Acht Christkinder sind alljährlich in der Vorweihnachtszeit im Schleifer Kirchspiel unterwegs. In jedem Dorf gibt es eines, in Trebendorf mit seinem Ortsteil Klein Trebendorf sogar zwei. Die entsprechenden sorbischen Trachten unterscheiden sich durch verschiedene Details, beispielsweise Schleifen. Doch eines haben alle Christkinder gemeinsam: das verhüllte Gesicht sowie das stete Schweigen.

Das Glöckchen ertönt

Seniorenweihnachtsfeier bei Paulicks in Trebendorf: Im Saal der Gaststätte Kastanienhof verbringen rund 60 ältere Menschen einen gemütlichen Nachmittag. Es wird erzählt, gelacht und gesungen. Doch als ein Glöckchen ertönt, wird es auf einmal mucksmäuschenstill. Das Christkind kündigt sich mit seinen beiden Begleiterinnen an. Ein Schleier verhüllt das Gesicht. In der rechten Hand trägt es eine Birkenrute, die mit fünf Schleifen, den Schnorkis, verziert ist. Ebenso fehlt ein Beutelchen mit kleinen Geschenken nicht.

Zunächst verbeugen sich Christkind und Begleiterinnen dreimal in verschiedene Richtungen. Anschließend legt das Christkind jedem der Anwesenden die Rute auf die linke Körperseite, also dort, wo das Herz schlägt. Danach streichelt es mit seinen weißen Handschuhen links und rechts über die Wangen. Das soll Glück und Segen für das neue Jahr bringen. Schließlich folgen die Präsente. Nicht ein Wort fällt während dieser überaus pathetisch wirkenden Zeremonie. Sprechen würde Unglück bedeuten. Manch Gestreichelter kann seine Tränen der Rührung kaum verbergen.

Bereits seit Jahrhunderten

Woher die Figur des Christkindes stammt und wie entstanden ist, verbirgt sich im Dunkel der Geschichte. Möglicherweise, so vermutet die Schleiferin Elvira Rathner in ihrem Buch über die Trachten der Christkinder, geht das geheimnisvolle Wesen der sorbischen/wendischen Lausitz bereits auf die nachreformatorische Zeit zurück. Ursprünglich wurde in den Spinnstuben der einzelnen Dörfer ein junges unverheiratetes Mädchen als Christkind bestimmt. Die Ausgewählte nahm diese Ehre gern an, galt sie doch als „persönlicher Glücksbringer“ für das nächste Jahr, wie Elvira Rathner anmerkt.

Angelika Balzke ist nicht nur die Vorsitzende der Domowina-Ortsgruppe Trebendorf, sondern auch mit weiteren Frauen für das Ankleiden des Christkindes zuständig. „Unsere eigentliche Anziehfrau, Marie Hentschel, ist hochbetagt und kann das Prozedere diesmal nicht übernehmen“, sagt Balzke. Gemeinsam mit Petra Hentschel sowie Kathleen und Anna-Lena Reichert stellt sich die 66-Jährige dieser nicht unkomplizierten Aufgabe. „Zunächst wird überlegt, wer im laufenden Jahr konfirmiert wurde oder Jugendweihe hatte“, berichtet Balzke. Drei bis vier Mädchen, die sich für die Trebendorfer Gemeinschaft engagieren, kommen in die nähere Auswahl. „Da es sich um eine Ehrenaufgabe handelt, mussten wir noch nie betteln“, weiß die Ur-Trebendorferin. Das ausgewählte Mädchen darf über seine Rolle als Christkind nicht öffentlich sprechen.

Lange Haare sind Herausforderung

Mindestens eine Stunde dauert das Ankleiden. „Am schwierigsten ist das Aufsetzen der Haube. Hat jemand lange Haare, müssen zuvor fünf oder sechs Zöpfe geflochten und diese um den Kopf gelegt werden. Das dauert schon mal“, berichtet Angelika Balzke. Sollte das Christkind anschließend Durst verspüren, könne es die Flüssigkeit nur über ein schmales Trinkröhrchen zu sich nehmen.

Angelika Balzke weiß, wovon sie spricht: „Meine Tochter war Christkind, ebenso meine Enkeltochter und meine Nichte.“ Sie selbst hingegen nicht. „In meiner Jugend gab es das Christkind in Trebendorf leider nicht. Es wurde erst vor rund 40 Jahren wiederbelebt.“ Und nach einigem Überlegen fügt die 66-Jährige an: „Ja, es stimmt: Ich wäre auch gern ein Christkind gewesen.“

Christkinder in der Mittellausitz


Neben dem Schleifer Kirchspiel wird der Brauch des Christkindes auch in weiteren Orten der mittleren Lausitz gepflegt. Dabei sticht insbesondere die Hoyerswerdaer Region heraus. Direkt nach der Wende sei diese sorbische Tradition wiederbelebt worden, sagt Kirsten Böhme vom Trachtenhaus Jatzwauk. Zu DDR-Zeiten entstand der Begriff „Bescherkind“, der mancherorts noch heute Verwendung findet. Grund bildet wahrscheinlich die nach 1945 angeordnete Abkehr von der Kirche.

In der Senftenberger Region ist das Christkind heute hingegen weitgehend unbekannt. „Ich will es aber nicht ausschließen, dass es diesen Brauch dort ebenfalls gab“, erklärt der aus Sauo stammende Heimatforscher Rolf Radochla. Günter Paulisch aus Senftenberg sagt, dass seine aus Geierswalde stammende Mutter einst vom Christkind berichtete, das im heutigen Seenland-Dorf unterwegs war. Darüber hinaus gibt es in der Niederlausitz das Jänschwalder Christkind.