußere. Andererseits hatten sie zu manchen Dingen eine andere Meinung. Darüber haben wir viel diskutiert. Auseinandergebracht hat uns das nicht.

Teil einer berühmten Familie

Christa Wolf gehörte zu den profiliertesten deutschsprachigen Schriftstellerinnen. Gerhard Wolf wird als Autor, Herausgeber, Lektor, Verleger und genialer Anstifter unangepasster Dichter verehrt. Wie ist das für Sie, auf Ihre bekannte Familie angesprochen zu werden?

Wer nur meinen Namen hört, weiß nicht unbedingt, wer zu meiner Familie gehört. Wenn man ein bisschen mehr weiß, dann kommt gleich: Wolf-Tochter, Mutter von Jana Simon, Frau von Jan Faktor.
Ich werde immer über die anderen definiert. Das scheint mein Schicksal zu sein. Aber ich bin Annette Simon und kann damit leben, dass um mich herum so viele bekannte Menschen sind. Das kenne ich, seit ich zwölf bin, als meine Mutter anfing, berühmt zu werden. Seither muss ich mich damit auseinandersetzen, dass wir alle in einen Topf geworfen werden. Dass es mir angeblich immer nur gut gegangen sein muss. Oder ich immer mit meiner Mutter einer Meinung gewesen sei. Obwohl doch jeder weiß, dass man mit seinen Eltern fast nie einer Meinung ist.

Offenes Haus für die Underground-Dichter vom Prenzlauer Berg

Wie haben Sie es als Kind und junge Frau empfunden, unter kritischen Schriftstellern aufzuwachsen, die sich im praktischen Leben anzupassen hatten?

Es war ein sehr offenes Haus, indem auch andere kritische Autoren zusammenkamen, auch die jüngeren Underground-Dichter vom Prenzlauer Berg. Diese Atmosphäre hat mich geprägt, durfte ich doch schon in der Pubertät mit dabeisitzen und auch West-Literatur lesen.

Spätestens seit der Niederschlagung des Prager Frühlings wollten Sie nicht immer artig sein.

Für mich war 1968 ein ganz entscheidendes Jahr in meinem Leben. Ich war 16 und empfand diesen Einmarsch der Warschauer Paktstaaten als unglaubliches Unrecht und war erstaunt, wie wenig in meiner Umgebung dagegen unternommen wurde. Da gab es erste starke Auseinandersetzungen zu Hause. Ich fühle mich der 68er-Generation des Ostens zugehörig. Mit dem Einmarsch ist sie sehr schnell zum Schweigen gebracht worden. Damit war klar: Auch in der DDR werden kritische Meinung und Opposition nicht zugelassen. Mein Weg danach war nicht der Westen, sondern keine Karriere zu machen. Ich wollte den Preis der Anpassung nicht zahlen. Und ich zahlte ihn nicht.

Ihre Eltern waren Erstunterzeichner der Petition gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann. Im November 1989 unterschrieben sie für „Unser Land“...

Diesen Aufruf habe auch ich zunächst unterzeichnet. Ich glaubte damit noch etwas Erhaltenswertes aus der DDR retten zu können. Aber als Egon Krenz unterschrieb, war die Sache für mich vom Tisch. Was nicht bedeutet, dass nicht mehr darüber nachzudenken ist, was man einbringen konnte in das Einheits-Deutschland. Mit dem Beitritt hatte sich das leider erledigt.

Sie engagierten sich früh in der oppositionellen Bewegung im Neuen Forum. Braucht es Distanz und Entfernung, um einen eigenen Weg zu finden?

Unbedingt. Meine Eltern waren sehr starke Persönlichkeiten, mit denen ich mich aber auch auseinandersetzen und streiten konnte. Man kommt ja auch von seinen eigenen Eltern weg, indem man eine eigene Familie gründet und eben den eigenen Weg geht. Mein Mann Jan Faktor kam aus Tschechien und hatte eine noch stärkere oppositionelle Haltung als ich.

Wie ist der Kontakt zu Ihrem Vater?

Gemeinsam mit meiner Schwester und unseren Männern sind wir oft bei ihm. Er ist jetzt 94.

Froh über das Ende der DDR

Wie schauen Sie im Rückblick auf die DDR und die deutsche Einheit?

Die DDR hat mich geprägt. Meine Eltern gehörten zur Aufbaugeneration und haben sich dann zunehmend abgesetzt von ihren ideologischen Prägungen. Es gab viele Versuche in diesem Land, hinter denen man stehen kann und dennoch bin ich froh, dass ich erleben durfte, wie es aufhörte zu existieren. Ich hätte mir ein weiteres Leben in dieser bleiernen Atmosphäre nicht vorstellen können. Dass man nicht reisen durfte, an bestimmte Informationen nicht herankam, ideologischen Zwängen unterworfen war, darauf kann ich gut verzichten.

Haben Ihre Eltern die Hoffnung auf einen menschlicheren Sozialismus am Ende aufgegeben?

Das kann ich nicht sicher beantworten. Sie merkten, dass der real existierende Sozialismus nicht funktioniert hat. Ob es diesen sogenannten dritten Weg gibt, darüber wird bis heute gestritten. Christa Wolf hat immer darauf bestanden, dass man die Möglichkeit haben muss, an Utopien zu glauben. Ich glaube nicht an Utopien. Sie bringen uns nicht weiter.

Woran glauben Sie?

An die Kraft des Einzelnen.

Brandenburgisches Gespräch am 9. Januar

Das Brandenburgische Gespräch mit Annette Simon und Nele Schenker findet am 9. Januar ab 19 Uhr am Staatstheater Cottbus statt. Der Eintritt ist frei. Kostenlose Tickets sind erhältlich direkt im Besucherservice sowie über den Webshop, den Spielplan und an der Abendkasse.
Annette Simon, Jahrgang 1952, ist Psychologin und Psychoanalytikerin. Nach dem Einmarsch der Warschauer Pakt-Staaten in Prag wurde sie Mitglied verschiedener oppositioneller Gruppen in der DDR, 1989 im Neuen Forum. Seit 1991 beschäftigt sich Annette Simon in ihrer Praxis und als Autorin mit der ostdeutschen Mentalität, Identität und den psychosozialen Prozessen der Vereinigung sowie der Auseinandersetzung mit dem ostdeutschen Rechtsradikalismus. Ihre Bücher wie „Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin“. Versuch über ostdeutsche Identitäten (2009, 2020) zeigen Simons unaufhörliche Reflexion ihres Berufs und seiner besonderen Stellung in der Gesellschaft.
Nele Schenker wurde 1990 in Cottbus geboren und widmet sich dem Sport. Nach dem Kunstturnen wurde sie zur Leistungssportlerin in Leichtathletik und besuchte die Eliteschulen am Olympiastützpunkt Brandenburg in Potsdam und Cottbus. Seit 2019 steht sie als ausgebildete Sportjournalistin für den Sportsender Sky live im Studio und im Stadion und moderiert unter anderem die Spiele der Deutschen Bundesliga. Zudem setzt sie sich für behinderte Kinder und Jugendliche ein und ist Sport-Schirmherrin der McDonald’s Kinderhilfestiftung.
Am 6. März wird in der Reihe dann der Schriftsteller Jan Faktor, Annette Simons Mann, gemeinsam mit dem Klimaexperten Ottmar Edenhofer erwartet.