Von Ingvil Schirling

Er wusste, dass er genau drei Optionen hatte. Entweder er schafft es. Oder er wird erschossen. Oder er geht in den Knast.

Der junge Lübbener, der dies auf seinem Fluchtweg aus der DDR über die damalige Tschechoslowakei genau im Kopf hatte, brauchte Jahrzehnte, um darüber reden zu können. Er schaffte es nicht zu entkommen, aber er überlebte – nach der Leidenszeit in gleich drei Gefängnissen, nach jahrelanger Bespitzelung, mit einem Ereignis im vergangenen Jahr, dass die damaligen Erlebnisse wieder an die Bewusstseinsoberfläche holte.

Was genau passierte, wie der Lübbener es erlebte und welche Folgen der Fluchtversuch hatte, wird Teil einer ganz besonderen Ausstellung. Unter dem Titel „Lübben 1989“ wird sie am 21. November um 17 Uhr im Lübbener Wappensaal eröffnet.

Kernthema sind die Ereignisse in Lübben im Jahr der politischen Wende, aber auch das Leben zu DDR-Zeiten und das Zurechtfinden im wiedervereinigten Deutschland sind wichtige Eckpfeiler des jüngsten Großprojektes des Lübbener Stadt- und Regionalmuseums.

Bei „Lübben 1989“ bleiben manche Flecken im Museum leer

Beim ersten Rundgang durch die Sonderausstellung dürfte die Gäste jedoch einiges überraschen; zumindest wird so manches anders sein als gewohnt. Denn so mancher Fleck wird leer bleiben, andere Positionen werden sich im Verlauf der Ausstellung verändern.

„Wir hatten schon oft den Effekt, dass wir vor historischen Sonderausstellungen zu Aspekten der Lübbener Geschichte die Einwohner fragten, ob sie uns bedeutsame oder charakteristische Objekte zur Verfügung stellen könnten“, leitet Museumschefin Corinna Junker die Gedanken dazu her. Immer wieder komme es vor, dass engagierte Einwohner Objekte oder eigenes Zeitzeugenwissen kurz nach der Ausstellungseröffnung beisteuern wollen – wenn Konzept und Aufbau längst abgeschlossen sind. Dann bekommt so manches gute Stück nicht mehr den Platz, den es verdient, können wichtige Kenntnisse nicht einfließen.

„Diesmal machen wir es umgekehrt“, kündigt Corinna Junker an. Zwar wird die Ausstellung fest konzipiert. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin Marianne Wenzel, die inhaltlich schon tief in dem Projekt steckt, hat eine klare Vorstellung von der Aufteilung und den Schwerpunkten. Doch zum Konzept gehört viel Freiraum für die ganz persönlichen Erfahrungen der Lübbener und Spreewälder mit der DDR, der Wendezeit und der Wiedervereinigung in der Region.

„Welche Hoffnungen hatten sie? Wo waren sie am 9. November 1989? Haben sie Ostpakete gepackt? Worüber haben sie sich bei den Westpaketen gefreut, worüber eher weniger? Haben sie sich bei den Demos beteiligt? Was passierte mit ihrem Unternehmen?“

Große Wissenslücken bei Wendezeit in Lübben

Viele, viele Fragen wollen die Fachfrauen den Lübbenern stellen. Der Grund ist neben ehrlichem Interesse schlicht, dass es in Bezug auf die Wendezeit erstaunlich große Wissenslücken gibt – obwohl die stürmischen Monate und Jahre erst 30 Jahre her sind.

Ein Teil einer Wand wird möglicherweise solchen Erinnerungen gewidmet sein; vielleicht gibt es auch die Möglichkeit von Audio-Aufzeichnungen. Ein guter Monat Arbeit an den Details liegt noch vor Marianne Wenzel.

Klar ist bereits: Mit einer Eintrittskarte können die Gäste die Sonderausstellung besuchen, so oft sie möchten – um zu erleben, wie sie sich verändert, mit dem Wissen der Lübbener angereichert wird und neue Aspekte wiedergibt. Sie können jedes Mal zudem Eintauchen in die Wirklichkeit der 80er-Jahre-DDR, die Träume vom Westen und die Realität der Wiedervereinigung.

Extra-Bonbon zur Eröffnung von „Lübben 1989“

Zur Eröffnung gibt es noch ein besonderes Bonbon: Das Buch „Broiler – Schwalbe – Plattenbau“ über Lübben in Bildern der Jahre 1960 bis 1989 wird kommende Woche fertig und zur Ausstellungseröffnung am 21. November präsentiert.

Der Bildband zeigt bekannte und unbekannte Stadtansichten aus dem Kreisarchiv, dem Museum und von privaten Leihgebern. Das Buch kann unter museum@luebben.de vorbestellt werden.