Das Lausitzer Energieunternehmen Leag versucht den Spagat. Und jeder, der nicht gerade Leistungsturner ist, weiß, wie schmerzhaft so eine „einfache“ Standardübung sein kann.
Das größte Lausitzer Industrieunternehmen, das seine Existenz und seinen Reichtum der Braunkohleförderung und ihrer Verstromung verdankt, will sein einst eher verrußtes Image mit brachialer Energie verändern. Die Leag will ganz schnell weg vom eindimensionalen, schmuddeligen Rohbraunkohle-Spezialisten, der Naturlandschaften zerstört, hin zum größten Ökostrom-Anbieter Deutschlands oder gar Europas.
Während der Leag-Mitbewerber RWE öffentlichkeitswirksam mit einem Kohleausstieg im Jahr 2030 im Rheinischen Revier auf die Pauke schlägt und bis dahin alles verstromt, was sich noch aus der Erde kratzen lässt. Geht die Leag einen anderen Weg.
Die Schlüssel zum Tor in die Zukunft sollen bei dem Lausitzer Energieunternehmen Gigawatt-Factorys sein. Vernetzte riesige Solar- und Windparks bisher hierzulande ungekannten Ausmaßes sollen künftig den CO₂-freien, sauberen Strom für die wirtschaftlich Zukunftsregion Lausitz liefern und sie auf diese Weise zum Sehnsuchtsort für industrielle Visionen machen.

Bergbau und Kohleverstromung verdienen das Geld

Das alte Kohle-Geschäftsmodell der Leag ist gerade so erfolgreich wie lange nicht mehr. Auch wenn sich das nicht börsennotierte Unternehmen kaum in die Bücher schauen lässt, ist davon auszugehen, dass die Leag seit vielen Monaten glänzend verdient und riesige Gewinne schreibt. Seine Tagebaue und Kraftwerke sind seit dem vorigen Jahr und auch langfristig voll ausgelastet, die Strompreise auf bis vor kurzem unvorstellbarem Rekordniveau.

So viel Kohle fördert die Leag aktuell

Im Jahr 2022 wird die Leag nach eigenen Angaben 50 Millionen Tonnen Kohle verstromen, nächstes Jahr sollen es gar 60 Millionen Tonnen sein. Das entspricht einer Steigerung von 50 Prozent im Vergleich zum Jahr 2021. Erst kürzlich hat die Leag in Jänschwalde zwei Kraftwerksblöcke wieder hochgefahren, die eigentlich schon abgeschaltet waren. Gleichzeitig laufen auch die Brikett- und Braunkohlestaub-Produktion auf Rekordniveau. Inzwischen sucht das mit rund 6500 Mitarbeitern größte Lausitzer Industrieunternehmen händeringend neue Mitarbeiter für die Produktion, das Bergbau- und Kraftwerkgeschäft.
Jetzt will Leag-Vorstandschef Thorsten Kramer nach eigenen Aussagen damit das Geld verdienen, um in die grüne Leag-Zukunft investieren zu können. Kramer aber ist ein Veränderer – dafür ist er eingestellt worden – der die „Kohle“ aber braucht, um sich langfristig von der Braunkohle zu verabschieden. Lang gediente Leag-Fachleute beobachten sein Vorgehen aber auch misstrauisch. Sie haben sehr wohl bemerkt, dass die mächtigen Findlinge aus Lausitzer Tagebauen vor dem Haupteingang der Leag-Hauptverwaltung in Cottbus still und heimlich verschwunden sind. Die Schutzpatronin der Bergleute, eine künstlerisch gestaltete „Barbara“, ist aus dem repräsentativen Leag-Foyer umgezogen in den meist geschlossenen Barbara-Saal.
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Der traditionelle Gruß der Bergleute „Glück auf!“ war bisher keineswegs der bevorzugte Gruß, der dem obersten Leag-Veränderer stets leicht über die Lippen ging. Doch das soll sich jetzt ändern, versprach Thorsten Kramer vor großem Publikum bei der Barbara-Feier in Schwarze Pumpe.

Zukunft der Lausitz „auf Kohle geboren“

Die großen, offiziellen Feiern zum Barbara-Tag, die in diesem Jahr zeitgleich in der Schienenfahrzeughalle am Kraftwerk Schwarze Pumpe, und an den anderen Leag-Kraftwerksstandorten in Jänschwalde (Spree-Neiße), Boxberg (Landkreis Görlitz) und Lippendorf (Landkreis Leipzig) über die Bühne gingen, waren dennoch der Tag, an dem die Bergleute und Kraftwerker im Mittelpunkt standen. Das machte Leag-Bergbauvorstand Philipp Nellessen deutlich, der bei der Barbara-Feier die Festrede hielt.
„In meiner Heimat, im Pott, gibt es die wunderschöne Redewendung ,Auf Kohle geboren‘“, sagte Nellessen. Und das sei ein Spruch, der dort mit großem Stolz verwendet werde. „Genau das ist die Lausitz heute auch: Auf Kohle geboren – und das wird sie immer bleiben. Alles, was wir jetzt für die Zukunft schaffen, ist auch ,auf Kohle geboren‘“. Es sei völlig klar, ohne den täglichen Einsatz der Bergleute, würde es keine Gigawatt-Factory entstehen. Philipp Nellessen: „Ihr verdient das Geld dafür und ihr richtet die Landschaften dafür wieder her.“

Aufbruchsstimmung – Das sind die Forderungen der Leag

► Seit zwei Jahren prüft die EU-Kommission Entschädigungszahlungen für den Kohleausstieg in Höhe von 1,75 Mrd. Euro. Dieses Geld soll zu 100 Prozent in die Vorsorgegesellschaften der Länder Brandenburg und Sachsen fließen. „Ich finde, diese sehr lange Prüfung sorgt nicht für Sicherheit und Planbarkeit“, sagte Philipp Nellessen.
► Er forderte auch, „die teils wilden Diskussionen zu Übergewinnsteuern“ zu beenden. „Sie irritieren alle, die wie wir Erneuerbare Energien ausbauen wollen. Wir brauchen dringend Klarheit.“
► Tausende Lausitzer Bergleute wollen Verantwortung für die Zukunft der Region übernehmen. Und das erwarten sie auch von anderen, zum Beispiel von der Politik in Berlin und Brüssel.

Das sagten Christine Herntier und Ministerpräsident Dietmar Woidke

Die Bürgermeisterin von Spremberg Christine Herntier (parteilos) übernahm als Gastgeberin in Schwarze Pumpe die Begrüßung der Bergleute bei der Barbara-Feier. Sie sprach aber auch als Vorsitzende der kommunalen Lausitzrunde. In ihrer Begrüßung sagte Christine Herntier: „Ich bin überzeugt, dass der Strukturwandel nur mit dem Bergbau- und Energieunternehmen gelingen kann. Das leben wir hier seit dem Jahr 2016 und wir können gemeinsam stolz darauf sein, dass jetzt diese Erfolge zu verzeichnen sind. Das Kohleausstiegsdatum 2038 steht! Ich habe keine Zweifel daran, dass die heimische Kohle unverzichtbar ist und einen Beitrag leistet, damit erneuerbare Energie schrittweise die Versorgung übernehmen kann, sicher und bezahlbar!“
Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) sagte den Bergleuten: „Wir sind Ihnen zu Dank verpflichtet: Seit Jahrzehnten sorgen Sie für sicheren Strom zu bezahlbaren Preisen. In diesem Jahr hat das eine ganz besondere Bedeutung gewonnen.“ Woidke versprach den Bergleuten erneut einen „Wandel mit Augenmaß“: „Für mich ist klar, dass wir erst neue Arbeitsplätze und Perspektiven schaffen, bevor wir die Tagebaue endgültig schließen. Wir sind auf dem richtigen Weg.“