Dieses Jahr feiert Marlene (3) schon ihr drittes Weihnachten im Krankenhaus. „Wahrscheinlich sitzen wir nur im Zimmer“, erzählt ihre Mutter. Auch der Vater wird dabei sein. So richtig geplant haben sie nichts. Es wird eine „Von-Tag-zu-Tag-Entscheidung“, wie sie sagt. Möglich, dass sie Heiligabend ein paar Tage vorziehen.
Zurzeit befindet sich Marlene mit Fieber auf der Kinder-Onkologie der Berliner Charité. Sie fühlt sich schlapp. Ihre Mutter Sophie Saul (32) aus Calau sitzt an ihrem Bett. „Ja, ich mach Dir gleich ein Pflaster drauf“, sagt sie. Ein Fingernagel löst sich. „Das ist eine Nebenwirkung der Chemotherapie“, erklärt sie.

Marlene aus Calau hat schon einiges durch

Marlene ist im August dieses Jahres an Blutkrebs erkrankt. Es ist ihre zweite Krebserkrankung. Bereits im Alter von einem Jahr wurde bei dem Kleinkind ein Neuroblastom in der Nebennierenrinde im Stadium vier diagnostiziert. Mit den Seiten über die Therapiemaßnahmen in Marlenes Behandlungsakte ließen sich Wände tapezieren.
Sieben Intensiv-Chemos, eine Knochenmark-Apherese, eine zehnstündige Operation, eine Hochdosis-Chemo, eine Knochenmarkstransplantation, zwölf Tage Bestrahlung und fünf schmerzhafte Antikörpertherapien hat Marlene hinter sich. Wegen Komplikationen durch eine feste Magensonde musste sie sogar für sechs Tage ins künstliche Koma versetzt werden. Zum Ende der Behandlung schien der schwierige Kampf gegen den Krebs endlich erfolgreich.

Tumormarker im Blut lassen die Ärzte erneut stutzig werden

Dann entdecken die Ärzte erneut Turmormarker im Blut. Vorsichtshalber entnehmen sie Knochenmark. Eine Chemo-Therapie könne ein paar Jahre später eine Leukämie verursachen, erklärt der behandelnde Professor. Im Fall von Marlene würde das aber viel zu schnell gehen. Deswegen zweifelt er an einer Neuerkrankung. Er irrt.
Noch im August beginnt Marlene mit der zweiten Behandlung. Die erste Chemo schlägt gut an. Doch so schnell, wie die Krebszellen verschwinden, kommen neue nach. Zugleich ist der kleine Körper noch von der erste Therapie geschwächt. „Aufhören oder Weitermachen?“, fragen die Ärzte. Die Eltern müssen sich entscheiden.

Aufhören oder Weitermachen? Mutter Sophie Saul aus Calau will kämpfen

Sophie Saul aus Calau entscheidet sich fürs Weitermachen. Aufgeben kommt für sie nicht in Frage. „Marlenes einzige Hoffnung auf vollständige Heilung ist eine passende Stammzellenspende“, sagt sie. Zeit gewinnen, so das Ziel. Doch die Zeit rennt. Nur drei Tage nach der zweiten Chemo müssen die Ärzte abbrechen.
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Senftenberg

„Marlene bekam starke Herzprobleme, war sehr, sehr müde und musste sich ständig übergeben“, erzählt ihre Mutter. Sie hofft und bangt. „Kommen die Leukämie-Zellen mit nach, wenn die weißen Blutkörperchen wieder steigen?“, fragt sie. Dann weint sie. Denn jeder Pilz, jeder virale Infekt wäre jetzt gefährlich für sie.

Familie, Freunde und die BASF Schwarzheide rufen zur DKMS-Stammzellspende auf

Doch Marlene kämpft tapfer, und Mutter Sophie lässt nichts unversucht. In der Betriebszeitung ihres Arbeitgebers, der BASF Schwarzheide, bat die Chemikantin ihre Kollegen, sich bei der DKMS als Stammzellenspender registrieren zu lassen. Mehr als vierhundert kamen dem Aufruf bereits nach.
So viel steht fest, die Anteilnahme ist riesig. Im BASF-Werk liegt der Leserbrief von Mutter Sophie mit Marlenes Foto überall in Großformat aus. In Senftenberg wurden Flyer verteilt. Auch in den sozialen Netzwerken ging der Spendenaufruf gleich viral.
Schichtleiter Ulf Hartmann (48) kennt die schwere Situation von Sophie Saul. „Die Kollegen sind ganz schön mitgenommen“, sagt er. Alle wollen helfen. Zurzeit wird Geld gesammelt. Sogar externe Mitarbeiter, darunter Schlosser, Isolierer oder Elektriker, spenden großzügig.

BASF-Mitarbeiter aus Schwarzheide spenden ihr Sondergeld für Marlene

Mehr noch, die Mitarbeiter und Vorgesetzten haben außerdem beschlossen, in diesem Jahr das Sondergeld zu spenden. Jeder der 1800 Mitarbeiter erhält eigentlich in der Adventszeit 30 Euro. Doch wegen Corona fällt die Weihnachtsfeier ohnehin aus. Nun können sich die Kollegen für einen karitativen Zweck entscheiden. Eine der fünf Optionen heißt Marlene.
Sophie Saul ist dankbar für die große Unterstützung. „Die Kollegen und den Arbeitgeber bei einem so schweren und steinigen Weg hinter sich zu haben ist nicht selbstverständlich“, sagt sie. Auch um ihren Arbeitsplatz muss sich Sophie Saul keine Sorgen machen.

Hoffen auf einen passenden Spender

Mehr als alles andere wünschen sich Marlenes Eltern jedoch, dass sich die Leute bei der DKMS registrieren lassen. „Je mehr Menschen registriert sind, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit auf einen passenden Spender“, sagt Sophie Saul.
Vor einer Woche lief die Registrierungs-Aktion für Marlene bei der DKMS an. „Das hat mein Chef organisiert“, erzählt Sophie Saul. Das sei sehr bewegend, sagt sie tief gerührt. Sie habe nur ihr O.K. dazu geben müssen. Die Schicht sei für sie wie eine zweite Familie. Sie weint erneut.

Stammzellspender werden


Der Aufwand ist gering. Jeder im Alter von 17 bis 55 Jahren darf mitmachen.Voraussetzung ist die Online-Registrierung. Im Internet können sich potentielle Spender mit nur einem Klick unter www.dkms.de/kaempferherz-marlene anmelden.

Das Kit zum Registrieren verschickt die DKMS per Post. Darin enthalten sind drei Wattestäbchen. Der Wangenschleimabstrich kann bequem zuhause durchgeführt werden. Dazu einfach mit dem Wattestäbchen eine Minute lang an der Innenseite der Wange hoch und runter reiben. Danach alles wieder eintüten und ab in die Post. Der DKMS entstehen pro Registrierung Kosten in Höhe von 35 Euro für die Bearbeitung und das Labor.

„Es rettet Leben“, sagt Marlenes Mutter. „Und es gibt viele verzweifelte Familien, die auf einen Spender warten.“ Auch sie oder Marlenes Vater könnten ihre Stammzellen spenden. Allerdings beträgt die Ähnlichkeit nur 50 Prozent. Damit wäre das Risiko höher, dass die Zellen nicht angenommen werden.