Uwe Steimle in Spremberg: Scharfzüngig und charmant – von Klabauterbach bis Trump

Kabarettist Uwe Steimle ist am Sonnabend, 20. Juli 2024, auf der Freilichtbühne in Spremberg zu erleben. Karten gibt es in allen bekannten Vorverkaufsstellen der Lausitzer Rundschau. Telefon: 0355 481 568
Frank May/dpaNatürlich polarisiert Uwe Steimle. Manchmal sogar so sehr, dass einem das Grinsen zwischen den Kiefern einfriert. Während manch anderer Ossi dafür jahrzehntelang vom Nordpol zum Südpol zu Fuß unterwegs ist, kratzt der Zauberer von Ost sensibel wie ein Seismograf über das gesellschaftliche Zeitgeschehen. So auch diesen Sonnabend (20. Juli 2024). Der freistaatliche Freundschaftsbesuch im brandenburgischen Spremberg beginnt um 19.30 Uhr.
Es sind seine feinsinnig vorgetragenen, scharfzüngigen Zaubersprüche, die das Publikum oft erst nach einigen Sekunden eiskalt erwischen. Zum Beispiel, wenn er die Bauernproteste zu Beginn des Jahres mit einem Schachspiel vergleicht: „Der Bauer eröffnet die Partie und am Ende fällt der König“. Oder wenn es um Waffenlieferungen in die Ukraine geht: „Die einzig für mich akzeptable Verteidigungswaffe ist die Gulaschkanone“. Und das jüngst im fernen Berlin verabschiedete Wirtschaftswachstumsbeschleunigungsgesetz übersetzt der bekennende Ostalgiker unverblümt mit „Fünfjahresplan“.
Bonbons der politischen Unterhaltungskunst in Spremberg
Der Drops ist also noch lange nicht gelutscht. Auf den Tag genau einen Monat nach seinem 61. Geburtstag reißt der in Dresden lebende Schauspieler und Kabarettist auf der Freilichtbühne von Grodk, auch bekannt als Perle der Lausitz, eine frische Tüte hübsch verpackter süßer und saurer Satire-Bonbons auf: „Aktuell“. Er, der mutmaßlich größte Kleinbürger im Land, erklärt vorab: „Jetzt, wo die Zukunft Wirklichkeit wird, haben wir in Wirklichkeit keine Zukunft mehr.“ Na dann: Glück auf und auf ein Neues!
In seiner Welt ist er mal die linke Sau, mal das rechte Schwein. Dabei aber stets Fein- statt Schonkost. Auch auf die Gefahr hin, am Schluss als veganes Schnitzel zu enden. Oder als lupenrein glutenfreier Gulasch. Uwe Steimle, der unheimliche, weil: offizielle Zauberer von Ost, nimmt sein Publikum für satte zwei Stunden in satirische Sippenhaft. Stets bemüht, Barrieren zu überwinden und Brücken zu bauen – zwischen Nord und Süd, Ost und West, wie Steimle betont.
Auf der Bühne gelingt ihm der Spagat in der Regel spielend – dank liebenswert skurriler Verwandlungskunst. Steimle nimmt sich und genießt die Freiheit, auf der Bühnenbretterwelt seinen Zeigefinger in die Wunden der weltweiten Verbrüderung legen zu dürfen. Unter der Losung „Aus Nischt was machen!“ malträtiert der vielseitige Tausendsassa das kabarettistische Kerbholz, reißt parodistische Possen zum Schenkelklopfen und liefert zentnerweise Zündstoff fürs Zwerchfell.

Uwe Steimle (l.) als Kommissar Jens Hinrichs mit Felix Eitner und Margarita Breitkreiz bei Dreharbeiten zu „Polizeiruf 110“ (2008).
Jens Büttner/dpaZwischen Zaubern und Zaudern – so aktuell ist Steimles „Aktuell“
Fragt man Uwe Steimle, wer in seinen Augen aktuell hierzulande am eindrucksvollsten den Vogelscheuchen-Mann aus dem Kinderbuch-Klassiker „Der Zauberer von Oz“ verkörpere, nennt er den Namen Carlo Klabauterbach, und spielt dabei auf dessen Rolle während der Corona-Pandemie an. Als Blechbüchsenmann ohne Herz und Dosenpfand charakterisiert er den Zweifelsfreidemokraten Lindner.
Einen Löwen, dem es an Mut mangele, gebe es übrigens auch. Nur erinnere er sich gerade nicht an dessen Namen. Den finde man vermutlich in einem auf seltsame Weise verschwunden geglaubten Laptop. Zudem sei der Zauber im Land dem Zaudern gewichen. Federführend hier: die Jugendfreunde der Zeh-D-U. Trotz alledem bleibe Steimle seinem Lebensmotto treu: „Alle lieb – wir gehören zusammen.“ Donald Trump empfinde er als Friedensstifter. Und das Nonplusultra dieser Tage laute: „Frieden!“

Uwe Steimle verteilt während der Aktion „Frieden gemeinsam gestalten“ vor dem Kulturpalast Dresden Papierfahnen mit der Aufschrift „Mit Steimle für den Frieden“.
Sebastian Kahnert/dpaDas hat Uwe Steimle vor seinem Gastspiel in Spremberg erlebt
Uwe Steimle kommt am 20. Juni 1963 in Dresden zur Welt. Vater wie Mutter geben dem Sohn viel von ihren eigenen Persönlichkeiten mit auf den Lebensweg: Zuwendung, Geborgenheit und auch die Fähigkeit, verzeihen zu können. Theateraufführungen in der Schule, russische Märchenfilme im Fernsehen und zahlreiche Leinwandhelden aus aller Kinowelt lassen in ihm den Wunsch wachsen und reifen, Schauspieler werden zu wollen.
Wie in der ehemaligen Ostzone durchaus üblich, erlernt aber auch Steimle erstmal einen anständigen Beruf in der Produktion. Er wird Industrieschmied, hängt den Hammer jedoch alsbald möglich schweißgebadet wieder an den Nagel. Sein Brigadier verabschiedet ihn mit warmen Worten wie: „Na, auf dich haben die da gerade gewartet.“ Er sollte Recht behalten.

Mit Teppichklopfern auf den Putz hauen: Uwe Steimle als Günter Zieschong mit Schauspieler Tom Pauls als Ilse Bähnert (r.) 2009 am Dresdner Postplatz.
Ralf Hirschberger/dpaWarum der Durchbruch nach dem Mauerfall kein Zufall war
Denn: Ebenso mutig wie trotzig und hartnäckig studiert Uwe Steimle ab 1985 an der Theaterhochschule Hans Otto in Leipzig. Schon vier Jahre später offenbart sich erstmals die magische Durchschlagskraft des für gewöhnlich eher harmlos, bescheiden und schüchtern wirkenden Zauberers von Ost. Kaum hält er die per Diplom verbriefte Daseinsberechtigung als Schauspieler in den Händen, ist Schluss mit Sozialismus zwischen Kap Arkona und Fichtelgebirge. Die Mauer fällt und der Erste Sekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheizpartei Deutschlands (SED) und Vorsitzende des Staatsrats der DDR, Erich Honecker, nimmt seinen Hut.

Ein Vierteljahrhundert alt ist diese Aufnahme: Ingolf Lück, Bastian Pastewka, Uwe Steimle als Honecker, Anke Engelke und Markus Maria Profitlich (v.l.n.r.) im Jahr 1999.
Sat.1 Bockemühl/dpaUwe Steimle erkennt die Zeichen der Zeit, forciert sein Talent als Imitator, springt gleichsam heldenhaft wie unübertroffen einzigartig in die Bresche und entwickelt eine parodierende Paraderolle, die ihn binnen Nullkommanix an sämtliche Wandzeitungen in der Straße der besten Kabarettisten im wieder vereint nickenden Deutschland katapultiert.
Von da an geht's Schlag auf Schlag: Zuerst heimst der sächsische Lokalmatador anno 2000 den „Mindener Stichling“ ein, drei Jahre später domestiziert er den „Salzburger Stier“. Die daran anschließenden Fahndungserfolge als TV-Kommissar Jens Hinrichs in der NDR-Serie „Polizeiruf 110“ krönt der Grimme-Preis 2005.


