Spendenaktion für Spremberger
: An Rollstuhl gefesselt – Gregor Wippich will wieder arbeiten

Der Spremberger Gregor Wippich braucht einen neuen Transporter. Seit 22 Jahren ist er querschnittgelähmt. Dass er trotzdem arbeiten kann, verdankt er seinem Auto. Doch das ist seit einem Unfall ein Totalschaden. Hilft ihm jetzt eine Spendenaktion?
Von
Annett Igel
Spremberg
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Gregor Wippich braucht nach einem Verkehrsunfall ein neues Auto, denn er will weiter arbeiten und mit Freunden und seiner Tochter Helena mobil bleiben.

Steven Wippich

Ein kleiner Verkehrsunfall in der Spremberger Mühlenstraße hat heftige Folgen. Gregor Wippichs Auto ist ein wirtschaftlicher Totalschaden. 14 Jahre war der querschnittgelähmte Spremberger mit ihm mobil: für seinen Minijob, für sein ehrenamtliches Engagement, um sich mit Freunden zu treffen und Konzerte zu besuchen. Aber was wird nun aus dem lebenslustigen Wippich? Seine Schwester Claudia Winkler hat mit der Crowdfunding-Plattform GoFundMe einen Spendenaufruf gestartet. Kommt genug Geld zusammen?

An das Knacken im Hals kann sich Gregor Wippich noch genau erinnern. Und an den Versuch, unter Wasser Luft zu holen. „Das ist ein Reflex“, sagt er.

Im Juli 2001, da war er 22, wollte er mit seinem Freund Christian Hempe den hinteren Teil des Badesees in Groß Düben durchschwimmen. „Es war nicht mal Übermut. Sondern ich bin einfach unglücklich gesprungen. Ein etwas zu steiler Kopfsprung ins etwas zu flache Wasser“, so fasst Gregor Wippich den Badeunfall zusammen. Christian wurde sein Lebensretter. Weitere Badegäste halfen.

Halswirbel nach Kopfsprung völlig zertrümmert

Der vierte Halswirbel war zertrümmert, verschoben der fünfte und sechste Wirbel. Drei Wochen lag der BTU-Student im Cottbuser Klinikum. Während seine Eltern grübelten, wie sie es ihm sagen, dachte Wippich schon nach. „Ich habe ja gespürt, was alles nicht mehr funktioniert. Das war jetzt eben so.“

Wippich schaut nach vorn – schon immer. Er ist Realist – mindestens. „Ohne die Familie, meine einstige Lebenspartnerin, Freunde, Nachbarn und Pflegekräfte hätte ich das nicht geschafft“, sagte er. Acht Monate lernte er im Rehabilitationszentrum in Kreischa, den Alltag neu zu meistern. Den linken Arm kann er bewegen, aber kein Finger gehorcht, jegliche Greiffunktionen fehlen. Das Gesicht mit einem Lappen abwischen, ist einfach. Aber Zähneputzen und den Löffel irgendwie in die linke Hand drücken, um damit zu essen? „Ein Buch umblättern, auch wenn Eselsohren bleiben – ich war glücklich, als ich das schaffte“, erinnert sich der 44-Jährige.

Mit dem linken Handknöchel tippt er am Laptop. Er ist in Spremberg bekannt wie ein bunter Hund und will immer etwas zu tun haben und helfen. Stimmt etwas mit dem Smartphone, mit dem PC nicht, ist Wippich Ansprechpartner. In einem Minijob im Mehrgenerationenzentrum Bergschlösschen und in den Außenstellen Drebkau und Welzow berät er Menschen mit geringem Einkommen. Für Senioren gibt er Smartphone- und PC-Kurse. An jedem vierten Mittwoch im Monat sitzt er mit seinem elektrischen Rollstuhl im Smartphone-Café des Bergschlösschens. Da kann jeder kommen, der Fragen zum Internet und zu den Geräten hat. Doch jetzt ohne Auto ist das alles schwierig.

In Aue wird Kleinbus rollstuhlgerecht umgebaut

14 Jahre hat ihn sein rollstuhlgerechter VW-Bus überall hingebracht. Wippich fährt ihn nicht selbst. Ein Nachbar, Freunde, die Familie chauffieren ihn, sobald ihn die Hebebühne ins Auto gehievt und der 180 Kilogramm schwere Rollstuhl ans Rückhaltesystem auf der Beifahrerseite angedockt hat. In der Werkstatt der Reha Automobil-Technik GmbH in Zschorlau bei Aue hatte Wippich seinen VW-Bus vor 14 Jahren umbauen lassen. Allein eine Hebebühne kostet 13.000 Euro. Aus dem Fahrzeugboden musste alles Weiche weichen, damit der Stuhl vom Rückbankbereich vorrollen und einrasten kann.

Beim ärgerlichen Unfall vor wenigen Wochen wurde der Bus irreparabel beschädigt. „Mein Bruder ist zu 100 Prozent auf Pflege angewiesen“, sagt Claudia Winkler, „ich bin absolut stolz auf ihn, wie er sein Leben seit 22 Jahren meistert und immer für andere Menschen da ist – beruflich und privat.“ 49.000 Euro will sie sammeln, damit er wieder mobil ist. Wippich gesteht, dass ihm das ein bisschen unangenehm sei. Auf der Spenden-Plattform wird für lebensbedrohlich erkrankte Menschen gesammelt. Zum Beispiel für den 18-jährigen Spremberger Tamino, der gegen Leukämie kämpft. Zugleich freut sich Gregor Wippich über die Reaktionen von bekannten wie unbekannten Menschen. Die Hälfte des erhofften Geldes ist bereits zusammengekommen.

Viele Spremberger reagieren auf Spendensammlung im Internet

Er lebt gern in Spremberg. „Bei meinem Arbeitgeber im Bergschlösschen ist alles barrierefrei“, sagt er. Nur das Projekt Öffentlicher Personennahverkehr, das er und seine Tochter Helena mit einer Stadtrundfahrt gestartet hatten, ist an den Haltestellen und am Umsteigen gescheitert. Das Display seines Rollstuhls darf nicht nass werden, aber er kann keinen Regenschirm öffnen. Hitze ist ein Problem, Kälte kann spastische Verkrampfungen auslösen. „Ich schmelze schnell dahin und ich bestehe größtenteils aus Zucker“, witzelt er.

Solche Sprüche hören seine Pflegerinnen von der Spremberger Lebenshilfe öfter. „Meine Klappe steht nicht still“, sagt Wippich. Frühaufsteher ist er auch – „um 9 Uhr will ich auf der Arbeit sein.“ Schon die Haare zu stylen, dauere. „Beim Aufwachen erinnert meine Frisur an ein geplatztes Eichhörnchen. Ich bin sehr eitel.“ Und erfinderisch ist Gregor Wippich. In seinem Arbeitszimmer hängt ein Beutel mit Klötzchen. „Die“, verrät er, „lasse ich im Restaurant unter die Tischbeine schieben.“

Doch jetzt muss er auf Geld hoffen. Mehr als ein halbes Jahr wird es dauern, einen geeigneten Kleinbus zu finden und ihn umbauen zu lassen. Wieder in Aue, solche Werkstätten sind rar. Momentan helfen ihm bei den nötigen Touren Freunde mit ihren Fahrzeugen.

Die Spenden-Plattform

Gestartet hat Claudia Winkler die Spenden-Aktion für ihren Bruder über die Crowdfunding-Plattform „GoFundMe“. Unter den Notfällen ist sie dort zu finden. Auch der Spremberger Sportverein SSV 1862 sammelt mit dieser Plattform gute Erfahrungen, als sie die Familie eines an Leukämie erkrankten Spielers unterstützen will. Die Reichweite ist groß, das 14-fache des Spendenziels ist für den 18-jährigen Tamino zusammengekommen.

Wie viele dieser Spenden-Plattformen behält auch GoFundMe einen Prozentsatz der Spenden. Die Verbraucherzentrale Brandenburg rät deshalb Initiatoren von Spenden-Aktionen als auch Spendern, die Bedingungen immer genau zu prüfen. Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen vergibt seit 30 Jahren sein „Spenden-Siegel“. Demnach sollen die Werbe- und Verwaltungsausgaben der mit dem „Spenden-Siegel“ zertifizierten Organisationen maximal 30 Prozent der jährlichen Gesamtausgaben betragen.