Von Uwe Menschner

Unförmig und klobig wirkt das in Plastefolien verpackte Paket, das vor Maria Jähde auf dem Edelstahltisch liegt. Erst vor wenigen Stunden ist es aus dem Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung Berlin im Görlitzer Senckenberg-Museum für Naturkunde eingetroffen. Die Berliner Forscher haben den bei Weißwasser tot aufgefundenen Wolf – denn um nichts anderes handelt es sich beim Inhalt des Paketes – auf Vorerkrankungen und Parasitenbefall untersucht. Jetzt sind die Görlitzer Forscher, zu denen Maria Jähde zählt, an der Reihe: Sie werden versuchen, das Alter des Wolfs zu bestimmen und seinen präparierten Balg der hauseigenen Sammlung hinzufügen.

Die Institute in Berlin und Görlitz sind zwei von vier Mitgliedern des Konsortiums, welches im Auftrag der Bundesregierung die „Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes (DBBW) zum Thema Wolf“ betreibt. Die zwei anderen Partner sind das Senckenberg-Forschungsinstitut Gelnhausen (Hessen), das genetische Untersuchungen vornimmt, und das Wildbiologische Büro Lupus mit Sitz in Spreewitz, welches sich um das Wolfsmonitoring vor Ort kümmert. 13 tote Wölfe lagen in diesem Jahr bereits auf dem Stahltisch der Görlitzer Forscher, weit mehr als die Hälfte von ihnen fiel dem Straßenverkehr zum Opfer.


Fortsetzung der Arbeit noch unsicher:
„Die an der Dokumentations- und Beratungsstelle beteiligten Partner leisten eine hervorragende Arbeit“, unterstreicht die Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, Svenja Schulze. Im Rahmen ihrer diesjährigen Sommertour hat sie dem Senckenberg-Museum für Naturkunde einen Besuch abgestattet. Gleichwohl ist noch unklar, ob die Görlitzer und ihre Partner diese Arbeit nach Ablauf der gegenwärtigen Projektphase, die zum 31. August 2019 endet, fortführen können: „Der Bundestag hat zwar bereits im Juni 2018 beschlossen, dass es das DBBW auch nach diesem Datum geben wird. Etwas genaueres wissen wir aber noch nicht“, so Prof. Hermann Ansorge, Leiter des Fachgebietes Zoologie am Senckenberg-Museum für Naturkunde Görlitz. Deutliche, an die Ministerin gerichtete Worte mit dem Ziel, endlich Klarheit zu schaffen. Doch die bleibt Svenja Schulze vorerst noch schuldig. Immerhin bekennt sie, dass vieles dafür spreche, dass die bisherigen Partner der Dokumentations- und Beratungsstelle diese Aufgabe auch in der Anschlussphase behalten: „Hier gibt es die Fachleute, die wir dafür benötigen.“


Die Lausitz ist gesättigt:
Zu diesen Fachleuten gehört auch Ilka Reinhardt vom wildbiologischen Büro Lupus. Sie hat schon viele Vorträge zum aktuellen Status der Wolfspopulationen in der Lausitz, in Sachsen oder auch in ganz Deutschland gehalten, doch selten mit einer Ministerin als Zuhörerin. In einer Slideshow wird deutlich, wie nahezu explosionsartig sich die Zahl der Rudel seit dem ersten Nachweis 2000 in der Muskauer Heide vervielfacht hat. Die blauen Punkte auf der Karte bilden eine lang gestreckte Ellipse, deren Brennpunkte sich in der Lausitz sowie nordwestlich von Hannover befinden: Tatsächlich ist in diesen beiden Regionen die Dichte am höchsten. Insgesamt 73 Rudel, fünf Paare und zehn Einzeltiere gab es mit Stand vom 7. Juni 2019 in ganz Deutschland. 18 dieser Rudel leben in Sachsen, davon wiederum 13 in der Lausitz.

In Brandenburg gibt es 17 Rudel, wobei deren Territorien mit denen der sächsischen Wolfsfamilien teilweise überlappen. Jedenfalls kleben die Punkte dicht aneinander, lassen kaum noch Lücken. Diesen – natürlich auch der Symbolgröße und dem Kartenmaßstab geschuldeten – Eindruck bestätigt Ilka Reinhardt für die Realität: „In der Lausitz, dem Kernterritorium der deutschen Wolfspopulation, wird es kaum noch neue Ansiedlungen von Rudeln geben. Die Region ist gesättigt.“

Deutschlandweit hingegen gilt das nicht: „In Richtung Westen und Süden gibt es noch viel Platz. Der Anstieg wird sich auch in den kommenden Jahren fortsetzen.“ Insbesondere für männliche Jungtiere sei es kein Problem, lange Distanzen zu überwinden, um ein geeignetes freies Territorium für die Gründung einer Familie zu finden. Derzeit liegt das deutschlandweite Wachstum des Wolfsbestandes bei circa 30 Prozent.


Herdenschutz ist das A und O:
Dass dabei Konflikte nicht ausbleiben, ist der für Umwelt und Naturschutz zuständigen Bundesministerin bewusst. Bevor sie nach Görlitz gekommen ist, hat Svenja Schulze Schäfer besucht. Allerdings ist sie dafür nicht nach Ralbitz-Rosenthal gefahren, wo das ansässige Rudel immer wieder durch Risse von Nutztieren auf sich aufmerksam machte, sondern nach Doberlug-Kirchhain. Von dort hat sie das Fazit mit nach Görlitz gebracht: „Wir müssen die berechtigten Sorgen der Nutztierhalter ernst nehmen. Wir brauchen die Schäfer als Landschaftspfleger. Ich habe aber auch erfahren: Wegen der Wölfe gibt kein Schäfer seine Arbeit auf.“

Die bereits vom Kabinett bestätigte Ergänzung des Bundesnaturschutzgesetzes durch einen Paragraphen zum Wolf solle im Herbst vom Bundestag beschlossen werden und bedürfe danach noch der Zustimmung des Bundesrates. Der Paragraph soll es erleichtern, verhaltensauffällige Wölfe – insbesondere solche, die offensichtlich die Scheu vor dem Menschen verloren haben – aus der Natur zu „entnehmen“ und Rechtssicherheit für entsprechende Entscheidungen schaffen. Doch wichtiger ist der Ministerin etwas anderes: „Wir müssen das Zusammenleben zwischen Mensch und Wolf richtig organisieren.“ Und da spiele ein geeigneter Herdenschutz, der zu 100 Prozent gefördert werde, die entscheidende Rolle.