DDR-Kinderheim
: Wie lebte es sich im Heim Makarenko? Ehemalige erinnern sich

Das Makarenko in Berlin-Johannisthal war das größte Kinderheim in der DDR. Seine Geschichte ist kaum erforscht. Ehemalige erzählen nun vom Heimalltag.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Ursula Koos

Ursula Koos lebte von 1960 bis 1967 im Kinderheim Makarenko in der Königsheide in Berlin-Treptow. Sie kann sich noch gut an den Alltag im größten Heim der DDR erinnern.

Maria Neuendorff
  • Das Kinderheim Makarenko in Berlin war das größte Heim der DDR und existierte von 1953 bis 1998.
  • Ursprünglich für Waisen konzipiert, nahm es ab 1961 verstärkt Kinder von Republikflüchtigen auf.
  • Die Bedingungen veränderten sich über die Jahre, Gewalt gab es vor allem unter den Kindern.
  • Die Anlage umfasste Schule, Sportplatz, Bühne und mehr, wurde später in Apartments umgebaut.
  • Ehemalige berichten von prägender Heimzeit, teils traumatischen Erlebnissen und Herausforderungen im Leben danach.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Horst Simon war sieben Jahre alt, als sich das schmiedeeiserne Tor des Kinderheims Makarenko in Berlin das erste Mal hinter ihm schloss. „Ich hatte einfach nur Angst“, erinnert sich der heute 52-Jährige an seine Ankunft.

Simon gehört zu rund 25.000 Jungen und Mädchen, die zwischen 1953 und 1998 im größten Kinderheim der DDR im Südosten Berlins aufwuchsen. Das Steinschiff, auf dem er als Junge spielte, ist inzwischen unter einem Hügel begraben.

Die klassizistisch anmutenden zweistöckigen Wohnhäuser, teilweise noch mit DDR-Wandmalerei versehen, wurden vor ein paar Jahren in Apartments umgebaut.

DDR-Kinderheim mit eigener Schule

Die zwölf Hektar große Anlage in der Königsheide am S-Bahnhof Schöneweide wurde nach dem Krieg als Vorzeige-Heim konzipiert. Anfangs noch für Waisen gedacht, wurden nach dem Bau der Berliner Mauer im Jahr 1961 vermehrt Kinder von Republikflüchtigen aufgenommen.

Horst war schon als Baby ins Heim gekommen, nachdem ihn seine Mutter nach der Geburt in Eberswalde direkt bei der Tante abgegeben hatte. Beide Eltern waren Alkoholiker, die sich im Suff auch schon mal mit den Russen im Mitropa-Restaurant am Bahnhof anlegten. Dadurch erhielt seine Mutter ein Ein- und Ausreiseverbot nach Eberswalde, und sein Vater nach Berlin.

Horst hat schon drei Heime hinter sich, als er 1980 als Hilfsschüler im Makarenko aufgenommen wird. Weil ihm seit seiner Geburt eine Hand fehlt, wird der Neuling besonders begafft und gehänselt. „Kinder mit Behinderungen gab es dort nicht“, erinnert er sich. „Die Betreuer steckten mich deshalb erst einmal in ein Einzelzimmer.“

Eine Ausnahme. Normalerweise sind die rund 600 Kinder in Mehrbettzimmern untergebracht und leben in fünf Wohnhäusern mit jeweils 120 Plätzen.

Eine kleine Ausstellung gleich neben dem Eingang zum heutigen Wohnpark erinnert an die Geschichte des zweitgrößten Kinderheims in Osteuropa. Bis heute ist sie kaum erforscht. Klar ist nur: Die Heimbedingungen haben sich im Laufe der Jahrzehnte verändert, besonders nach dem Mauerbau.

Heim in der DDR: Kinderstadt in der Königsheide

„Manchmal sahen wir morgens, wie neue Kinder mit der Polizei vorgefahren wurden“, erinnert sich Ursula Koos, die von 1960 bis 1967 im Makarenko lebte. „Man erzählte dann, dass man sie aus den Wohnungen geholt hat, nachdem ihre Eltern in den Westen geflohen sind“, berichtet die heute 77-Jährige.

Sie selbst kam als Zwölfjährige ins Makarenko, weil sich ihre pflegebedürftige Mutter nach einem Schlaganfall nicht mehr um sie kümmern konnte. Damals ist sie sofort beeindruckt von der Größe und Ausstattung der Anlage, die auch als Kinderstadt bezeichnet wird.

Ursula Koos (vorne Mitte) in den 1960er-Jahren mit ihrer Mädchengruppe vor dem DDR-Kinderheim Makarenko in Berlin.

Ursula Koos (vorne Mitte) in den 1960er-Jahren mit ihrer Mädchengruppe vor dem DDR-Kinderheim Makarenko in Berlin.

IBZ Königsheide

„Es gab eine eigene Schule, einen Sportplatz, eine Bühne und sogar ein Planschbecken für die Kleinen“, schwärmt Koos noch heute. Zu einer der Erzieherinnen habe sie ein gutes Verhältnis aufbauen können. „Die hat uns auch mal zu sich in den Garten mitgenommen.“

Das Heim wurde damals nach dem Schriftsteller Anton Semjonowitsch Makarenko (1888 – 1939) benannt, der in der Sowjet-Diktatur ein neues Lagererziehungssystem entwickelt hatte. Nach seiner Philosophie haben Kinder zwar einen Anspruch auf Freude, aber auch die Pflicht zur Verantwortung.

Kinderheim in der DDR – 600 Kinder im Makarenko

Wer neu in eine Einrichtung kommt, hat erst einmal gar keine Rechte, könne sich aber durch konformes Verhalten zu einem vollwertigen Mitglied des sozialistischen Kollektivs emporarbeiten, so die Makarenko-Ideologie.

So ist auch für Ursula Koos der Anfang schwer, als sie einer Gruppe mit zwölf Mädchen zugeteilt wird. „Die anderen haben versucht, mich herunterzumachen. Ich musste für sie den Flur und die Toiletten mitputzen.“

Der Tag ist ansonsten für alle 600 Kinder im Makarenko gleich durchgeplant: „6 Uhr Wecken, im Trupp in den Waschraum, Frühstück, Schule, Hausaufgaben, Freizeit, Sport. 18 Uhr Abendbrot, 21 Uhr Bettruhe“, erinnert sich Ursula Koos, die im heimeigenen Spielmannszug die Querflöte übernimmt.

Gerne erinnert sie sich an gemeinsame Weihnachtsfeiern mit den Erziehern. „Da hat man sich auch mal umarmt und gedrückt.“ Jeder darf sich vorher ein Geschenk wünschen. Ursula Koos wählt ein großes Handtuch, denn im Sommer geht es ins Zeltlager an die Ostsee: „Das war schon toll.“

Gemeinschaftlich im DDR-Kinderheim verprügelt

Das Kinderheim im Berliner Ortsteil Johannisthal in Treptow-Köpenick ist ein sogenanntes Normalkinderheim. So sind die Bedingungen dort besser als beispielsweise in Jugendwerkhöfen oder Durchgangshöfen, deren ehemalige Insassen teilweise von Dunkelarrest bis zu körperlichen Übergriffen berichten.

Gewalt gibt es im Makarenko eher unter den Kindern selbst. „Der Stärkere gewinnt“ ist so eine Redewendung, die Horst Simon aus seiner Heimzeit mitgenommen hat. Wer durch zu langsames Zähneputzen verhindert, dass die Gruppe den Film nach dem Sandmännchen schauen darf, wird gemeinschaftlich verprügelt. „Man hat dann auf Beine, Arme und Rücken geschlagen, sodass man sagen konnte, er ist gefallen.“

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Das ehemalige Kinderheim Makarenko in Berlin wurde vor ein paar Jahren zu einem Wohnquartier umgebaut. Die Bilder über den Eingängen stammen noch von DDR-Künstlern aus den 1950er-Jahren.

Maria Neuendorff

Ob er selbst körperlich oder seelisch misshandelt wurde, vermag er nicht zu sagen. Das Jahr 1984 zum Beispiel ist in seinem Gehirn wie gelöscht. „Irgendwas muss da passiert sein, was ich verdrängt habe“, vermutet Simon. Ob die Erinnerungslücken von einem Trauma herrühren, wisse er nicht. „Auch ein Psychotherapeut konnte nicht in diese Tiefen vordringen.“

Wen könnte er sonst fragen? Seine Eltern sind lange tot. Dass eine seiner Schwestern ebenfalls fast zeitgleich im Makarenko lebte, erfuhr Simon erst viele Jahre später. Seine Halb-Geschwister wurden teilweise adoptiert. „Warum hat man nicht versucht, eine Pflegefamilie für mich zu finden“, fragt Simon heute nachdenklich.

Panzer als Geschenk vom Jugendamt

So gibt es in seiner Heimzeit auch niemanden, der ihm etwas zum Geburtstag schenkt. Nur einmal bekommt er einen Panzer vom Jugendamt. „Der war mit Kabel und Batterie, ist aber nie wirklich gefahren“, sagt Simon und klingt so, als wäre er heute noch enttäuscht.

Immer sonntags gibt es zum Frühstück Kuchen. Dann klettern die Kinder um 7 Uhr früh aus den Betten und flitzen in den großen Speisesaal, um sich ein Tablett zu sichern. „Wer nicht schnell genug war, ging leer aus.“

Irgendwann gehört auch Horst zu einer der vielen Cliquen im Heim. „Wir haben eine Matratze aus dem Fenster geworfen und sind aus dem zweiten Stock gesprungen.“ Nach den unerlaubten Ausgängen klettern die Jungs und Mädchen über die Blitzableiter an den Häusern wieder in ihre Zimmer zurück.

So schwärmt Simon auch von Streifzügen durch Kleingärten und Kino-Besuchen. Das Geld dafür verdienen sich die Heimkinder unter anderem mit dem Sammeln von Altstoffen. „Ich habe aber auch eine Erzieherin beklaut, die ihre Türen nicht abgeschlossen hatte.“

Aus dem Kinderheim in die Obdachlosigkeit

Nachdem er kurz nach der Wende mit 18 Jahren aus der Jugendhilfe fällt, ist Horst Simon zwei Jahre lang obdachlos. „Ich habe mit meiner Freundin in alten Autos geschlafen, die damals über die Zeitung ‚Zweite Hand‘ verschenkt wurden.“

Mit dem ersten Kind schaffen sie es auch in die erste eigene Wohnung. Doch zeitlebens schlägt sich Simon mit Gelegenheitsjobs durch. Sein Alkoholkonsum, den er sich nach eigenen Angaben schon zu Heimzeiten angewöhnt hat, nimmt zu. Auch seine Augenschwäche erschwert bis heute die Arbeitssuche, erklärt er.

Weil er als Kind auf einem Auge eine leichte Sehschwäche hatte, wurde ihm während der Heimzeit jahrelang ein Brillenglas abgeklebt. „Wie sich erst später herausstellte, das falsche“, sagt Simon. Aufgrund der Fehlbehandlung habe er auf einem Auge seitdem nur noch zehn Prozent Sehstärke.

Dabei hatte das Makarenko-Heim in der Königsheide sogar ein eigenes ambulantes Behandlungszentrum mit angeschlossener Zahnarztpraxis. „Wenn der Kieferchirurg kam, standen wir in einer langen Schlange davor. Da musste alles ganz schnell gehen, oft ohne Betäubung“, erklärt Simon, warum er seitdem eine Zahnarzt-Phobie hat.

Wiedersehen mit anderen Heimkindern

Wenn er heute ehemalige Heim-Kollegen aus seinem Jahrgang wieder trifft, ist er teilweise entsetzt. „Die sind irgendwie alle körperlich und mental total kaputt. Manche sitzen im Rollstuhl oder wirken irgendwie eingefallen.“

Andere seien schon früh verstorben oder hätten sich das Leben genommen. „Hat sie die Heimzeit so instabil gemacht?“, fragt Simon.

Er selbst wirkt trotz Diabetes fit, vielleicht auch, weil er täglich mehrere Kilometer Rad fährt. Nachdem er 1999 an der Bauspeicheldrüse operiert werden musste, trinkt er nur noch sehr selten Alkohol.

Inzwischen radelt er regelmäßig wieder zum Makarenko-Gelände. Im Besucherzentrum hilft seit kurzem nun auch Ursula Koos. Sie ist in Rente und mit ihrer beruflichen Laufbahn zufrieden. Noch während der Heimzeit wurde sie in einen Metallbetrieb nach Treptow vermittelt, wo sie eine Ausbildung zur Feinmechanikerin machte.

Später wurde sie zum Studium der Ingenieurpädagogik zugelassen. Sie arbeitete in dem Beruf, bekam zwei Kinder und einen Enkel. Nun, im Rentenalter, engagiert sie sich im Verein. „Königsheider Eichhörnchen e. V.“ haben ihn die ehemaligen Heimkinder genannt - nach dem Eichhörnchen-Emblem im schmiedeeisernen Zaun von damals, der heute für alle offen steht.