Die zwei 500-Megawatt-Blöcke des Braunkohlekraftwerkes Jänschwalde, die 2018 und 2019 in der Sicherheitsbereitsschaft gestellt worden sind und nach vier Jahren abgebaut werden sollten, können für die Energieversorgung in Deutschland jetzt wieder ans Netz gehen. Das Landesamt für Umwelt (LfU) Brandenburg wird den immissionsschutzrechtlichen Ausnahmeantrag der Lausitz Energie Kraftwerke Aktiengesellschaft (Leag) „für die Wiederinbetriebnahme der Blöcke E und F des Kraftwerks Jänschwalde positiv bescheiden“. Das bestätigt Behördensprecher Thomas Frey. Die Genehmigung wird seinen Angaben zufolge am Freitag (30. September 2022) erteilt.
Die schon eingemotteten Anlagen des Kraftwerksriesen entsprechen nicht mehr dem neuesten technischen Stand bei der Abgasreinigung. Die Grenzwerte sind vor zwei Jahren im Bundes-Immissionsschutzgesetz geändert worden. Das Kraftwerk Jänschwalde gilt in Deutschland als drittgrößte Schadstoffschleuder – nach den Braunkohlekraftwerken Neurath und Niederaußem. Deshalb musste die Umweltbehörde des Landes Brandenburg über eine Ausnahmegenehmigung entscheiden.

Zehn-Tage-Frist für die Lausitzer Kraftwerksreserve läuft

Der Bund zahlt zwar Millionensummen aus den Netzentgelten der Verbraucher an die Braunkohle-Kraftwerksbetreiber, die im Kohleausstieg schon abgefahrene Anlagen vier Jahre lang betriebsbereit halten müssen. Der Vertrag zwischen Bund und Braunkohleindustrie schreibt fest, dass schlummernde Kraftwerksblöcke innerhalb von zehn Tagen wieder einsatzbereit ans Netz genommen werden müssen. Auch mit genügend Personal und Rohstoff-Ressourcen. Kontrolliert worden ist das bisher allerdings nicht. Das hat der Bund der Steuerzahler schon heftig kritisiert.
Jetzt schlägt die Stunde der Wahrheit, weil Deutschland sich wieder von russischem Gas und Kohle unabhängig versorgen muss. Die Zeiten von Überkapazitäten am heimischen Strommarkt sind schlagartig vorbei. Energie ist rar und teuer geworden. Und Reserveblöcke wie die veralteten des Braunkohlenkraftwerkes Jänschwalde, von denen der zuerst stillgelegte Block E schon kurz vor dem Rückbau stand, werden für eine stabile Stromversorgung wieder dringend benötigt.

Leag bringt die beiden Reserveblöcke jetzt ans Netz

Die Leag bereitet derzeit mit einem technisch aufwändigen Instandhaltungsprogramm die beiden Jänschwalder Kraftwerksblöcke E und F für einen möglichen Betrieb im Rahmen der Versorgungsreserve vor. Das sagt Unternehmenssprecherin Kathi Gerstner. „Mit der nun vorliegenden Rechtsverordnung sowie allen behördlichen Zulassungen und Genehmigungen, die wir ebenfalls zeitnah erwarten, ist der Betrieb möglich. Und die Blöcke können hochgefahren werden und am Marktgeschehen teilnehmen“, bestätigt sie. Die Betreiber müssen sicherstellen, dass die Reserveanlagen während der Versorgungsreserve innerhalb von 240 Stunden nach Inkrafttreten der Rechtsverordnung zum Aufruf betriebsbereit sind. Leag werde die Betriebsbereitschaft beider Blöcke Anfang Oktober laut Rechtsverordnung sicherstellen und plane einen zeitnahen Betrieb der Kraftwerksblöcke.

Kraftwerke in Sicherheitsbereitschaft und die Kosten

Die deutschen Kohlekraftwerke werden im Kohleausstieg schrittweise vorläufig stillgelegt und vom Netz genommene Blöcke nach jeweils vier Jahren in der Sicherheitsbereitschaft endgültig stillgelegt werden. Im Jahr 2023 sollten diese Sicherheitsbereitschaften ursprünglich vollständig aufgelöst werden.
Die Kraftwerksblöcke in Sicherheitsbereitschaft dürfen nicht mehr regulär laufen, also keinen Strom liefern. Sie werden aber für den Fall vorgehalten, dass die Stromproduktion einschließlich aller regulären Sicherheitsmaßnahmen nicht ausreichen könnte, um den Verbrauch zu decken. Das ist mit der Gaskrise infolge des Russland-Ukraine-Krieges nun eingetroffen.
Bei einer Anforderung durch den Bund müssen die Anlagen innerhalb von 240 Stunden (zehn Tage) betriebsbereit sein und innerhalb von elf Stunden auf Mindestteilleistung und innerhalb von weiteren 13 Stunden auf Nettonennleistung angefahren werden können.
Dafür zahlt der Bund den Anlagenbetreibern insgesamt etwa 230 Millionen Euro pro Jahr, die aus den Netzentgelten der Stromverbraucher bestritten werden. Die Vergütung der Sicherheitsbereitschaft sinkt, wenn die Kraftwerke nicht rechtzeitig auf Abruf stehen.