DDR-Gefängnis Luckau
: „Gewaltmaschine“ Jugendknast – ein Ex-Häftling erzählt

Über die Zustände im DDR-Jugendgefängnis Luckau ist wenig bekannt. Detlef Wegner hat drei Jahre dort verbracht, die Erlebnisse prägen sein Leben bis heute.
Von
Eva Mauer
Luckau
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Detlef Wegner in seiner Wohnung in Berlin Friedrichshain. Drei Jahre seiner Jugend hat der heute 73-Jährige im DDR-Jugendgefängnis verbracht. Das hat er dort erlebt.

Detlef Wegner in seiner Wohnung in Berlin-Friedrichshain. Drei Jahre seiner Jugend hat der heute 73-Jährige im DDR-Jugendgefängnis Luckau verbracht, wo Gewalt unter den Häftlingen nicht nur geduldet wurde, sondern erwünscht war.

Eva Mauer
  • Ex-Häftling Detlef Wegner berichtet von Gewalt im DDR-Jugendgefängnis Luckau in den 1960er-Jahren.
  • Brutale Strafen wie heiße Fußsohlen und Entengang wurden von Mitgefangenen durchgeführt.
  • Zwangsarbeit unter gefährlichen Bedingungen und fehlende pädagogische Betreuung prägten den Alltag.
  • Wegner wurde nach drei Jahren entlassen, baute sich ein Leben auf und reiste nach der Wende in 51 Länder.
  • Heute setzt er sich für eine behütete Kindheit und respektvollen Umgang für seine Nachkommen ein.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Heiße Fußsohlen – was harmlos klingt, war im Jugendhaus Luckau eine brutale Strafmaßnahme. Verordnet und ausgeführt nicht vom Gefängnispersonal, sondern von den eigenen Mitgefangenen: „Da wird man an den Armen ans Bett gebunden, rechts und links. So hängt man da, dann werden die Fußsohlen mit Zeitungspapier heiß gemacht“, erzählt Detlef Wegner, der drei Jahre seiner Jugend in Luckau (Dahme-Spreewald) eingesperrt war.

Heute ist Wegner 73 Jahre alt und lebt mit seiner Lebensgefährtin in Berlin-Friedrichshain. Die Wohnung ist gemütlich und aufgeräumt, die Luft verraucht. Eine Spielzeugecke zeugt vom Besuch seiner Enkel. Er selbst habe „eine richtig beschissene Kindheit“ gehabt, sagt Wegner, der in Lauta aufgewachsen ist. Die Mutter überfordert, ihr Freund Alkoholiker.

In der neunten Klasse bricht er die Schule ab und beginnt eine Malerlehre. Das verdiente Geld habe er größtenteils an seine Mutter abgeben müssen, erzählt Wegner. Mit 15 hat er genug, fährt mit dem Zug nach Berlin, treibt sich an der Grenze herum. Als ihn die Polizei aufgreift, sagt er, er wolle in den Westen fliehen. Das reicht für eine Verurteilung zu ein bis drei Jahren Haft im Jugendhaus Luckau, einer Jugendstrafanstalt, wegen versuchter Republikflucht.

Drei Jahre Jugend-Gefängnis Luckau – „großes DDR-Unrecht“

Ein bis drei bedeutet: Mindestens ein Jahr, höchstens drei Jahre muss er dort bleiben. Der Politologe Christian Sachse von der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) nennt das flexible Strafmaß „ein großes DDR-Unrecht, rechtswidrig bis zum Anschlag“. Dem zugrunde liegt das Prinzip der Arbeitserziehung: „Man musste so lange bleiben, bis der Erziehungserfolg eingetreten war“, erläutert Sachse.

Christian Sachse, Autor der Studie «Ziel Umerziehung», steht am 28.06.2013 nach einer Pressekonferenz in Dresden (Sachsen). Auf 300 Seiten zeigt das Buch, was Kinder und Jugendliche in DDR-Heimen erdulden mussten. Die Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau hatte die Studie in Auftrag gegeben. Sie soll den neu eingerichteten Beratungsstellen als Handbuch dienen. Bislang haben sich rund 3500 Betroffene gemeldet, rund 1,2 Millionen Euro wurde an Unterstützung ausgezahlt. Foto: Jan Woitas/dpa ++ +++ dpa-Bildfunk +++

Christian Sachse auf einer Pressekonferenz in Dresden im Jahr 2013. Der Politologe forscht seit vielen Jahren zu DDR-Jugendhäusern, Erziehungslagern und Jugendhöfen.

Jan Woitas/dpa

Im Jugendstrafvollzug der DDR galt außerdem das Prinzip der Selbsterziehung – die Jugendlichen kontrollierten und disziplinierten sich selbst. „Man glaubte, dass Gleichaltrige einen größeren Einfluss ausüben als Erwachsene“, sagt Sachse: „Das hat brutale Machthierarchien hervorgebracht, in der Gewaltmaschine Knast setzten sich die Stärksten durch“.

Detlef Wegner sitzt noch in Untersuchungshaft, als ihm die Mithäftlinge von den Gewaltexzessen im Jugendhaus erzählen. „Als Jugendlicher hat man dann schon Bammel“, sagt er. Auch wenn seine Kindheit von Vernachlässigung geprägt war – Prügel und Gewalt hat er bisher kaum erlebt.

Macht und Gewalt – Selbsterziehung im Jugendhaus Luckau

Im Jugendhaus Luckau sind es die GVD, die Gruppenleiter vom Dienst, die die „Erziehung“ der Jugendlichen übernehmen. Sie sind selbst Gefangene, aber von dem Gefängnispersonal mit der Aufsicht über jeweils eine Etage beauftragt. „Die GVD haben die anderen Jugendlichen drangsaliert“, sagt Wegner. Sie können Leuten „eine reinhauen“, Liegestütze anordnen oder – besonders gefürchtet – Gefangene die Treppe im Entengang hinaufschicken, rauf und runter, bis sie vor Schmerzen die Beine nicht mehr bewegen können.

Treppenhaus im ehemaligen DDR-Jugendhaus Luckau: Eine gängige Schikane war es, die Jugendlichen im Entengang die Treppe rauf und runter zu schicken.

Treppenhaus im ehemaligen DDR-Jugendhaus Luckau: Im Strafvollzug war es eine gängige Schikane, die Jugendlichen im Entengang die Treppe rauf und runter zu schicken.

Eva Mauer

Von all dem weiß Wegner nichts, als er nach Luckau kommt. Auf die Aufforderung des GVD, den Mund zu halten, reagiert er unwirsch. Die Folge: Prügel und drei Tage Einzelhaft im „Bunker“, die Höchststrafe in Luckau. „Ich dachte, ich komme hier nie wieder raus“, sagt Wegner.

Wegner kommt heraus, scheinbar unversehrt. Schnell lernt er den militärischen Drill im Jugendhaus kennen. „Jeden Morgen war Appell, alle standen in Reih und Glied“, erinnert er sich. Wege, etwa zum Frühstück oder zur Arbeit, werden grundsätzlich im Gleichschritt zurückgelegt. Wer aus dem Takt gerät, bekommt Ärger.

Zwangsarbeit in Luckau: Ausbeutung für die DDR-Wirtschaft

Die Jugendlichen müssen in der Produktion arbeiten. Wegner wird den Schleifern und Polierern zugeteilt. Die Arbeit ist monoton, ohne Atemschutz dem Aluminiumstaub ausgesetzt. „Von Arbeitsschutz keine Spur“, sagt der Ex-Häftling, „ausbeuterisch“ nennt es Politologe Sachse.

Im Gefängnisalltag haben die sogenannten Erzieher die Aufsicht. Die Bezeichnung täuscht, stellt Sachse klar: „Häufig waren das ehemalige Soldaten, ohne jede pädagogische Ausbildung.“ Die Jugendlichen in Luckau geben ihnen Spitznamen: Tongo, Kugelblitz, Blondie. Beim Frühsport hätten sie ihre sadistische Seite ausgelebt, erzählt Wegner, sie Liegestütze machen lassen bis zum Zusammenbruch.

„Das erste Jahr war besonders schlimm“, sagt Wegner. Zu den täglichen Schikanen kommt das Gefühl der Verlassenheit: Während die meisten anderen Jugendlichen regelmäßig Briefe, Pakete und Besuch bekommen, meldet sich Wegners Mutter kein einziges Mal.

Vom verprügelten Neuling zum GVD in Luckau

„Grab meiner Jugend“ ist das Motto unter den Häftlingen. Manche tätowieren sich die Worte mit selbstgebastelten Nadeln, dafür kommen sie in den Bunker. Detlef Wegner macht das nicht, er versucht, nicht aufzufallen. „Damit bin ich ganz gut durch gekommen“, sagt er heute. So gut, dass er im dritten Jahr selbst GVD wird.

Gefängnisflur im ehemaligen Jugendhaus: Marina Gadomski leitet das Museum Luckau in der ehemaligen Klosterkirche.

Marina Gadomski, Leiterin des Museums Luckau, zeigt den Gefängnisflur in der ehemaligen Klosterkirche, die Zellentüren sind noch aus der Kaiserzeit. Die gefangenen Jugendlichen waren hier zu DDR-Zeiten auf vier Stockwerken untergebracht.

Eva Mauer

Er sei „ein diplomatischer GVD“ gewesen, sagt Wegner über sich selbst. Den Entengang auf der Treppe habe er nie durchgesetzt. Liegestütze schon, aber bei der Anzahl habe er darauf geachtet, „wie der Jugendliche gebaut war“.

Gefangene, die unter dem Drill und der Gewalt besonders leiden, gelten als „Weicheier“, ein Begriff, auf dem Wegner auch 60 Jahre später beharrt. Bei aller Brutalität gab ihm das Jugendhaus eine Struktur, die er vorher nicht kannte: „Es gab klare Regeln. Ich habe dort Sauberkeit und Ordnung gelernt“.

„Ach guck mal, der Wegner“ – Leben nach dem Knast in Luckau

Die Rückkehr ins Elternhaus nach drei Jahren Haft schmerzt bis heute: Seine Mutter sitzt am Küchentisch – „ach guck mal, der Wegner“, ist alles, was sie ihm zu sagen hat.

Er löst sich von ihr, findet Arbeit, baut sich ein Leben auf. Nach der Wende hält ihn nichts mehr: „Ich war in 51 Ländern. Ich bin nach Afrika gereist, viermal durch die Sahara gefahren, nach Südamerika geflogen. Einfach, weil ich Veränderung brauchte. Veränderung zum Positiven.“

Jugendhaus Luckau

    • Die ehemalige mittelalterliche Klosterkirche in Luckau wurde ab 1747 als Zucht- und Armenhaus genutzt.
    • Von 1916 bis 1918 war Karl Liebknecht im Zuchthaus Luckau inhaftiert.
    • Ab 1957 wurde die ehemalige mittelalterliche Klosterkirche in Luckau als Jugendgefängnis für straffällig gewordene Jugendliche genutzt.
    • Von 1990 bis 2005 war in dem Gebäude ein Frauengefängnis untergebracht.
    • 2005: Umzug der JVA Luckau nach Duben und Umbau des ehemaligen Gefängnisses zur „Kulturkirche“.
    • Heute ist in dem Gebäude eine Touristeninformation, die Stadtbibliothek und das Niederlausitz-Museum Luckau zu Hause, das eine Dauerausstellung über den Strafvollzug in Luckau zeigt.
    • Außerdem gibt es auf dem Gelände gibt es einen Kindergarten und einen Indoorspielplatz.

Seinen Kindern und Enkeln will er das geben, was er selbst nie hatte: ein verlässliches Zuhause und einen Umgang auf Augenhöhe. „Jedes Kind sollte eine behütete Kindheit haben. Eltern müssen den Kindern zuhören, mit ihnen reden“, davon ist Detlef Wegner überzeugt.