Gewalt in Berlin
: Wie ein Coach Kindern hilft, Gefahr früh zu erkennen

Deeskalations-Coach Rainer Lenz zeigt Kindern und Jugendlichen in Berlin, wie sie Gewalt schon im Vorfeld erkennen können – warnt aber vor Angst durch Panikmache. Diese Tipps gibt der Coach.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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U-Bahnhof Kottbusser Tor in Kreuzberg. (zu dpa: «Polizist bei Massenschlägerei am Kottbusser Tor verletzt») +++ dpa-Bildfunk +++

Die Gegend rund um den U-Bahnhof Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg gilt als krimineller Hotspot. Können Kinder und Jugendliche sich dort trotz der Gewalt angstfrei bewegen? (Symbolbild)

Philipp Znidar/dpa
  • Deeskalations-Coach Rainer Lenz schult Kinder und Jugendliche in Berlin.
  • Fokus: Achtsamkeit statt Angst; Warnzeichen früh erkennen (z. B. Blickverhalten).
  • Tipps: laut Grenzen setzen, siezen, Hände hoch; bei Gefahr flüchten, Notruf.
  • Praxis: Szenario-Training („Stress-Impfung“), Notrufcodes in Clubs, kein Pfefferspray.
  • Kontext: Straftaten 2025 -6,7 %, Bahnhofs-Taten seit 2019 +50 %; keine No-go-Areas.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Angst ist kein guter Begleiter. Manchmal wird sie schon von den Eltern geschürt, wenn sie zu ihren Kindern sagen: „Lauf nicht zu nah an parkenden Autos vorbei! Da könnte dich jemand reinzerren.“

Rainer Lenz mag solche Ansagen nicht besonders. Wenn der Deeskalations-Coach aus Berlin Kindern und Jugendlichen etwas predigt, dann ist es nicht Angst, sondern Achtsamkeit.

Um zu zeigen, wie man drohende Gefahren im Vorfeld erkennen kann, spielt der Gewaltpräventions-Trainer aus Marzahn-Hellersdorf zu Beginn seiner dreistündigen Workshops ein Überwachungs-Video aus der U-Bahn ab.

Deeskalations-Coach schult Kinder und Jugendliche

Zu sehen ist ein Mann, der mit freiem Oberkörper auf dem Bahnsteig auf und ab läuft, bevor er sich neben einen jungen Mann auf die Bank setzt, der müde in seinen aufgeklappten Laptop blickt.

Wie der Angreifer danach seinem Opfer einer Bierflasche auf den Kopf schlägt, den Laptop raubt und im U-Bahn-Tunnel verschwindet, zeigt Lenz den Kids nicht. „Ich will nicht mit Blut schocken, sondern klar machen, dass man oft schon vorher erkennen kann, wenn sich Gewalt anbahnt“, erklärt der 48-Jährige.

Zu diesen Anzeichen gehöre, dass der Mann vorher hektisch nach links und rechts blickt, erklärt Lenz und spult zurück. „Das ist ein Vorkontakt-Hinweis. Der Täter hält da Ausschau nach möglichen Zeugen.“ Und dann ist da noch die Art, wie er das Bier am Flaschenhals umfasst. „Wenn man trinken will, hält man es anders.“

Lenz hat schon als Türsteher vor Diskotheken, als Security beim Bundestag und als Detektiv im Kaufhaus gearbeitet. Regelmäßig wird er für Awareness-Teams bei großen Techno-Partys und in Berliner Klubs wie dem KitKat angeheuert.

Gewalt in Berlin: Deeskalation heißt „Grenzen setzen“

Diese Teams leisten sich Party-Veranstalter, um Drogenhandel, Schlägereien, Diskriminierung und sexuelle Übergriffe gering zu halten. Wenn zum Beispiel eine Frau von einem Clubgast penetrant angetanzt wird, greifen die Mitarbeiter in den Warnwesten ein. „Erst nehmen wir die Frau raus aus der Szene. Wenn der Mann sie oder eine andere Person weiter belästigt, bekommt er Hausverbot.“

Doch was tun, wenn auf der Straße oder im öffentlichen Nahverkehr keine Security zur Stelle ist? Der erste Weg zur Deeskalation heißt „Grenzen setzen, ohne zu beleidigen“, sagt Lenz. Und das am besten so laut wie möglich. „Lassen Sie mich in Ruhe!“, wäre ein passender Satz.

Rainer Lenz

Rainer Lenz, Fachwirt für Konfliktmanagement und Selbstverteidigung aus Berlin, bietet systemisches und lösungsorientiertes Antigewalttraining für Kinder und Jugendliche an.

Personalbranding/Sabrina Wagner

Das Gegenüber dabei zu siezen, schaffe nicht nur Distanz, sondern sei ein wichtiges Zeichen für andere. „Sonst denken Passanten vielleicht: Ach, die beiden kennen sich, vielleicht ist es nur Spaß.“

Wer Aggressor und wer Abwehrender ist, zeigt man auch mit erhobenen, ausgestreckten Armen, bei denen die Handflächen nach außen zeigen. „Diese Haltung in Kopfhöhe schützt zugleich davor, falls plötzlich eine Backpfeife kommt.“

Besser gleich die Straßenseite wechseln

Doch gerade bei stark alkoholisierten und unter Drogen stehenden Menschen sei es besser, die Flucht anzutreten und aus einer sicheren Position den Notruf zu wählen. „Im Regionalzug könnte das die Toilette sein, in der man sich einschließt“, erklärt Lenz.

In der S-Bahn zu später Stunde könnte man den vorderen Waggon wählen, um nah am Fahrer zu sein. Auf dem Bahnsteig sollte man die Aufgänge im Blick haben.

Komme jemand, der einem nicht geheuer ist, könne man sich einen anderen Standort suchen. Das gelte auch für die Straße. „Wenn ich eine alkoholisierte Gruppe auf mich zukommen sehe, wechsle ich schon mal von mir aus die Seite.“

Dabei hat Lenz selbst als Jugendlicher schon ausgeteilt. 1977 in Hennigsdorf (Oberhavel) geboren, wuchs er in schwierigen Familienverhältnissen auf. „Ich war frustriert und rutschte zeitweise in die rechte, gewaltbereite Szene ab.“

Wende durch Kampfsport

Mehrfach landet er auf der Polizeiwache. Sein damaliger Ausbilder in einem Metallbetrieb empfiehlt ihm, es mal mit dem Ringen zu versuchen. „Damit konnte ich meine Wut in sportliche Bahnen lenken und nach Regeln kämpfen“, erinnert sich Lenz.

Er lernt zusätzlich Ju-Jutsu, ein Selbstverteidigungs- und Kampfsport, der als Basis für das polizeiliche Einsatztraining dient. Für ihn eine persönliche Wende. Er will nun selbst Polizist werden. Doch seine Vergangenheit sowie eine angeborene Sehschwäche verhindern die Aufnahme.

Dann wenigstens Sicherheitsbranche, denkt sich Lenz. Das erste Praktikum führt ihn zu einer Wachschutz-Truppe in die Gedenkstätte Sachsenhausen. „Als ich in der ehemaligen Leichenhalle stand, schämte mich für meine einstigen rechten Parolen. Die Erfahrung hat mich geprägt.“

Heute coacht Lenz unter anderem arabische Mädchen im Märkischen Viertel. „In den Kiezen, in denen ich unterwegs bin, kommen die Leute aus den verschiedensten Ethnien. Wenn man dort jemanden anrempelt, kann es schon sein, dass er mal kurz aufflammt. Aber mir hat dort noch nie jemand was getan“, sagt der Mann mit dem hellen Teint und den rötlichen Haaren.

Gewalt hat keine Herkunft

Ob Clan-Hotspot in Neukölln, Drogenszene am Kotti oder Brennpunkt in Marzahn-Hellersdorf, Lenz würde nie eine Gegend in Berlin als No-go-Area bezeichnen.

Dass die Kriminalität in der Hauptstadt zugenommen habe, sei eher eine subjektive Wahrnehmung. Laut Polizeistatistik haben 2025 Straftaten gegenüber dem Vorjahr um 6,7 Prozent abgenommen. Allerdings haben Taten an und rund um Berliner Bahnhöfen seit 2019 um rund 50 Prozent zugenommen.

Die wachsenden Ängste führten zu noch mehr Bewaffnung, meint Lenz. „Ich hatte schon Zwölfjährige in meinem Kurs, die glaubten, sich, wenn sie nach Kreuzberg fahren, ein Messer zulegen zu müssen. So etwas gab es früher nicht.“

Lenz' Workshops richten sich an verschiedene Altersgruppen: Den Vier- bis Sechsjährigen hilft er, das Gefahren-Bewusstsein zu stärken, Sieben- bis Zehnjährigen zeigt der Coach, richtig Grenzen zu setzen und einfache Selbstverteidigungs-Techniken anzuwenden.

Code für Hilferuf

Den Älteren bringt Lenz Deeskalations-Techniken bei und wie man am besten Notrufe absetzen kann. In den Clubs, in denen er arbeitet, finden Frauen auf der Toilette einen codierten Satz, erzählt er. Sagt eine Frau, die sich bedrängt fühlt, den verschlüsselten Satz zum Barpersonal, werde eine Hilfskette ausgelöst.

Solche versteckten Mittel seien für manche Menschen wichtig, um nicht in Panikstarre zu verfallen, sagt Lenz. „Vor allem, wenn sie schon von früheren Vorfällen traumatisiert sind.“

Doch in seinen Kursen geht es auch um Flucht. Auf der Straße könne es helfen, um parkende Autos herumzulaufen, vielleicht ein abgestelltes Rad als Barriere zwischen sich und den Verfolger zu schmeißen oder ihm den heißen Kaffee ins Gesicht zu kippen.

Von Pfefferspray hält Lenz weniger. „Das liegt meist zu tief in der Handtasche.“ Außerdem könne man sich, je nach Windrichtung, auch schnell selbst außer Gefecht setzen. „Ich würde das auch nie in Polen kaufen, denn ohne die PTB-Zulassung zur Tierabwehr verstößt man damit gegen das Waffengesetz“, erklärt Lenz.

Situationstraining als „Stress-Impfung“

Ein Szenario, das er bei Trainings nachstellt, spielt in einer Tiefgarage: Ein Mann bedroht eine Frau mit dem Messer und fordert sie auf, den Autoschlüssel rauszurücken.

Wie handelt man da richtig? „In der Situation ganz klar: den Schlüssel herausgeben“, betont Lenz. „Leben geht vor Eigentum.“

Ihm geht es darum, sich einmal im geschützten Rahmen in eine beängstigende Situation hineinzuversetzen. Das könne helfen, im Ernstfall cooler und besonnener zu reagieren. „Stress-Impfung“ nennt Lenz das.

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Ein Mann geht in Berlin auf der Straße. Ist das Pflaster der Hauptstadt wirklich so gefährlich?

Stephanie Pilick/dpa

In dem U-Bahn-Video, mit dem er seine Workshops startet, spricht der Mann sein Opfer vorher vermeintlich freundlich an und fragt, wann der Zug kommt. „Das ist eine Test-Ansprache. Er will checken, wie aufmerksam sein Gegenüber ist“, erklärt der Selbstverteidigungs-Coach. „Zeigt man sich müde und unaufmerksam, wird man eher zum Opfer auserkoren.“

Also am besten keine Kopfhörer tragen? „Ich kann verstehen, dass man versucht, sein eigenes Stress-Level mit Musik im Ohr etwas runterzupegeln, das ist schon ok“, findet Lenz. „Aber man sollte dazu nicht noch die ganze Zeit aufs Handy starren. Denn die Augen nehmen mehr wahr“, betont Lenz. Sie seien nötig, um das eigene Frühwarnsystem zu aktivieren. Das schlage intuitiv an. „Seine Augen offenzuhalten, hilft dabei, nicht in Probleme reinzurennen, sondern ihnen aus dem Weg zu gehen.“

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