Der 9. November hat viele Gesichter. Schöne und traurige und die der politischen Wendepunkte mit gravierenden Folgen für Menschen. An diesem Tag vor 30 Jahren lauschten viele Lübbener gebannt den Nachrichten, stiegen in ihren Trabi, falls vorhanden, und tuckerten gleich oder in den Tagen darauf nach West-Berlin. Die Mauer, die Deutschland trennte, war gefallen.

Wenn das Lübbener Museum am 21. November die neue Sonderausstellung dazu eröffnet, die den Ereignissen rund um dieses Datum in der Spreewaldstadt gewidmet wird, wird es natürlich auch einen Zeitstrahl geben. Gleich rechts, wenn man die beiden Sonderausstellungsräume im zweiten Stock betritt, können die Besucher nachlesen, welche Meilensteine zu dieser Zeit speziell in Lübben zu verzeichnen sind. Im Gedächtnis haben viele noch die Demonstrationen und Reden am Brückenplatz vor dem Kaufhaus-Flachbau, der längst modernen Wohn- und Geschäftshäusern Platz gemacht hat.

Die Menschen im Mittelpunkt

Doch weitaus wichtiger als die historischen Daten sind den Ausstellungsmachern um Museumschefin Corinna Junker und der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Marianne Wenzel die Menschen. Ihre Erlebnisse und Schicksale, ihre Träume und ihre Realität sollen den Kern der Ausstellung ausmachen. Eine Reihe von Zeitzeugengeschichten gibt es schon, weitere sollen folgen – weswegen in den Räumen Platz für die Geschichten der Besucher sein wird.

Soweit die Grundidee, deren Umsetzung nun, knapp zwei Wochen vor der Eröffnung, weit fortgeschritten ist. Der Umbau der Räume ist in vollem Gange. Museumsmitarbeiter Ralf Wunderlich trägt mit einem weiteren Helfer ein Fontane-Pult heraus. Die bisherige Sonderschau zum Anlass des 200. Geburtstags des Dichters und Schriftsteller ist bis auf ein paar Schmetterlinge und Waldtapeten ausgeräumt, das berühmte Laufband, auf dem die Ausstellungsgäste seine Wanderungen nachvollziehen konnten, wartet auf die Abholung.

Die Verheißungen des Westens

Gleich daneben werden in den kommenden Tagen nichts weniger als Träume entstehen. Wie stellte sich einer, der „Born in the GDR“ war, wie die Cottbuser Band Sandow sang, den Westen vor? Sonne, Palmen, Liegestühle? „Sehr bunt, sehr neonfarbig“ werde es, blickt Marianne Wenzel voraus, um die „Verheißungen des Westens“ fast schon etwas überspitzt nachvollziehbar in Erinnerung zu rufen.

Im deutlichen Kontrast dazu wird bereits ein erstes Kernstück der Ausstellung stehen: ein Zeitzeugenbericht. Ein Lübbener erzählt von seinem Fluchtversuch aus der DDR. Der Weg sollte über die damalige Tschechoslowakei führen. Doch er wurde erwischt – und saß in drei verschiedenen Gefängnissen ein.

Zu seiner bewegenden Geschichte gesellen sich andere: heiter und tragisch, schicksalsschwer und mit ungewissem Ausgang. Rund um die Ost- und West-Pakete, die im zweiten Raum eine wichtige Rolle spielen, lassen sich erstaunliche Erlebnisse erzählen. Zum Beispiel, wie Wellensittich-Eier in den Westen kamen. Auf diese Geschichte wurde Marianne Wenzel in einem sozialen Netzwerk aufmerksam, nahm Kontakt auf – und damit war die junge Frau um ein Aha-Erlebnis reicher, was das Leben in der DDR betraf. Denn nicht nur gab es ihren Recherchen zufolge unterm Strich zahlenmäßig mehr Ost- als Westpakete. Sondern es wurde auch immer wieder etwas geschmuggelt, und zwar in beide Richtungen. Zahngold aus dem Osten, eingenäht in Mantelsäume, ist eines von vielen Beispielen. Doch dass auch Wellensittich-Eier begehrtes Gut im Westen waren und wie sie dort hinkamen, wird eine der überraschenden Erzählungen der Ausstellung sein.

Wo waren Sie am 9. November 1989?

Damit es davon möglichst viele gibt, bleibt eine Wand für Fragen und Antworten frei. „Wo waren Sie am 9. November 1989?“ Die Geschichten dazu können die Gäste selbst aufschreiben; dazu gibt es Fragebögen, auch anonym. Im Lauf der Sonderschau werden die Fragen verändert, Geschichte um Geschichte darf und soll dazu kommen – weshalb eine Eintrittskarte auch für den gesamten Ausstellungszeitraum gilt. „Am Ende, hoffe ich, werden wir so einen Packen Geschichten haben“, sagt Marianne Wenzel und zeigt mit beiden Händen einen beachtlich hohen Stapel. Denn die nackten Daten stehen längst in den Geschichtsbüchern – die Geschichten dahinter, die Schicksale und Glücksfälle noch nicht.

Eröffnung mit offenen Gespräch


Am 21. November wird die Ausstellung „Lübben 1989 – Zwischen Vorstellung und Realität“ im Museum Schloss Lübben eröffnet. Beginn ist um 17 Uhr mit einem offenen Gespräch. Kulturdezernent Carsten Saß (CDU) wird es moderieren. Die Sonderausstellung darf danach bis zum 8. März besucht werden – und zwar mit der einmal gekauften Eintrittskarte gerne auch mehrfach.

Wer sich als Zeitzeuge noch bei den Museums-Mitarbeiterinnen melden möchte, um zur Ausstellung oder zu weiteren Forschungen beizutragen, kann sich an Marianne Wenzel unter Tel. 03546 187478 wenden.

Geöffnet ist das Museum mittwochs bis sonntags von 10 bis 17 Uhr. Erwachsene zahlen 4,50 Euro Eintritt,

Schüler, Studenten und Schwerbeschädigte 2,50 Euro, Kinder zwischen sechs und 14 Jahren zwei Euro. Die Familienkarte kostet acht Euro.

Das Museum befindet sich am Ernst-von-Houwald-Damm 14. Es beherbergt zahlreiche Ausstellungsstücke aus der Geschichte von Lübben und der Niederlausitz sowie einen Raum, in dem die Gäste in die Kostüme vergangener Zeiten schlüpfen können.