CSD in Berlin: Angriffe auf queere Menschen im Regenbogenkiez

Der U-Bahnhof Nollendorfplatz in Berlin wurde vor Kurzem mit dem Zusatz „im Regenbogenkiez“ versehen. Der Kiez ist weltbekannt für seine bunte Community. Doch sicher vor Übergriffen sind queere Menschen dort nicht.
Jens Kalaene/dpa- Im Berliner Regenbogenkiez häufen sich Übergriffe auf queere Menschen, trotz Pride-Feiern.
- Maneo registrierte 723 Fälle von Anfeindungen, darunter Beleidigungen, Drohungen und Angriffe.
- Besonders betroffen ist Schöneberg – Täter locken Männer in Fallen oder greifen Gruppen an.
- Galerist Isah Oral berichtet von täglichen Attacken auf seine queere Galerie und Online-Zensur.
- US-Plattformen blockieren Anzeigen mit „schwul/gay“ und Aktzeichnungen, die Galerie wird zum Safe Space.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
An den historischen Eingangsportalen des U-Bahnhofs Nollendorfplatz in Berlin prangen seit kurzem Regenbogenstreifen. Pünktlich zum Pride Month haben die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und die Stadt die hundert Jahre alte Station mit dem Zusatz „Regenbogen Kiez“ versehen.
Die Menschen, die in den kommenden Wochen aus ganz Deutschland und der Welt zum Lesbisch-Schwulen Stadtfest sowie zum Christopher Street Day (CSD) pilgern, sollen angemessen empfangen werden. Doch in die bunten Feierlichkeiten mischen sich auch dunkle Töne.
„Während wir hier die Vielfalt feiern, spüren wir, wie sich die Uhren wieder rückwärts drehen, in eine Zeit, die wir eigentlich für überwunden hielten“, sagt Isah Oral. Vor drei Jahren hat er gleich um die Ecke die Galerie Newman für queere Kunst eröffnet. Manche der Bilder zeigen Männer in für den Kiez typischer Lederkluft, andere Aktzeichnungen. Seitdem werde ihm fast jede Nacht gegen die Scheibe gespuckt und gepinkelt, erzählt der Galerist.
Beleidigungen, Bedrohungen und körperliche Angriffe
Lange kein Einzelfall. Die Initiative Maneo, ein schwules Anti-Gewalt-Projekt, ebenfalls mit Sitz am Nollendorfplatz, hat im vergangenen Jahr 723 Fälle und Hinweise auf Anfeindungen gegen schwule Männer, lesbische Frauen und Angehörige anderer sexueller Minderheiten in Berlin registriert.
Zu den dokumentierten Fällen zählen Beleidigungen, Bedrohungen und körperliche Angriffe – etwa in Bus und Bahn, Parks oder auf offener Straße. „Allein der Anblick einer Drag Queen, einer Trans-Person oder eines lesbischen oder schwulen Paares kann Gewalttäter motivieren, brutal zuzuschlagen“, heißt es auch vom LSVD, dem Verband für queere Vielfalt in Berlin.
Die meisten queerfeindlichen Übergriffe gab es laut Maneo im Stadtteil Schöneberg, also in genau dem weltberühmten Regenbogenkiez, in dem schon in den 1920er-Jahren der Mythos des freien Berlin entstand. Seitdem kommen Menschen aus aller Welt, um die Schwulen- und Lesbenbars zu besuchen. Nicht nur an heißen Wochenenden bestimmt Lack- und Leder-Fetisch-Kleidung das Bild des bürgerlichen Wohnviertels.
Besorgniserregend sei die gezielte Gewalt, heißt es vom Maneo-Verein. So seien schon mehrfach Männer, die mit Männern Kontakt suchen, in Fallen gelockt, beraubt oder schwer verletzt worden. Dabei würden laut Schätzungen des BKA rund 90 Prozent aller derartigen Angriffe noch nicht einmal angezeigt.
Erst in Berlin geoutet
„Die Stricher-Kriminalität ist das eine. Aber wir haben hier auch das Phänomen, dass Gruppierungen von außerhalb zum Nollendorfplatz fahren, um ,Schwule zu klatschen‘“, erzählt Isah Oral. Er selbst ist äußerlich nicht der Szene zuzuordnen. Sein Nachname ist auch kein Künstlername, sondern stammt aus dem Türkischen. Isah Oral ist in Heidelberg als Gastarbeiter-Kind aufgewachsen.
Für die Eltern – der Vater Arbeiter im Straßenbau, die Mutter Küchenhilfe – habe Integration immer an erster Stelle gestanden, berichtet der 54-Jährige. „Sie brachten mich mit fünf Jahren zur Freiwilligen Feuerwehr. Ich war auch im Schützenverein, im Gockel-Zuchtverein und beim katholischen Kindergottesdienst.“

Isah Oral hat vor drei Jahren in Berlin-Schöneberg die Galerie Newman für queere Kunst eröffnet und wird seitdem regelmäßig attackiert.
Maria NeuendorffAls Erwachsener habe er mit dem Umzug nach Berlin eine Art Doppelleben fern der Heimat führen können. Erst als er mit seinem Bangaluu-Dinnerclub Ende der 2000er in der queeren Community immer bekannter wurde, outete er sich auch zu Hause als schwul. „Das war aber kein Problem für meine Eltern.“
Enkelkinder gibt es auch so. An drei Tagen in der Woche verlässt der Unternehmer, der zudem jahrelang eine Marketing-Agentur führte, schon um 16 Uhr die Galerie, um seine vierjährigen Zwillinge von der Kita abzuholen. Die Kinder zieht er gemeinsam mit seinem Ehemann und einem Frauen-Ehepaar im dreitägigen Wechsel auf.
Angst vor Nazis
Eine klassische Regenbogenfamilie, wie sie in Berlin immer selbstverständlicher wird. „Die Gesellschaft ist viel weiter als die Politik“, findet Oral. Diskussionen um Gendern und die geschlechtliche Selbstbestimmung lenkten nur von den eigentlichen Problemen in Deutschland in Bereichen wie Wirtschaft, Bildung, Chancengleichheit oder Steuerrecht ab.
Er erzählt von Freunden, die gerade aus Görlitz wegziehen, weil sich auch dort „das Stadtbild“ massiv geändert habe. „Und zwar nicht durch Ausländer, sondern, weil da nachts Nazis rumlaufen und sie Angst haben, auf die Straße zu gehen.“
Dass in einigen Regionen CSD-Paraden aus Sicherheitsgründen abgesagt werden, habe eine Einfärbung, die für ihn unerklärlich sei. Seit der Trump-Ära in Amerika habe das Phänomen auch in Deutschland zugenommen, dass sich Radikale in ihren Ansichten bestätigt fühlten und man inzwischen gewisse rechte Aussagen akzeptiere, glaubt Oral.
Er selbst ziehe bei einem gewissen Vokabular eine klare rote Linie. „Wir wissen doch aus anderen Ländern, wie schlecht es einem mit einem Radikalen an der Macht geht“, sagt Isah Oral. „Und wir wissen das aus unserer eigenen Historie heraus.“
Schwule Kunst in der DDR
In seiner Galerie geht gerade die Ausstellung „Queere Kunst in der DDR" zu Ende. An den Wänden hängen unter anderem schwarz-weiße Kunstdrucke von Jürgen Wittdorf (1932–2018), der in den 60er-Jahren im Staatsauftrag Zyklen zu Jugend und Sport malte.
Eine Grafik zeigt Männer nach dem Sport unter der Dusche. Die DDR wollte „anspruchsvolle Kunst für jeden Haushalt, die Jung und Alt gleichermaßen gefällt“, berichtet der Galerist. Die Deutung obliegt dem Betrachter: Sind es zwei Freunde, die sich kumpelhaft umarmen, oder sind die Zuneigungen intimerer Natur?
Für Isah Oral ist ganz klar das Zweite der Fall. Wittdorf habe ganz unterschwellig seine eigene homosexuelle Neigung in den Bildern zum Ausdruck gebracht, ohne dass es den Funktionären damals aufgefallen wäre, erklärt der Galerist.
Die Malereien, Stillleben und Figuren von Jochen Hass (1917–2000) dagegen stünden für eine Tradition der modernen schwulen Kunst, die in der DDR gar nicht öffentlich gezeigt werden durfte und lange Zeit nur im Privaten zirkulierte, sagt Oral.
Von US-Plattformen geblockt
Dass die Uhren auch in Sachen Zensur teilweise wieder zurückgedreht werden, merkt der Galerist beim internationalen Online-Verkauf.
Seit Donald Trump an der Macht ist, bekäme er bei den Plattformen des US-amerikanischen Meta-Konzerns wie Instagram oder Facebook Probleme. „Sobald ich bei der Bewerbung der Bilder die Wörter schwul, gay, homosexuell eingebe, kann ich nicht mehr sicher sein, ob die Anzeige überhaupt geschaltet wird.“
Auch einfache Akt-Zeichnungen, die nichts mit Pornografie zu tun haben, würden inzwischen von den US-Dienstleistern geblockt. „Du kannst einfach keinen nackten Mann mehr zeigen.“
So sei seine Galerie inzwischen auch zu einer Art „Safe Space“ für Künstler unter anderem aus Russland, Polen, Ungarn und Italien geworden. Er bekomme viele Mails aus den USA, von Malern, die die Galerie als Instanz lobten, die ein Signal weit über Berlin hinaus in die Welt sende.
„Ich dachte erst, ich verkaufe einfach Bilder“, sagt Isah Oral. Doch jetzt sei die Galerie ein politisches Statement. „Umso wichtiger ist es, dass wir jeden Tag den Laden aufmachen. Egal, ob sie uns an die Scheibe gespuckt oder an die Tür gepinkelt haben“, sagt Isah Oral. „Wir können das nur mit einem stolzen Lächeln wegwischen und damit zeigen: Wir bleiben hier.“




