Von Andrea Budich

An den See geglaubt hat Gerold Schellstede schon immer. Auch damals schon, als er sein schwanenweißes schlossähnliches Anwesen mit Freitreppe und Springbrunnen trotzig neben den gigantischen Krater des Tagebaus Meuro mitten in die Mondlandschaft aufs Trockene gesetzt hat. Vom See war damals weit und breit nichts zu sehen – mit gutem Augen bestenfalls eine kleine Pfütze in der Ferne.

Das Seehotel ohne See musste elf Jahre aufs Wasser warten. Im März 2007 begann die Flutung des Großräschener Sees, fünf Monate später eröffnete der norddeutsche Unternehmer sein Hotel.

Der Mann mit dem schlohweißem Haar war damals schon der Zeit voraus. Er sah, was viele Einheimische nicht sahen: Die Zukunft der Stadt liegt am Wasser. Als Visionär roch er schon das Salz in der Luft und sah die Yachten im Hafen liegen.

Während sich der eine oder andere Kohlekumpel an die Stirn tippte, war Schellstede nicht zu bremsen. Er hatte wieder einmal den richtigen Riecher – ein Kompliment, das die Skeptiker von einst dem Träger des Brandenburger Verdienstordens heute neidlos zugestehen.

Hotel am Großräschener See ein Erfolg

Der See ist inzwischen da. Tiefblau glitzert er in der Sonne, und im Hafen schaukeln die ersten Boote. Mit seinem Riecher hat Schellstede ins Schwarze getroffen: Sein Vier-Sterne-Haus hat schnell schwarze Zahlen geschrieben - viele Jahre auch ohne See.

Im Sommer oft ausgebucht, gehört das Seehotel mit knapp unter 70 Prozent zu den Häusern mit der besten Auslastung in ganz Südbrandenburg. In den letzten zwei Jahren sogar immer mit zweistelligen Zuwachsraten.

Damit die Erfolgsgeschichte weiter in sicheren Händen ruht, hat der inzwischen 80-jährige Hotelier im letzten halben Jahr sein Lebenswerk neu geordnet. „Das Alter, das Herz“, erklärt er norddeutsch kurz und bündig. „Ich will den Betrieb nicht erst übergeben, wenn ich in der Kiste liege“, fügt er spöttisch hinzu.

Seehotel Großräschen an travdo-Hotelgruppe verpachtet

Interessenten hat es einige gegeben. Acht bis neun standen auf der Matte, darunter auch ein großer Hotelkonzern. Ein oder zwei wollten kaufen. Da hat Schellstede aber abgewunken. Denn seine Enkel sind inzwischen 12 und 14 Jahre alt. Da will er abwarten, in welche Richtung sie marschieren. Die Hoffnung, dass sein Seehotel in Familienhand bleibt, will er so schnell dann doch nicht aufgeben.

Den Hotelbetrieb hat er für die nächsten 20 Jahre jetzt aber an die gleichfalls familiengeführte mittelständische travdo-Hotelgruppe verpachtet. „Mit einem ausgeprochen guten Bauchgefühl“, ist er sich sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Familie Sonnenschmidt mit dem Stammsitz in Sachsen führt deutschlandweit über 20 Hotels. Das Seehotel Großräschen ist ab November eines davon. Geleitet wird es von Andrea Scholz, der Hoteldirektorin des Schlosshotels Fürstlich Drehna.

Kinder haben an Seehotel Großräschen kein Interesse

Seinen Frieden geschlossen hat Gerold Schellstede inzwischen auch damit, dass keines seiner fünf Kinder sein Seehotel haben wollte, nicht einmal zum Nulltarif. Schließlich liegt auf dem herrschaftlichen Anwesen mit Hotel und Gästehaus Victoria „kein Pfennig Schulden“, wie der Altbesitzer nicht ohne Stolz erwähnt.

Alle seine Sprößlinge hatten kein Interesse: zu viel Arbeit, zu viel Verantwortung. Einen Rückzieher gemacht hat auch seine Tochter mit dem Touristikstudium und der Hotellerie-Erfahrung. Ihnen die Pistole auf die Brust setzen, das ist nicht Schellstedes Stil. Denn alle sind beruflich gut versorgt. Der Vater ist zufrieden mit dem, was die Kinder so machen. Sohn Lars ist sogar in seine Fußstapfen getreten und leitet erfolgreich das Möbelzentrum Großräschen.

Vor 29 Jahren nach Großräschen verschlagen

Zurücklehnen, durchatmen, zur Ruhe kommen – dafür ist der Unternehmer nicht gemacht, auch wenn er sein Lebenswerk mit der Übergabe des Hotelbetriebes in sicheren Händen weiß. Zuhause sitzen ist für ihn eine Strafe, er wird unruhig, wenn er nichts zu tun hat.

Genau dieses Gefühl war es ja auch, das ihn vor 29 Jahren nach Großräschen verschlagen hat. Nachts um halb Drei kam er damals mit seinem Mercedes vor dem Möbelhaus an. Der Nachtwächter führte ihn mit der Taschenlampe herum - und um den umtriebigen Geschäftsmann war es geschehen.

Der Plan war, dass der Aufbauhelfer nach einem halben Jahr wieder in den Westen verschwindet. Der Kaufmann aus Oldenburg aber ist geblieben, weil es immer wieder etwas zu tun gab: das Möbelhaus, das Seehotel, den Bahnhof, das Markt-Café, den Innovationspreis. Dass der Unternehmer mit dem ausgeprägten Geschäftssinn sich nicht aus dem Staub gemacht hat, als das Möbelhaus lief, das rechnen ihm die Großräschener bis heute hoch an.

Abenteuer Seehotel Großräschen hat sich gelohnt

Die Unruhe war es auch, die den Möbelhändler vor zwölf Jahren zum Hotelier werden ließ. Dabei war der erste Eindruck seiner neuen Immobilie am Tagebaurand erschütternd. „Vögel flatterten erschrocken auf und flüchteten durch die offenen Dachbalken“, erinnert er sich an sein erstes Erlebnis im heruntergewirtschafteten Ledigenwohnheim, das er mit einigen Millionen D-Mark in ein Traumhotel in Weiß verwandelte.

Auch wenn er jetzt nicht mehr die Fäden zieht, morgens nicht mehr um 6 Uhr kontrolliert, ob das Rührei gut ist und den Hotelbetrieb in junge Hände gelegt hat, bleibt er den Großräschenern erhalten, will noch weitermachen, solange man ihn lässt.

Er würde nur zu gern noch das eine oder andere Projekt am Seeufer anschieben. Aber dafür müsste er einige Jährchen jünger sein, schiebt er die Ideen dann doch wieder lachend beiseite. Das Abenteuer Seehotel aber hat sich für ihn gelohnt. Nicht nur, weil er morgens von schreienden Möwen geweckt wird.