Von Christian Köhler

Nachdem die Region um Weißwasser seit Jahren schon medizinisch unterversorgt ist – laut Landtagsabgeordneten Thomas Baum (SPD) gibt es tausende Bürger ohne Hausarzt – hat die Staatsregierung eine Modellregion ins Leben gerufen. Nach unzähligen Sitzungen ist nun Zählbares entstanden: In Weißwasser ist eine Praxis für die Kinder- und Jugendpsychiatrische Versorgung seit dem 1. Mai entstanden. „Das ist ein wichtiges Signal für die Region, denn es zeigt, es geht voran“, schätzt Landkreisdezernentin Martina Weber ein.

Arzt aus Pirna hat viel investiert

Dr. Reinhard Martens, der urpsrünglich aus Nordrhein-Westfalen stammt, hat von seinem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) in der Glasmacherstadt eine Außenstelle eingerichtet. Der in Pirna praktizierende Arzt wird allerdings nicht ständig vor Ort sein können – er hat noch Außenstellen in Dippoldeswalde, in Bischofswerda sowie eine im Aufbau befindliche Praxis in Löbau. Insofern stellt sich die Frage, wie er die Patienten in Weißwasser betreuen soll?

Telemedizin kommt zum Einsatz

„Wir haben zwei Mitarbeiter vor Ort“, sagt der Mediziner. Das sind Kinder- und Jugendpsychotherapeut Martin Epke sowie Katrin Schultze. Die junge Frau ist gleichzeitig beim Stattrand der Diakonie angestellt – die Einrichtung für Kinder und Jugendliche an der Muskauer Straße stadtauswärts ist gleichzeitig der Sitz der Praxis. „Während ich beim Erstgespräch mit den Patienten immer vor Ort bin“, erklärt Dr. Martens weiter, „werde ich zum Großteil aber auf die Telemedizin zurückgreifen.“

Das bedeutet, mittels einer Internetverbindung kann der Psychologe ein Patientengespräch wie auch mit den Mitarbeitern vor Ort führen, ohne selbst anwesend zu sein. Dazu ist ein großer Monitor im Sprechzimmer aufgestellt, sodass sich Arzt und Patient tatsächlich sehen. „Ich will eines klarstellen: Es geht nicht darum, dass wir uns von den Patienten entfernen, sondern darum, die Menschen vor Ort zu versorgen“, sagt Martens.

Kassenärztliche Vereinigung, Freistaat und Landkreis im Boot

Damit nämlich die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KV) sowie die Krankenkassen diesen Weg überhaupt mitgegangen sind, ist viel Vorarbeit zu leisten gewesen. „Denn Dr. Martens musste ersteinmal entlastet werden“, erklärt beispielsweise Simone Hartmann von der Techniker Krankenkasse. Diese Entlastung erhält er, indem der Arzt eben nicht ständig zwischen den Praxen hin- und herfährt, sondern über das Internet Gespräche führt. „In dieser Komplexität ist das Projekt in Weißwasser deutschlandweit Vorreiter“, konstatiert Simone Hartmann. Das bestätigt auch Klaus Heckemann von der KV: „Ich bin sehr froh, dass es uns gelungen ist, die Versorgung vor Ort zu verbessern.“

Schließlich profitiert auch die Stattrand-Einrichtung davon: „Wir begleiten oft Kinder in Krisensituationen, deshalb haben wir dem Projekt von vornherein offen gegenübergestanden“, sagt Leiterin Mandy Köhler. Offenheit ist es auch, die sich Sachsens Gesundheitsministerin Barbara Klepsch (CDU) von Medizinern und Patienten wünscht. Zur Einweihung der Praxis ist sie am Mittwoch nach Weißwasser gereist, um sich ein eigenes Bild zu machen. „Um die medizinische Versorgung in Sachsen langfristig zu sichern, braucht es nicht nur mehr Personal, sondern auch technische Lösungen“, sagt sie. Dass die Telemedizin ergänzend, nicht ausschließlich zum Einsatz kommt, begrüßt sie. „Damit sind wir in Sachsen und in Weißwasser Vorreiter“, betont die Ministerin.

Nachfrage nach psychotherapeutischer Behandlung gestiegen

Die psychotherapeutische Behandlung werden laut Martens immer wichtiger – gerade bei Kindern. „Hier geht es um eine ambulante Behandlung, die die Patienten in ihrem Umfeld beläßt“, erklärt er. Und die Nachfrage ist groß: „Wir haben in Beschofswerda Patienten, die aus Brandenburg bis zu uns kommen“, weiß der Psychologe.