Fastnacht in der Lausitz: Dörfer im Rausch der Tradition – und wer jetzt mitfeiern darf
Ab Mitte Januar gilt: Mitfeiern, mittrinken, mittanzen – oder wendische Dörfer weiträumig umfahren. Denn dann beginnt die Saison der wendischen Fastnacht (Zapust) in der Niederlausitz. Das ist auch etwas fürs Auge: Die Jugend des Dorfes zieht als Umzug mit Kapelle durchs Dorf, die Mädchen in wendischer Tanztracht, die jungen Männer mit Anzug und Fastnachtsstrauß. Das ganze soll ebenso wie das Zampern den Winter austreiben – und gezampert wird in Dörfern, beginnend im Süden von Frankfurt (Oder) bis in den Raum Schleife in Ostsachsen.
Jugendliche und Erwachsene sind in Gruppen unterwegs, um verkleidet die Höfe des eigenen Dorfes abzuklappern und Geld, Speck und Eier zu verlangen. In neuerer Zeit sind auch die Jüngsten aus Kindergärten unterwegs und erbitten eine Gabe. Das ganze kann mehrere Tage dauern – da Jugend und Männer, die nicht mehr so jugendlichen Erwachsenen, getrennt unterwegs sind. Zampergänge gibt es in größeren Dörfern auch an Montagen. Den Abschluss bildet das Eieressen oder der Eierkuchenball, bei dem das Eingezamperte gemeinsam verzehrt wird.
Wo ist eine echte Fastnacht zu erleben?
Der wendische Brauch wird auch in Dörfern gepflegt, die dem sorbischen/wendischen Siedlungsgebiet nicht angehören wollen, wie Wußwerk. Die Termine der Umzüge finden sich bei der sorbischen/wendischen Dachorganisation Domowina. Höhepunkte sind Jubiläumsfastnachten, in diesem Jahr am 18. Februar in Drachhausen/Hochoza.
Das Niedersorbische Gymnasium feiert in Cottbus den Zapust, der Umzug ist am 1. Februar ab zwölf Uhr unterwegs in der Stadt. Traditionell bekommt dabei auch der Oberbürgermeister der Stadt eine Ehrenrunde.
Wer feiert eigentlich, und wer darf mitmachen?
Die Fastnacht feiert ein Dorf traditionell unter sich. Das ist heute etwas anders, beobachtet Benny Weichert von der Neoparty-Band: „Wir spielen seit Jahren beim Fastnachtstanz und sehen in den letzten Jahren viel Offenheit. Menschen mit Handicap sind dabei und homosexuelle Paare.“ Toleranz herrscht mittlerweile auch, wenn sich jemand eine Partnerin oder Partner von außerhalb dazu holt, sagt Karin Tschuck, Regionalsprecherin der Domowina: „Auch wer Verwandte im Dorf hat, wird gern einbezogen und findet jemanden, der Mädchen beim Anziehen hilft.“ Denn eine wendische Tracht zieht man sich nicht allein an, auch die Vorbereitung von Spitzen, Schürzen und Hauben ist aufwändig.
Die Männer haben es einfacher: Einen Fastnachtsstrauß aus Papierblumen muss sich niemand mehr selbst anfertigen, die gibt es zu kaufen bei der Sorbischen Kulturinformation Lodka in Cottbus.
Was nicht so einfach zu beschaffen ist wie hübsche Papierblumen, sind Tanzsäle für den Fastnachtstanz, denn die Zahl der Gastwirtschaften auf dem Lande nimmt rapide ab. Die Lösung besteht häufig darin, Festzelte aufzubauen. Die Kosten für Zelte, Saalmiete und Kapellen wird beglichen durch Teilnahmebeiträge, die bis zu 60 Euro pro Paar kosten.

Fastnachtssträuße werden bei der wendischen Fastnacht an Hut oder Revers der Burschen und Männer befestetigt. Traditionell wurden sie aus Papierblumen und gefärbten Hühnerfedern angefertigt.
Stefanie KrautzMit dem Auto die Fastnacht lieber umfahren?
So schön die Umzüge anzusehen sind: Manche Autofahrer machen um sie lieber einen Bogen. Es kann nämlich passieren, dass man angehalten wird, um einen „Sechser“ zu geben. Manchmal warnen Schilder „Achtung Fastnacht“ am Ortseingangsschild. Das ist aber keine Ausladung. Wer gern tanzt, kann sich jetzt an vielen Wochenenden verausgaben.
So steht es um die Annemarie-Polka zur Fastnacht
Dabei ist der Kulturwandel unübersehbar, die Kreistänze der Männer etwa sind nirgends mehr zu sehen. Das Repertoire der Kapellen umfasst Polkas, Märsche und Rheinländer. Ein Klassiker ist die Annemarie-Polka. Mittlerweile wird das Lied kontrovers diskutiert – die „Annemarie“ von Herms Niel steht durch ihre historisch belegte Verwendung in der Nazi-Propaganda in der Kritik. Für einige Bands ist das ein Thema, Benni Weichert sagt: „Wir kennen die Problematik, wollen auch keine zweifelhaften Sachen spielen. Wir suchen noch den Umgang damit. Wenn der ausdrückliche Wunsch nach der Annemarie kommt aus dem Publikum, bringen wir sie großteils ohne Text, als Kompromiss.“ Bianca Markus von der Band Scarlett sieht das anders: „Die Annemarie ist beliebt, die Leute wünschen sich das“. Das bestätigt Mathias Pelz von den Saspower Blasmusikanten. „Die Annemarie gehört zur Tradition, das wollen die Leute hören.“
Für viele Lausitzer, die ihr Heimatdorf verlassen haben, ist die Fastnacht auch immer der Anlass für einen Besuch. Und die Tradition verbreitet sich, sagt Karin Tschuck: „Auch dort, wo man dem Wendischen zeitweise nicht viel abgewinnen konnte, wird wieder Fastnacht gefeiert – bei allen Generationen, nicht nur im Landkreis Spree-Neiße“.




