Olympia in Berlin: Darum sieht Volley-Chef Niroomand „riesigen Gewinn für Hauptstadt“

Hofft nicht nur auf moderne Sportstätten durch Olympia in Berlin und Brandenburg: Kaweh Niroomand, Geschäftsführer der BR Volleys aus Berlin.
Andreas GoraKaweh Niroomand, Chef der BR Volleys, sieht in der Berliner Olympia-Bewerbung große Chancen für die Stadt, nicht nur sportlich. Im Interview erklärt der Sportmanager und ehemalige Vizepräsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOS), welche Infrastrukturmaßnahmen anstehen, wo eine neue Arena gebaut werden könnte und was der Senat tun muss, damit die Stadt den Zuschlag kriegt.
Herr Niroomand, Sie sind nicht nur als Chef der BR Volleys ein großer Befürworter der Berliner Olympia-Bewerbung. Was erhoffen Sie sich für die Stadt?
In einem Land mit demokratischen Strukturen, in dem keine Diktatoren die Spiele missbrauchen, um sich selbst zu zelebrieren, haben so große Sportereignisse wie Olympia immer einen nachhaltigen positiven Effekt für die Region. Für Berlin würden sie unter anderem einen riesigen Gewinn für die Infrastruktur bringen. Dafür gibt es gute Beispiele aus anderen Städten.
Wohnung in Berlin – Tausende Wohnungen durch Olympia
Können Sie eines nennen?
Was Deutschland betrifft, ist München ein sehr gutes Beispiel. Dort führten die Spiele 1972 zur Eröffnung neuer U-Bahn-Strecken. Auch der Olympia-Park, der damals gebaut wurde, ist heute ein wichtiges Freizeitangebot für die gesamte Bevölkerung.
Was kann Berlin von den Spielen erwarten?
Alleine die mehreren tausend Wohnungen, die für die Athleten als Unterkünfte gebaut werden müssten, werden danach der Stadtgesellschaft zur Verfügung gestellt. Weil man bei Olympischen Spielen immer auch die Paralympischen Spiele mitdenken muss, werden diese auch barrierefrei sein. Die derzeitigen Probleme bei Brücken, Straßen und im öffentlichen Nahverkehr müssten bei einer erfolgreichen Bewerbung viel zügiger und zielstrebiger angegangen werden.
Fehlt das Geld dafür nicht jetzt schon an allen Ecken?
Das genau ist der Punkt. Wir haben in Berlin alleine rund 50 marode Sporthallen. Wir als Vereine müssen tagtäglich Kinder abweisen, weil wir nicht genug funktionierende Sportstätten haben. Durch Olympia kann Geld von unterschiedlichen Stellen freigemacht werden, was dann später der Jugend zugutekommt. Es würden auf jeden Fall wichtige Projekte vorangebracht, die sonst nicht umgesetzt werden.
Stand der Olympia-Bewerbung
Die Hauptstadt hat sich mit dem Konzept „Berlin+“ um die Ausrichtung der Olympischen und Paralympischen Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 beworben. Das Plus steht dafür, dass einzelne Wettkämpfe in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Schleswig-Holstein stattfinden sollen. Neben Berlin haben sich München, die Metropolregion Rhein-Ruhr und Hamburg mit eigenen Konzepten beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) beworben. Die Entscheidung über die deutsche Bewerbung soll bis Herbst 2026 fallen.
In Paris wurde ja auch viel temporär errichtet. Welches Konzept bietet sich für Berlin an?
Der große Vorteil ist - auch wenn man über die Zahlen noch streiten kann – dass in Berlin schon rund 60/70 Prozent der Sportstätten vorhanden sind, die natürlich ertüchtigt und saniert werden müssen. Das Velodrom zum Beispiel könnte man zu einer modernen Radsporthalle ertüchtigen, aber man hätte auch die Gelegenheit, diese Arena zukünftig für andere Sportarten nutzbar zu machen. Bekanntlich ist das Velodrom - wie auch die Max-Schmeling-Halle - wegen der Berliner Bewerbung um die Olympischen Spiele 2000 überhaupt erst entstanden.
Die Max-Schmeling-Halle ist ja die Heimspielstätte Ihrer Volleyballer sowie der Handball-Füchse. Was gibt es dort zu verbessern?
Das reicht vom veralteten Empfangsbereich über die Kabinen bis hin zu den Zuschauerkapazitäten in der Arena. Als man die Max-Schmeling-Halle Mitte der 90er Jahre gebaut hat, wurden die heute beliebten VIP-Lounges noch nicht mitgedacht. Es wäre für alle Nutzer der Arena ein großer Gewinn, wenn es hierfür in Zukunft neue Möglichkeiten gibt.
Neue Arena auf dem Flughafen Tempelhof?
Was müsste neu gebaut werden?
Eine zusätzliche multifunktionale Arena. Dafür gibt es jetzt schon großen Bedarf, auch weil der Frauensport in den vergangenen Jahren gewachsen ist. Mögliche Standorte wären beispielsweise das jetzige Messegelände, der Flughafen Tempelhof oder das Areal des Sportforums in Hohenschönhausen. Diese neue Arena sollte nicht nur dem Sport, sondern auch dem Kultur- und Kongress-Geschäft neue Chancen bieten, denn auch hier sind die aktuellen Kapazitäten in Berlin kaum ausreichend.
Bei Olympia spielt ja immer auch der Spirit eine Rolle …
Ja, es geht um viel mehr als das Materielle. Wenn wir uns alle gemeinsam für ein großes Ereignis einsetzen, das vielleicht erst in zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren in Berlin stattfindet und das vor allem auch der Jugend die Möglichkeit gibt, selbst daran teilzunehmen und Menschen aus der ganzen Welt zu empfangen, erzeugt das ein Gemeinschaftsgefühl. Das könnte dafür sorgen, dass wir wieder im Zentrum der Gesellschaft handeln und nicht die Ränder mit ihrem ständigen Gemecker darüber, dass dieses und jenes nicht funktioniert, die Oberhand in der öffentlichen Diskussion gewinnen.
So haben die Olympischen Spiele also auch eine politische Dimension?
Ich sage jedenfalls immer, der Weg dahin und die Zustände danach sind für die Gesellschaft sogar wichtiger als die zwei Wochen, in denen die Olympischen Spiele selber stattfinden. Die Nutzung und die Verwertung dessen, was man gemeinsam geschaffen hat, steht auf jeden Fall im Vordergrund.
Die Hauptstadt hat auch andere Bundesländer mit ins Boot geholt. Wie sinnvoll finden Sie das?
Irgendwie gehören wir ja in den neuen Bundesländern alle zusammen, jeder kann ein Stück dazu beitragen, aus dieser Überlegung ist das Berlin+Konzept entstanden. Es gibt jetzt schon Projekte, wo Berlin und Brandenburg zusammenarbeiten. Alba Berlin ist in Brandenburger Basketball-Vereinen sehr aktiv. Der Aufstieg des VfL Potsdam in die Erste Handball-Bundesliga wäre sicher nicht ohne die Kooperation mit den Berliner Füchsen gelungen. Sie können ganz sicher sein, dass in dem Moment, in dem Berlin den Zuschlag bekommen sollte, neue Programme entstehen werden, die den Sport weiter zusammen und voranbringen.
Jede Woche große Sportereignisse in Berlin
Vom 16. bis 27. Juli 2025 finden die Summer World University Games 2025 in Berlin statt. Ein Fingerzeig?
Berlin ist bei diesen Studenten-Spielen nur ein Außenstandort. Das meiste findet in der Rhein-Ruhr-Region statt. Aber unabhängig davon haben wir hier schon mit Marathon, Pokalendspielen und dem ISTAF bewiesen, dass wir Großveranstaltung können, und das neben den wöchentlichen Spielen unserer sechs großen Profiklubs. Im Prinzip gibt es an jedem Wochenende in Berlin große Sportereignisse. Aber das beste Beispiel für mich sind immer noch die Special Olympics vor zwei Jahren. Auch damals ist kurzzeitig ein tolles Gemeinschaftsgefühl entstanden, auf das man mich heute noch immer wieder anspricht.
Wie geht es jetzt mit der Olympia-Bewerbung weiter?
Der Berliner Senat muss nach dieser Verkündung nun unbedingt eine Struktur schaffen, um diese Idee mit viel Überzeugungsarbeit in die Stadtgesellschaft hineinzutragen. Das wird das A und O sein, um den Zuschlag als deutscher Bewerber zu erhalten.
Bei den Entscheidungen vom DOSB bis zum IOC spielt auch immer eine Rolle, ob die Bevölkerung die Spiele überhaupt will?
Ja, die Berliner zu überzeugen, ist leider kein Selbstläufer. Es müssen gerade auch die kritischen Stimmen ernst genommen werden. Die haben ja durchaus berechtigte Fragen, wie: Überfordert das die Stadt nicht? Wir müssen die Stadtgesellschaft mit unseren guten Argumenten überzeugen. Dafür braucht es einen Motor. Aber dieser Motor ist momentan noch nicht vorhanden.
Zur Person
Kaweh Niroomand ist 1954 im Iran geboren und kam im Alter von 12 Jahren nach Deutschland. Er spielte in Tecklenburg Faustball und später Volleyball. Während seines Bauingenieurstudiums spielte er mit dem 1. VC Hannover in der 1. Bundesliga.
In Berlin feierte Niroomand schon in den 1980er-Jahren mit dem VdS Berlin als Trainer Erfolge. Seit 1990 ist er Manager der Berlin Recycling Volleys, ebenfalls eine Männer-Mannschaft des Berliner SSC Charlottenburg.
Die Volleys wurden zwischen 1993 und 2025 insgesamt 15 Mal Deutscher Meister und achtmal DVV-Pokalsieger. Von 2018 bis 2021 war Niroomand zudem Vizepräsident im Deutschen Olympischen Sportbund. 2024 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.
Niroomand, der im IT-Sektor für Hotellerie-Software tätig war und als Geschäftsführer bei einem Software-Hersteller arbeitete, ist verheiratet und hat zwei Söhne.



