2. Weltkrieg in Berlin
: 1945 – diese Erinnerungen geben Zeitzeugen zu Protokoll

Das Jahr 1945 hat Berlin verändert wie kein anderes. Zeitzeugen berichten, wie es sich in der Stadt lebte - zwischen Trümmern, Angst und Neuanfang. Auch ein 15-Jähriger Deserteur aus Frankfurt (Oder) ist darunter.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Berlin / Nachkriegszeit.
- Anti-NS-Propaganda mit Zitat von
Joseph Goebbels an einer Hausruine. -
Foto, September 1945 (Abraham Pisarek).

Anti-NS-Propaganda mit Zitat von Joseph Goebbels an einer Hausruine in Berlin 1945. Die Stadt war nach dem Zweiten Weltkrieg extrem zerstört.

Bildarchiv Pisarek / akg-images
  • Jahr 1945: Berlin ist zerstört, 50% der Wohnungen sind unbewohnbar.
  • Lothar Gräbe, ein 15-jähriger Deserteur, flieht nach Berlin.
  • Über 100.000 Frauen werden von russischen Soldaten vergewaltigt.
  • Russische Kommandanten verteilen Lebensmittel nach der Kapitulation.
  • Traudl Kupfer sammelt Zeitzeugenberichte für ihr Buch "Berlin 1945".

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Wir schreiben das Jahr 1945 - Berlin liegt in Trümmern. In Mitte und Tiergarten sind 50 Prozent der Wohnungen zerstört. Die Kanalisation funktioniert nicht mehr. Es gibt weder Trinkwasser noch Strom oder Gas.

Brücken und Schienenwege sind kaputt, von 900 Berliner Omnibussen sind noch 18 fahrtüchtig. Lothar Gräbe, gerade mal 15 Jahre alt, braucht 14 Tage, um vom Schützengraben in Frankfurt/Oder nach Berlin zu kommen. An der Oder hat der Jugendliche erlebt, wie seine gleichaltrigen Kameraden von Granaten zerfetzt wurden, und ist geflohen.

Frau versteckt 15-jährigen Deserteur in Berlin

Als er nach langem Fußmarsch Anfang Mai in Berlin-Lichtenberg ankommt, schicken ihn Passanten hinunter in den U-Bahnhof, in dem sich Hunderte Menschen aufhalten. Eine Frau versteckt ihn unter ihrer Decke, weil die Gendarmerie nach Deserteuren sucht.

Am folgenden Morgen schafft es Lothar Gräbe nach Hause nach Kreuzberg. Dort zieht er Zivilkleidung an. „Jetzt ist er wieder ein 15-jähriger Junge und kein Soldat mehr“, schreibt Traudl Kupfer im Buch „Berlin -1945“.

Für ihre einzigartige Sammlung von Zeitzeugen-Berichten hat die Autorin und Lektorin schon vor zehn Jahren Überlebende interviewt und Tagebücher ausgewertet. Anlässlich des 80. Jahrestages der Befreiung ist nun eine Neuauflage im bebra-Verlag erschienen.

Das Buch schildert anhand von kurzen Zeitzeugen-Berichten, wie der Alltag in Berlin 1945 aussah. Es sind Erinnerungs-Schnipsel, die aber zusammen ein Bild ergeben, wie sich das Leben rund um die Stunde Null angefühlt haben muss.

Traudl Kupfer: 100.000 Mädchen und Frauen in Berlin vergewaltigt

Allein die Straßen- und Häuserkämpfe in Berlin dauern fast 14 Tage. Die russischen Soldaten wollen Rache für die Gräueltaten der Deutschen in Russland. „Mindestens 100.000 Mädchen und Frauen im Alter von zehn bis 80 Jahren werden in diesen zwei Wochen in Berlin vergewaltigt“, sagt Traudl Kupfer.

Luzia Künzer und ihre Kinder aber kommen davon. Rotarmisten fordern die junge Mutter zwar in einem Keller mehrfach auf mitzukommen, doch sie weigert sich strikt. „Nee, ick komm nich’ mit. Ich bleibe hier bei meinem Baby! Dabei schüttelt sie den Kinderwagen so heftig, dass das Kind aufwacht und los plärrt. Der Soldat gibt auf und verschwindet wieder“, heißt es in einer der Buch-Passagen.

Eine andere Frau hat sich ein paar russische Sätze angeeignet. Ilse-Margret Vogel stammelt, wenn ein Soldat sie in eine Häuserecke ziehen will, eine einstudierte Begrüßungsrede: „Ich bin froh, dass Ihr gekommen seid, um uns zu befreien“. Die Strategie rettet das junge Mädchen zweimal vor der Vergewaltigung. Einmal bringt ihr ein Soldat sogar Brot und Wurst, lässt sie ansonsten aber in Ruhe.

Die Autorin will mit diesen Geschichten ein differenziertes Bild zeichnen. „Viele Menschen haben mir auch erzählt, dass die Russen kinderlieb waren und die deutsche Bevölkerung mit Essen versorgt haben.“

Zweiter Weltkrieg – 600 Gramm Brot für Schwerstarbeiter

Denn viele Lebensmittellager in Berlin waren zuvor von der SS unter dem Befehl, nur „verbrannte Erde“ zu hinterlassen, vernichtet worden. Die russischen Kommandanten ordnen schon kurz nach der Kapitulation am 8. Mai die Ausgabe von Brot an. „Rationiert wird nach der körperlichen Belastung im Beruf, unterteilt in fünf Gruppen“, erklärt Traudl Kupfer.

„Die Tagesration für Nichtberufstätige umfasst 300 Gramm Brot, 20 Gramm Fleisch und 7 Gramm Fett. Schwerstarbeiter erhalten 600 Gramm Brot, 100 Gramm Fleisch und 30 Gramm Fett pro Tag. Die ersten Lebensmittelkarten werden am 15. Mai ausgegeben.“

Elvira Lubatsch, die eine Ausbildung zur Kinderbetreuerin gemacht hat, kehrt mit einem zusätzlichen Kastenbrot heim, nachdem sie zwei bewaffnete Soldaten im Jeep unter den mitleidigen Blicken von Passanten in die Kommandantur nach Kreuzberg gebracht hatten. Doch dort befragt der junge Offizier die junge Frau nur nach deutschen Erziehungsmethoden. Nach einem Gespräch über die Pädagogik von Pestalozzi und Montessori wird Elvira Lubatsch unversehrt mit einer Sonderration Brot und Speck nach Hause kutschiert.

Für ihr Buch hat Traudl Kupfer unter anderem Senioren in Altenheimen befragt. Dazu nahm sie Kontakt zur Evangelischen Kirchengemeinde „Zur Heimat“ in Berlin-Zehlendorf auf, die unter der Überschrift „Krieg, ist schrecklich, mein Kind“ persönliche Geschichten gesammelt hatte.

Viele Menschen in Berlin sind traumatisiert vom Krieg

Auch im Internet, zum Beispiel auf der Seite des Deutschen Historischen Museums könne man unter der Rubrik „Lebendiges Museum online“ speziell nach Zeitzeugen suchen, berichtet die Autorin von ihren Recherchen.

Traudle Kupfer arbeitet als freie Autorin und Lektorin.

Traudl Kupfer arbeitet als freie Autorin und Lektorin.

Ralf Krause

Zudem musste sie nachrecherchieren und historische Literatur zu Rate ziehen, weil viele Zeitzeugen nach so vielen Jahrzenten ihre Erinnerungen nicht mehr genau zeitlich einordnen können. „Erinnerung ist ein flüchtiges Kind“, sagt die Autorin. Das merkte sie vor allem, nachdem sie zwei Frauen befragt hatte, die schon seit Kindertagen befreundet gewesen waren. „Danach haben sie sich ganz fürchterlich zerstritten, weil sie so unterschiedliche Erinnerungen an gemeinsame Kriegs-Erlebnisse hatten.“

Manches wird hinterher beschönigt, vielleicht, um das Trauma zu verdrängen, glaubt die Geschichten-Sammlerin. Obwohl das Jahr 1945 für die Berliner ein ständiger Kampf ums nackte Überleben war, hätten damals viele Menschen einfach weitergemacht. „Sich ständig der lebensbedrohlichen Situation bewusst zu sein, hält man psychologisch wahrscheinlich nicht lange durch“, glaubt Traudl Kupfer.

80-Jährige verschwindet nach Bombenalarm in Berlin

Und so erzählt sie auch von der Frau, deren Blumentöpfe auf dem Balkon von den Druckwellen der Bomben zerstörten wurden. „Sie hat sie danach einfach wieder neu eingepflanzt, um sich weiter an ihnen zu erfreuen.“

Oder von der 80-jährigen Großtante, die während eines Sirenenalarms plötzlich vom Rest der Hausgemeinschaft vermisst wird. „Die alte Dame ist außerordentlich schwerhörig. Den Gefechtslärm hat sie gar nicht wahrgenommen, sodass sie, anstatt in den Splittergraben zu fliehen, aus dem Keller einfach in ihre Wohnung zurückgegangen ist und sich dort einen Kaffee gekocht hat.“

Erzählt wurde diese Geschichte vom Großneffen. Die meisten, der heute noch lebenden Zeitzeugen waren 1945 noch Kinder und Jugendliche. „Einer meiner Interviewpartner, damals zehn Jahre alt, erzählte mir, wie er das Spiel in den Ruinen und das Sammeln von Patronenhülsen wie ein großes Abenteuer empfunden hat“, berichtet die 67-jährige Autorin.

In ihrem Buch findet sich auch folgende eindrückliche Passage aus dem Juli 1945: „Frau Wesemann sitzt in ihrem Garten in Wannsee beim Tee. Die Kinder spielen im Nachbargarten ein neues Spiel: Es heißt ,Frau, komm mit!‘ – so wie sie früher im Spiel  ,Zurücktreten, Zug fährt ab!‘ oder vor wenigen Monaten noch ,Achtung, Achtung! Schwerer Kampfverband über Perleberg in Richtung Reichshauptstadt‘ gerufen haben.“

Hoffnung und Neuanfang in Berlin nach Kriegsende

Traudl Kupfer berichtet auch von dem zehnjährigen Mädchen, das miterleben muss, wie ihre Mutter, eine Jüdin, nach der Befreiung von russischen Soldaten vergewaltigt wird, nachdem die Familie mehrere Jahre im Untergrund dem KZ entkommen ist.

„Das hat mich an diesen Geschichten am meisten mitgenommen“, sagt die Buchautorin. „Dass Menschen jahrelang ums Überleben gekämpft haben, und wenn die Gefahr scheinbar überstanden ist, das Schicksal zugeschlagen hat.“

Hochzeitskleid aus Fallschirmseide

Den schlimmen Episoden stellt die Autorin aber auch Geschichten der Hoffnung und des Neuanfangs gegenüber. So heiraten nur zwei Monate nach Kriegsende Waltraud Gräber und Heinz Weigel. Beide hatten sich mitten im Krieg im Sommer 1944 in Rangsdorf beim Baden kennengelernt.

Der Bräutigam, der seinen Wehrdienst in Tempelhof in der Abteilung Flugzeugreparatur abgeleistet hatte und sich nach dem Krieg der Verhaftung entziehen konnte, besorgt vor der Trauung Fallschirmseide, aus der ein wunderschönes weißes Brautkleid genäht wird.

Schon Mitte Mai 1945 wird auf Geheiß von Stadtkommandant Nikolai Erastowitsch Bersarin eine städtische Selbstverwaltung gebildet. Aus dem Haus des Rundfunks in der Masurenallee ertönt am 13. Mai die erste Sendung unter deutscher Regie seit Kriegsende. Die Stationsansage beginnt mit: „Hier spricht Berlin! Hier spricht Berlin!«

Generaloberst Bersarin erteilt am 16. Mai den Befehl, die Berliner Theater unverzüglich wieder zu eröffnen. Einen Tag später gibt es zwischen Hermannstraße in Neukölln und dem brandenburgischen Mittenwalde wieder Zugverkehr.

Güterwagen mit Büchern in Berlin geplündert

„Angesichts der Kriegsschäden ist an die Wiederherstellung eines normalen Alltags noch lange nicht zu denken, aber es wird versucht, das Leben wieder in zivilisierte Bahnen zu lenken“, schreibt Traudl Kupfer. Und erzählt die Anekdote von der jungen Journalistin, die einen kilometerlangen Marsch durch die Trümmer-Stadt auf sich nimmt, um sich an einem gestrandeten Güterwagen mit Büchern einzudecken.

Weil die meisten Brücken zerstört sind, balanciert sie mit einem Kopfbezug voller geklauter Literatur über einen provisorischen Steg, verliert das Gleichgewicht und stürzt ins kühle Nass.

„Manches war eben noch wichtiger als Essen“, sagt Traudl Kupfer heute, 80 Jahre nach Kriegsende. Die Menschen in Berlin seien damals auch schnell wieder tanzen gegangen. „Sie haben sich vergnügt, so gut es eben ging – das Leben war ja hart genug.“

Erinnerungsstücke aus der Nachkriegszeit gesucht

Anlässlich des 80. Jahrestages des Kriegsendes starten die Staatsbibliothek zu Berlin und Facts & Files ein Citizen Science-Projekt zur Digitalisierung und Bewahrung privater Erinnerungen aus der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Dazu können am Freitag, 16. Mai 2025, von 10 bis 18 Uhr in der Staatsbibliothek zu Berlin an der Potsdamer Straße 33 in Berlin-Tiergarten Briefe, Fotos, Tagebücher oder Dokumente aus der Zeit nach dem 8. Mai 1945 bis etwa 1950 kostenfrei und ohne vorherige Anmeldung digitalisiert werden.

Zusammen mit den erzählten Geschichten werden sie öffentlich auf dem Online-Portal 1945.transcribathon.eu zugänglich gemacht. Bis zum 30. Juni 2025 die Möglichkeit, Dokumente selbständig über das Portal hochzuladen.