Von Annett Igel-Allzeit

Das Fahrrad mit dem Hänger ist startklar. Alle vier Reifen haben genug Luft. Frank Matthias bringt Tessa, das Pferd der Familie, das sonst im Wald und auf dem Hof hilft, zur Wiese. „Sie muss erst wieder gesund werden“, sagt Barbara Matthias.

Das Elektroauto, neuste Errungenschaft auf dem EM-Hof „Pinokkio“, wird nur im Notfall genutzt. „Wir wollen nicht über den Klimawandel meckern, sondern etwas tun“, erklärt die Agraringenieurin und Umweltmanagerin.

Frank Matthias bringt Kräutertee gegen die Kühle an diesem Morgen. Der schwarze Kater schmiegt sich warm an die Beine der Gäste. Rote-Beete-Knollen und Weißkrautköpfe wachsen im Vorgarten – für die Veranstaltung „Pinokkio sucht das Feld der Wunder“ in Hornow.

Den Solartrockner für ihre Kräuter rückt das Ehepaar Matthias in die Sonne. Die Bauanleitung für die Holzkonstruktion mit Folie und Modul war leicht im Internet zu finden. „Bei Sommerhitze lässt sich darin auch Obst trocknen“, sagt Barbara Matthias.

Ortsgruppe Bloischdorf auf „Fridays for Future“-Aktionskarte

Das Klimawandel-Plakat hängt seit September am Gewächshaus – gut sichtbar für Fußgänger und Radfahrer. „Um Greta Thunberg zu schützen, müssen wir mehr werden“, sagt Barbara Matthias. Dass die Anfeindungen gegen das Mädchen unter die Gürtellinie gehen, tue weh.

Als Ortsgruppe Bloischdorf hat es der Hof auf die Klimaschutz-Aktionskarte der Bewegung „Fridays for Future“ geschafft. Der Ansturm freitags hält sich in Grenzen. Das sei nicht schlimm, sagt Frank Matthias, „uns steht der Sinn nicht nach Streik am Gartenzaun, sondern wir wollen zeigen, wie wir hier einfach leben.“

Auf eine Waschmaschine verzichten sie trotzdem nicht, aber von ihrem Internetanbieter erwarten sie eine strahlungsarme Lösung. Gut vernetzt zu sein, ist ihnen wichtig. „Reich“ habe sie das Grundstück in Bloischdorf werden lassen.

Reich an Leben, Beobachtungen, Erfahrungen. Es war für das Paar, das zunächst in Cottbus lebte, Ende Januar 2006 die Entscheidung aus einem Gefühl heraus. Gefüttert hatten das Gefühl Kollegen und Freunde, die sich ebenfalls für effektive Mikroorganismen (EM) interessieren, ein Ökomärchen-Schreiber und Pinokkio.

Barbara Matthias vermittelt den Wandel der Lausitz

Der kleine Kerl mit der langen Nase, der ein guter Mensch werden will, sitzt auf dem Küchenregal. Aber auch Till Eulenspiegel hat Barbara Matthias für sich entdeckt. Auf dem Tisch liegen „Ansichten eines Clowns“ von Heinrich Böll, die sie einer Berlinerin schenken möchte. Und über Erwin Strittmatters Figuren wie den Wundertäter Stanislaus Büdner denkt sie nach – abgesehen davon, dass Strittmatter auch über Mikroben schrieb.

Oft ist Barbara Matthias mit Reisegruppen unterwegs, vermittelt den Wandel der Lausitz, Heimat- und Wirtschaftskunde. „30 Jahre nach der Wende gibt es Menschen aus dem Westen Deutschlands, die das erste Mal in den Osten kommen. Die Mauer ist noch fest in manchen Köpfen.

Die Franken jüngst lobten, wie schön wir es jetzt doch hier haben. Jetzt?“ Barbara Matthias streitet nicht. Sie sucht Gemeinsames – findet es. Das sei wichtig, um die Menschen „abzuholen“.

Totholz sichert in Bloischdorf das Material für neue Hecken

Genau so könnte das auch mit dem Klimawandel funktionieren. Es sei egal, ob sie als Gäste einer Kräuterwanderung oder für mehrere Wochen aus Indien übers Netzwerk WWOOF Deutschland, das freiwillige Helfer auf ökologische Höfe vermittelt, kommen. „Ihren persönlichen Einstieg gegen den Klimawandel finden sie“, so Matthias optimistisch, „und wenn wir alle gemeinsam dieses naturnahe Leben herbei reden, wird es vielleicht wieder so.“

Der Dorf-Entwicklungs-Verband hilft Matthias, den Wald nach den Herbststürmen aufzuräumen. Das Totholz sichert das Material für neue Benjes-Hecken, die den Samenanflug und Initialpflanzungen fördern und Insekten, Kleinsäugern und Vögeln Lebensraum bieten. Vom Gutswald, der Pinokkio-Wald werden soll, dröhnen Motorsägen herüber. Tessa spitzt die Ohren.