
Gedenken in Hoyerswerda: „Es bleibt immer ein Platz leer“ – Mikes Mutter erzählt

Bei der Gedenkfeier für den getöteten Mike Zerna hielt der Oberbürgermeister Torsten Ruban-Zeh (SPD) zur Einweihung des Gedenksteins 2026 eine bewegende Rede.
Monaf Zarour- Mutter von Mike Zerna kämpft gegen Vergessen des tödlichen Angriffs in Hoyerswerda.
- In der Nacht zum 20. Februar 1993 griffen Rechtsextreme Konzertbesucher an, Mike starb am 25. Februar.
- Sie kritisiert mangelnde Aufarbeitung und eine fragwürdige Rolle der Polizei damals.
- Dauerhafter Gedenkstein nahe Tatort wurde erst 2026 eingeweiht – das gibt ihr Kraft.
- Familie und Opferberatung SUPPORT tragen das Gedenken, jährlich finden Zusammenkünfte statt.
Die Zusammenfassung wurde von einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt.
In der Nacht zum 20. Februar 1993 überfielen mehrere Dutzend Rechtsextreme die Besucher eines Konzerts am Hoyerswerdaer Club „Nachtasyl“. Der damals 22-jährige Mike Zerna und sein Bruder Frank wurden schwer verletzt. Die Angreifer kippten einen Kleintransporter auf Mike, welcher am 25. Februar 1993 an seinen Verletzungen starb. Erst 2026 wurde in der Nähe des Tatorts ein dauerhafter Gedenkstein eingeweiht. Seine Mutter Gerda Zerna spricht nun darüber, wie der rassistische und tödliche Angriff auf ihren Sohn ihr Leben verändert hat.
Frau Zerna, wie geht es Ihnen heute?
Nach der Einweihung des Gedenksteins geht es mir besser. Der Schmerz über den Verlust von Mike bleibt immer. Wenn man aber merkt, dass es Menschen gibt, die daran arbeiten, dass Mike und sein Schicksal nicht vergessen werden, dann gibt es mir Kraft und Mut, den Schmerz besser zu bewältigen. Die Zusammenarbeit und die Vorbereitung waren Kraft spendend und das Aufstellen ist nun der Höhepunkt gewesen.
Wie haben Sie den Vorfall von Mikes Tod damals wahrgenommen?
Die Polizei kam ganz früh, fast noch in der Nacht, und teilte mit, dass meine Söhne verunglückt sind und ich am nächsten Tag nach Hoyerswerda kommen sollte. Auf Nachfrage sagten sie, ich müsse ins Krankenhaus kommen. Ich habe mich dann kundig gemacht und bin hingefahren. Man hat mich jedoch nicht empfangen, sondern zur Polizei geschickt. Dort bin ich hin. Man sagte mir, meine Söhne seien erwachsen. Sinngemäß fragten sie, warum ich mich überhaupt einmische. Im Krankenhaus ließ man mich nicht zu Mike, aber zu Frank, der durch seine Kopfverletzungen nicht viel sagen konnte. Aber er erzählte, dass ein Überfall stattgefunden hat.
Wie haben Sie diesen schrecklichen Verlust verarbeitet?
Die Zeit nach Mikes Tot war die schlimmste Zeit. Es waren Augenblicke, als ob die Welt stehen bleibt und es keine Lösung gibt. Alles musste ich selbst in Erfahrung bringen. Hätte ich nicht Menschen ran geholt, die sich nicht abwimmeln lassen, hätte ich vielleicht gar nichts erfahren. Viele Menschen in der Stadt und auch die Behörden wollten nicht wahrhaben, dass in ihrer Stadt so etwas passiert. Obwohl es 1991 ja schon diese Überfälle auf die Immigranten gab und auch andere Dinge.
Wie hat der Tod von Mike Ihr Leben verändert?
Das, was einem vorher wichtig war, war plötzlich gar nicht mehr wichtig. Es ist in den Hintergrund getreten. Mir war wichtig, dass die Sache aufgearbeitet wird. Aber ich bin wie in ein tiefes Loch gefallen, aus dem ich mich herausarbeiten musste. Da hat mir die Familie sehr geholfen. Mike war ums Leben gekommen, die Beerdigung war irgendwann vorbei, der Prozess hat viel Kraft gekostet. Auf der Arbeit verlangte man, dass alles funktionierte. Man muss sich vorstellen, ich habe im Kindergarten gearbeitet. Wenn man da morgens zur Arbeit kommt, hat man den Tag fröhlich zu gestalten. In der Verfassung wie ich war, sollte ich das durchziehen, da gab es wenig Verständnis. Es war die Familie, die mir Kraft gegeben hat. Da habe ich mich dann wieder hochgearbeitet, aber es hat sehr lange gedauert.
Wie empfinden Sie das Gedenken an Mike in Hoyerswerda?
Damals nach dem Geschehen haben wir ja wenig positive Erscheinungen und Begegnungen gehabt, was die Aufarbeitung und Bewältigung der Geschichte betrifft. Aber im Verlauf von nun mehr als 30 Jahren hat sich viel geändert und das ist auch gut so. Denn damals wollte man das ja runter spielen als Prügelei, als Lappalie. Wir sind dran geblieben aufzuarbeiten, was wirklich passiert ist. Es gab aber wenig Unterstützung von den Behörden. Das muss man auch ehrlich so sagen. Die Opferberatung SUPPORT hatte einen sehr großen Anteil an dem Gedenken und hat eine tragende Rolle gespielt. Die Stadt Hoyerswerda ist mittlerweile sehr unterstützend und es gab auch Unterstützung vom Demokratiezentrum des Landes und einigen Spendern.
Wurde der Vorfall Ihrer Meinung nach auch juristisch ausreichend aufgearbeitet?
Aus meiner Sicht nicht. Man wollte uns anfangs gar nicht erst erzählen, was passiert ist. Die Polizei wollte mir keine Auskunft geben, bis ich mit Nachdruck zeigte, dass ich mir das nicht gefallen lasse. Man hat sich dann etwas besonnen, aber aufgearbeitet wurde es nicht richtig. Offen geblieben ist für uns und die Öffentlichkeit die fragwürdige Rolle der Polizei damals und die genauen Geschehnisse an dem Tag.
Inwiefern?
Viele Zeugen haben ausgesagt, sie hätten die Polizei angerufen. Das Polizeiauto ist wohl in einer großen Runde ums Wohngebiet gefahren, aber erst an den Ort des Geschehens gekommen als es schon vorbei war. Ich wusste lange nicht viel mehr als in der Zeitung stand. Mehr Informationen kamen erst durch die Gerichtsverhandlung, obwohl auch dort versucht wurde, dass Geschehene in einem anderen Licht erscheinen zu lassen. Von dieser rechten Gewalt wollte man gar nichts hören. Auch wurden die Opferzeugen mitunter nicht freundlich behandelt, wenn sie befragt wurden.
Was passierte mit den Tätern?
Die Täter auf der Anklagebank wurden von Polizisten geschützt, das denen nichts passiert. Der Richter und der Staatsanwalt und auch das Jugendamt, das die Täter einschätzen sollte, haben versucht die Taten herunterzuspielen: Sie hätten eine schlimme Kindheit gehabt, mussten im Plattenbau aufwachsen und so weiter.
Wie begehen Sie den jährlichen Todestag von Mike?
Wir gehen zum Friedhof, legen Blumen hin und die Familie kommt zusammen. Wir setzen uns hin und sprechen über Mike bei Kaffee und Kuchen, als wenn er in unserer Mitte wäre. Nun haben wir ja auch das Mahnmal in Hoyerswerda, wo wir den Todestag begehen können. Ab 2023, am 30. Todestag, gab es diese Gedenkveranstaltung. Seit dem haben wir uns jedes Jahr mit den Mitarbeitern von der Opferberatung dort versammelt und an Mike erinnert.
Möchten Sie zum Abschluss noch etwas sagen?
Es ist mir ein Anliegen, den Menschen zu danken, die das ermöglicht haben und weiterhin daran mitwirken werden, zum Beispiel die Opferberatung SUPPORT. Die Bildungs- und Präventionsarbeit macht mir Mut für die Zukunft. So kann ein Umdenken stattfinden und negative Einflüsse können die jungen Leute weniger schnell erreichen. Es ist ermutigend, dass eine Schule diese Zeit und den Angriff im Unterricht bearbeiten will. So lange ich in der Lage bin zu unterstützen und mitzuarbeiten, mache ich das sehr gerne.



