Marietta Tzschoppe, SPD-Bürgermeisterin der Stadt, fasste den Balanceakt des Gedenkens in einem Satz zusammen: „Cottbus ist bunt, auch an einem solch dunklen Tag.“ Sie sprach diesen Satz anlässlich der Kundgebung auf dem Stadthallenvorplatz aus, auf dem nach Veranstalterangaben rund 1000 Menschen – viele von ihnen mit bunten Luftballons in der Hand – ein Zeichen gegen Krieg und Gewalt setzen wollten.

Bereits am Samstagvormittag hatte das traditionelle Gedenken in der Lutherkirche den 75. Jahrestag der Bombardierung von Cottbus eingeläutet. Die NPD hatte dabei nicht, wie in früheren Jahren üblich, zu einem eigenen Gedenkmarsch aufgerufen. In die Lutherkirche waren nur knapp ein Dutzend Anhänger rechtsextremer Parteien gekommen. Nach Berichten von Teilnehmern waren sie allerdings schon vor Ende der Veranstaltung gegangen.

Der Sternmarsch am Nachmittag begann bei strahlendem Sonnenschein an den Startpunkten rund um die Innenstadt. Einige Teilnehmer folgten dabei dem Aufruf von „Cottbus nazifrei“ und legten die letzten Meter bis zum Berliner Platz rückwärts zurück. Die Aktion sollte vor rückwärts gewandtem denken warnen, zugleich dazu auffordern, aus der Geschichte zu lernen.

Genau dazu forderten auf die drei Redner der Abschlusskundgebung auf – mit sehr unterschiedlichen Akzenten.

Das Trauma 70 Jahre verschwiegen

Der Cottbuser Schauspieler Gunnar Golkowski gab Einblick in einen sehr privaten Teil seiner Familiengeschichte und erzählte von seiner Lieblingstante, die vor einem Jahr gestorben ist. „Sie hat 70 Jahre lang geschwiegen über das, was sie als 14-Jährige während der Flucht aus Danzig erlebt hat“, sagt Golkowski. „Dann plötzlich, kurz vor ihrem Tod, hat sie alles aufgeschrieben, in einem Rutsch, minutiös und detailreich.“ Sie schrieb von Ängsten und Flucht, von Erschießungen und Vergewaltigungen, die sie mitansehen musste. Und davon, wie sie in ihrer neuen Heimat im Westen Deutschlands als Mensch zweiter Klassen behandelt wurde – weil sie ein Flüchtling war.

75. Jahrestag der Bombardierung von Cottbus

Bildergalerie 75. Jahrestag der Bombardierung von Cottbus

Bürgermeisterin Marietta Tzschoppe sagte: „Cottbuser Bürger und Bürgerinnen haben es in den zurückliegenden Jahren durch Haltung, Klarheit und Verantwortungsbewusstsein geschafft, den Tag des Gedenkens aus Vereinnahmung, Missbrauch und Geschichtsklitterung zu lösen und zu einem Tag der Mahnung zu machen.“ Sie erinnerte an das Leid, das auf die Bombardierung folgte. Sie sagte aber auch: „Der Krieg wurde von Nazideutschland angezettelt und von der Roten Armee und den Alliierten beendet.“

Bomben auch ein Zeichen der Rettung

Daran knüpfte die BTU-Professorin Heike Radvan an, die auch daran erinnerte, dass der Bombenangriff auf Cottbus neben all dem tödlichen Schrecken auch ein Schritt zur Befreiung vom Faschismus gewesen sei. Inhaftierte Frauen im Cottbuser Gefängnis, Zwangsarbeiter und Widerstandskämpfer hätten die Bomben auch als Zeichen für ihre mögliche Rettung gewertet.

Radvan nutzte das Gedenken, um einen verantwortungsvollen Umgang mit der Demokratie anzumahnen. Ihre Forderungen: Nicht mit den Feinden der Demokratie zusammenarbeiten, aktuellen Antisemitismus erkennen und Geflüchtete unterstützen.

Rund 1000 Teilnehmer in Cottbus

Ihre Rede erntete Beifall. Unter den rund 1000 Zuhörern waren zahlreiche Stadtverordnete demokratischer Parteien, Fans von Energie Cottbus, der FCE-Präsident Matthias Auth samt dem Maskottchen Lauzi und zahlreichen Schülern und Studenten der Stadt.

Bereits am Freitag hatte es, mit Unterstützung von Schülern des Humboldt-Gymnasiums, eine Gedenkveranstaltung auf dem Schmellwitzer Muckeplatz gegeben. Dabei konnten 1200 gefaltete Kraniche für die Aktion „Frankfurt macht Frieden“ übergeben werden.

Cottbus gedachte der Opfer des 15.Februar 1945 in der Lutherkirche mit Glockengeläut und einer stillen Andacht.
Cottbus gedachte der Opfer des 15.Februar 1945 in der Lutherkirche mit Glockengeläut und einer stillen Andacht.
© Foto: Michael Helbig

Am späten Samstagabend dann strömten mehrere Hundert Cottbuser in den Hauptbahnhof und lauschten dem anrührenden Gedenkkonzert von drei Chören und dem Philharmonischen Orchester.