Sport treiben können Menschen eigentlich überall – in der Turnhalle, am Fußballplatz, aber auch im heimischen Wohnzimmer oder in einem mit Tischen und Stühlen bestückten Vereinsraum.

In einem solchen Raum haben die zwölf Seniorinnen der neuen Gymnastikgruppe Steinitz einfach die Möbel an die Wand geschoben, um Platz für ihre Sportstunde mit dem Trainer Tobias Mothes zu schaffen. Der junge Mitarbeiter der Abteilung Gesundheitssport des Sportclubs Hoyerswerda (SC) kommt seit Mitte Januar jeden Montag mit dem „Sportmobil“ ins Dorf und führt den von Krankenkassen bezuschussten Kurs „Haltung und Bewegung durch Ganzkörpertraining“ durch. Das sind Gymnastikübungen mit präventivem Charakter und um sie auszuführen werden nur wenige Sportgeräte gebraucht, sagte Tobias Mothes. Der zehnwöchige Kurs, bei dem jede Übungseinheit 60 Minuten dauert, gibt Anleitung, um zu Hause weiter Gymnastik zu treiben.

Gesundheitssport an fast jedem Ort

Zur Erwärmung laufen die Frauen im Alter von 66 bis 85 Jahren dieses Mal auf Zehenspitzen und im Storchengang durch den Raum. Später recken sie auf Matten sitzend ihre Arme in die Höhe, um von ganz oben „die saftigsten Äpfel zu pflücken“. So beschreibt der Trainer diese einfache Übung, die die Wirbelsäule dehnt und die Rückenmuskulatur in Bewegung bringt.

In Rückenlage und mit angewinkelten Beinen das Becken anzuheben und diese Position mehrmals hintereinander länger zu halten ist schon anstrengender. So werden die Oberschenkel und die Lendenwirbelsäule trainiert, erklärt Tobias Mothes. Wer diese Übung aus dem seitlichen Unterarmstütz heraus ausführt, stärkt die seitliche Muskulatur des Oberkörpers. Diese werde von Sportlern oft vergessen, die beim Bauchmuskeltraining nur an ihren Sixpack denken, den sie mit Situps in Form bringen.

„Flugschule“ für die Teilnehmerinnen

Auf dem weichen Gleichgewichtskissen mit einem Bein zu stehen und den ganzen Körper nur mit ausgebreiteten Armen auszubalancieren ist nicht einfach, stellt Christa Rahn fest und nennt die Übung für sich die „Flugschule“. „Fixieren Sie einen Punkt im Raum“, rät ihr der Trainer, und schon klappt alles besser. So einfach kann ein Krafttraining für die Hüft-, Knie-, Sprunggelenke und Füße aussehen, das Stürzen im Alltag vorbeugt, sagt Tobias Mothes, der die Sportstunde danach mit Atemübungen ausklingen lässt.

„Vorher gab es hier nur Kegeln und Fußball“, sagt die 76-jährige Jutta Diesing und erzählt von der Kaffeerunde im Dezember 2019, auf der Tobias Mothes das Konzept Sportmobil erläutert hat. Alle waren begeistert, und die Gemeinde Lohsa stellte unkompliziert den Vereinsraum zur Verfügung. „Haus- und Gartenarbeit bringen zwar Bewegung, aber erst hier merkt man, was man nicht mehr kann“, stellt Jutta Diesing fest.

Sport plus Geselligkeit

Anneliese Auras ist über das neue Bewegungsangebot vor der Haustür sehr froh, denn bisher ist sie nur zur Physiotherapie gefahren oder nutzte zu Hause Gymnastiksendungen im Fernsehen, um sich zu bewegen. Mit Tobias Mothes, der auch Sportgeräte mitbringt, sei das schon was anderes. Mit Hanteln und Therabändern haben die Frauen schon Gymnastik gemacht und sich hinterher gegenseitig mit Igelbällen massiert, erzählt die 82-Jährige. Sie schätzt auch die Geselligkeit der Runde und hatte zum Rosenmontag für alle Spießchen mit Weintrauben, Käse- und Salamistückchen spendiert.

Tobias Mothes kann nur noch dreimal zu den Frauen kommen, denn dann endet der Kurs. Da aber jede Teilnehmerin diese Präventionsmaßnahme von ihrer Krankenkasse zweimal im Jahr gefördert bekommen kann, besteht die Chance, in Steinitz bald weiterzutrainieren, sagt der Trainer.

Projekt „Sportmobil“ des SC Hoyerswerda


Das Projekt „Sportmobil“ hat der SC beim Sächsischen Mitmach-Fonds eingereicht und erhielt wegen des neuen Ansatzes, mit Menschen in ihren Wohnorten regelmäßig Sport zu treiben ein Preisgeld in der Kategorie „Mobilität“. Es profitieren Dörfer, die Sportangebote in Hoyerswerda wegen schlechter Anbindung durch den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) nicht erreichen. In den Gemeinden können ein Vereinsraum, der Saal, die Turnhalle, der Sportplatz oder eine Wiese genutzt werden.

Die Trainer der Abteilung Gesundheitssport haben einen speziellen Abschluss, um den Krankenkassenkurs durchzuführen. Auf Wunsch kann eine Sportgruppe dauerhaft angeleitet werden. Wann und wie oft die sechs bis 15 Teilnehmer trainieren, bestimmen sie selbst. Das Projekt läuft seit Herbst 2019 für zwei Jahre und kann verlängert werden, wenn sich viele Sportgruppen bilden. Ab dem 28. Februar und dem 2. März trainieren zwei Gruppen in der Turnhalle Knappenrode.

Interessenten können Tobias Mothes unter der Telefonnummer 03571 60 79 825 erreichen.