Hausärzte: 107 Prozent. Augenärzte: 110, HNO: 117, Urologen und Psychotherapeuten: 111, Orthopäden: 130 Prozent. So sehen die Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung für die Versorgung in Dahme-Spreewald aus. Demnach besteht – bis auf die Hautärzte mit „nur“ 98 Prozent – eine Überversorgung an Ärzten im Landkreis. Das steht in krassem Gegensatz zu der gefühlten Unterversorgung mit langen Wartezeiten. Immer wieder wird von Schwierigkeiten berichtet, überhaupt als Patient noch aufgenommen zu werden.

Ein Beispiel aus der K&S-Seniorenresidenz in Lübben. Die Unternehmensgruppe baut in Bahnhofsnähe und entspricht damit dem Bedarf nach altersgerechten Wohnungen. Die Nachfrage ist groß, im neuesten Gebäude sind von 47 Wohnungen mehr als 30 fest vergeben, obwohl erst kürzlich das Gerüst abgebaut wurde. Wer dort einzieht, braucht auch einen Arzt. „Die Kapazitäten der Mediziner sind derart angespannt, dass wir längst nicht alle unterbringen können“, sagt Residenzleiterin Andrea Kunert.

Wer diese Alltagserfahrungen macht und dann die Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung sieht, die landesweit eine gute Versorgung errechnet hat, darf sich wundern. So ging es auch den beiden SPD-Kreistags- und Landtagsabgeordneten Tina Fischer und Sylvia Lehmann. Beide stellten eine kleine Anfrage an die Landesregierung – doch deren Antwort wirft eigentlich eher noch mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Zumindest zeigt sie auf, wie komplex das Thema ist – und mindestens einen Widerspruch.

„Wie bewertet die Landesregierung die statistischen Zahlen im Verhältnis zu eigenen Erfahrungen und Berichten Dritter zu überfüllten Wartezimmern und langen Wartezeiten auf Termine, insbesondere bei Fachärzten?“ Dazu heißt es: „Im Hinblick auf Wartezeiten und Terminvergaben handelt es sich häufig um einzelne Fälle sowie Momentaufnahmen (zum Beispiel Grippewelle), die zur Bewertung der Gesamtsituation herangezogen werden.“ Wenige Zeilen weiter steht der Satz „Gegenwärtig wird im Gesetzgebungsprozess versucht, Lösungen für die Minimierung von Wartezeiten zu finden.“ Also sind diese doch ein Problem?

Offen bleibt auch, wie die rechnerische Überversorgung zustande kommt, wenn gleichzeitig die Zahl der Ärzte in den vergangenen vier Jahren abgenommen und die Einwohnerzahl gestiegen ist. Zwei Hausärzte weniger im Südkreis aus Lübben, Luckau, Heideblick, Unterspreewald, Märkische Heide und Lieberose/Oberspreewald und dennoch eine Versorgung von 107 Prozent – wie das sein kann, erklärt sich aus der Statistik nicht. Die Einwohnerzahl, die die KV zugrunde gelegt hat, entspricht LR-Recherchen zufolge in etwa der aktuellen Entwicklung.

Ein Punkt aber ist klar: Der Weg des Landkreises, selbst aktiv Jungmediziner an sich zu binden, ist richtig. Das unterstreichen Tina Fischer und Sylvia Lehmann angesichts der Zahlen, denen zufolge allein 40 Prozent der Hausärzte im Raum Lübben/Luckau über 60 Jahre alt ist.

Die Idee, die Mediziner-Stipendien in Dahme-Spreewald umzusetzen, stammt aus dem Gesundheits- und Sozialdezernat von Carsten Saß (CDU). Im Landratswahlkampfjahr 2015 fiel sie durch, 2018 kam sie erneut auf den Tisch und wurde beschlossen. Die Stipendien beinhalten eine monatliche Unterstützung der Studierenden, die sich im Gegenzug verpflichten, eine bestimmte Zeit im Landkreis zu arbeiten. Zwei Bewerbungen habe es gegeben, informiert Carsten Saß auf LR-Nachfrage, beide wurden angenommen. Der Landkreis Dahme-Spreewald will jedes Jahr insgesamt fünf solcher Stipendien ausreichen, um perspektivisch auch im ländlichen Raum interessant für junge Mediziner zu sein.

Denn die entscheidende Frage ist, ob der Quotient, der bei den Hausärzten bei 1500 bis 1600 Patienten pro Arzt liegt, noch angemessen ist. Es sind zwar längst regionale Faktoren wie ländlicher Raum oder Altersdurchschnitt der jeweiligen Bevölkerung einbezogen. Doch ob und wie diese Zahl den wirklichen Bedarf adäquat abbildet, der unter anderem von steigender Lebenserwartung und einem wachsenden  Anspruch an die eigene Gesundheit geprägt ist, dürfte in Zukunft zur entscheidenden Frage werden.