An einem Sonntag! Was musste passieren, dass die Lausitzer Rundschau an einem Sonntag erschien? Sigmund Jähn musste passieren. Sigmund Jähns Start in den Weltraum am 26. August 1978 war eine Riesen-Nachricht und eine dicke sechsspaltige, zweizeilige Schlagzeile wert: „Der erste Deutsche im Kosmos – ein Bürger der sozialistischen DDR“.

Ereignis wurde propagandistisch ausgeschlachtet

Natürlich wurde dieses Ereignis propagandistisch nach allen Regeln der Kunst ausgeschlachtet. Die Eroberung des Alls war ja spätestens seit dem Start der ersten Sputniks, der dem Westen am 4. Oktober 1957 den „Sputnikschock“ versetzte, ein Kampf um den Überlegenheitsnachweis der Gesellschaftssysteme. Dann hatte die Sowjetunion am 12. April 1961 auch noch Juri Gagarin als ersten Menschen ins Weltall geschickt! Die Amerikaner konterten am 21. Juli 1969 mit Neil Armstrong, dem ersten Mann auf dem Mond. . .

DDR-Führung schmückte sich mit Weltraumflug

Ja, die DDR-Führung schmückte sich mit dem Weltraumflug Sigmund Jähns. Wobei der von der staatlichen Nachrichtenagentur ADN verbreitete Text, der auf der Rundschau-Seite unter der Überschrift „Genosse Oberstleutnant Sigmund Jähn gemeinsam mit Genossen Oberst Waleri Bykowski mit Sojus 31 auf dem Weg zur Orbitalstation Salut 6“ erschien, vergleichsweise sachlich daherkam: „Das Befinden der Kosmonauten Waleri Bykowski und Sigmund Jähn ist gut. Die Bordsysteme arbeiten normal. Die Besatzung des Raumschiffes Sojus 31 hat mit der Erfüllung der ihr übertragenen Aufgaben begonnen. . .“

Der erste DEUTSCHE im Kosmos

Aber die zentral vorgegebene Formulierung „Der erste Deutsche im Kosmos“ spricht Bände. Deutsche waren die DDR-Bürger offiziell schon eine ganze Weile nicht mehr, sondern eben immer DDR-Bürger, deren Nationalhymne seit 1970 nicht mehr gesungen wurde („Laß uns dir zum Guten dienen, Deutschland, einig Vaterland“). Diesmal aber doch. Was für ein Triumph! Der erste Deutsche im Kosmos ist ein Bürger der sozialistischen DDR! Und nicht der kapitalistischen BRD!
Spektakuläre Titelseiten der Lausitzer Rundschau 1953: Bleiwüste und Propaganda

Cottbus

„Freude, Stolz und große Begeisterung“ sollten sich daher auch in den Stimmen aus der Bevölkerung widerspiegeln: „Riesige Freude und Begeisterung löste bei den Bürgern unseres Bezirkes die Nachricht vom Start des Raumschiffes Sojus mit einem DDR-Kosmonauten an Bord aus. In allen Betrieben, in denen am Wochenende gearbeitet wurde, auf Straßen und Plätzen, in Ausflugs-und Urlaubszentren, überall war der Start sofort Gesprächsgegenstand. In unserer Redaktion klingelten bis zum Redaktionsschluß ununterbrochen die Telefone. . . Uns erreichten Meldungen über erste Verpflichtungen, auch auf der Erde Taten zur Stärkung des Sozialismus und des Friedens zu vollbringen, nach dem Vorbild der Heldentat der Kosmonauten. . .“

Redakteure haben „Stimmen gesammelt“

Glaubte das eigentlich jemand ernsthaft? Glaubte jemand ernsthaft, dass ein Baggerfahrer im Tagebau derartige Formulierungen freiwillig in den Mund nahm: „Das ist eine Spitzenleistung, wie sie im Sozialismus gedeihen kann dank brüderlicher Zusammenarbeit für das Glück des Menschen. Sie ist uns Vorbild am eigenen Arbeitsplatz – für eigene Spitzenleistungen zum Wohle unserer Bürger.“
Oder der Bauarbeiter: „Der Bruderbund mit den sowjetischen Genossen hat sich auf unserer Baustelle tausendfach bewährt – und der gemeinsame Kosmosflug, das ist wirklich ein historischer Höhepunkt unseres gemeinsamen Weges.“
Der Verdacht liegt sehr nahe, dass den Arbeitern diese Worte in den Mund gelegt wurden. Ein nicht unübliches Verfahren damals, wenn Redakteure „Stimmen sammeln“ sollten.
Hätten wir uns alle nicht einfach nur so richtig schön freuen können?
Trotz aller ideologischen Begleiterscheinungen bleibt der in der internationalen Raumfahrerfamilie hoch geschätzte Sigmund Jähn (1937-2019) als großartiger Mann in Erinnerung. Unter anderem deshalb, weil er, wenngleich Kosmonaut, immer mit den Beinen auf der Erde geblieben ist.
Und natürlich war er ein Held, was sonst?