NS-Zeit in Herzberg
: Autorin widmet sich Propaganda-Filmen und stellt Recherche vor

Stephanie Kammer entdeckt drei NS-Propagandafilme aus dem Elsterland und verwandelt sie in Buch, Bühnen- und Bildungsarbeit. Das Ergebnis ist jetzt in Herzberg, Jessen und Falkenberg zu sehen.
Von
Isabell Hartmann
Herzberg
Jetzt in der App anhören
Stephanie Kammer. Herzberg. Auf dem Gelände des Pop-Ankers haben sich die Größen der Herzberger Wirtschaft und Lokalpolitik versammelt. Dazu hat Bürgermeister Karsten Eule-Prütz eingeladen. Während der Veranstaltung wird die bisherige Wohnungsgenossenschaftscheffin Sabine Endemann verabschiedet und die neue Janett Flemming im Amt begrüßt.

Stephanie Kammer macht NS-Propagandafilme aus dem Elsterland öffentlich – für eine kritische Erinnerungskultur.

Thomas Keil
  • Drei NS-Propagandafilme aus dem Elsterland wurden entdeckt, digitalisiert und analysiert.
  • Filme zeigen Ideologie im Alltag der 1930er – mit SA, HJ und inszenierten Großveranstaltungen.
  • Buch, Veranstaltungen und Lehrmaterialien fördern kritische Auseinandersetzung mit Propaganda.
  • Holocaustüberlebende Dora Sondheim lieferte durch ihr Vermächtnis den Anstoß zur Recherche.
  • Präsentationen: Herzberg (1. Sept.), Jessen (16. Sept.), Falkenberg (6. Okt. 2025), Eintritt: 5 Euro.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Der Ausgangspunkt war eine Begegnung, die alles veränderte: Dora Sondheim, eine Holocaustüberlebende, die ihre letzten Jahre in Herzberg verbrachte, übergab Stephanie Kammer – Inhaberin der „BücherKammer“ und Autorin – kurz vor ihrem Tod einen Hefter mit persönlichen Dokumenten. Darin befanden sich ein Deportationsschreiben der Gestapo, Briefe aus Prag und Abschiedsworte von Verwandten. Dora Sondheim bat darum, ihre Geschichte erst zehn Jahre nach ihrem Tod zu veröffentlichen. Stephanie Kammer versprach es – und begann zu recherchieren.

„Dieses Vermächtnis war für mich Auftrag und Motivation, genauer hinzusehen, wie die nationalsozialistische Ideologie auch in meiner Heimatregion wirkte“, erklärt die Autorin. Die eigentliche Forschungsarbeit begann mit einem historischen Filmfragment, das ihr privat zugespielt wurde. Auf ihre Nachfrage im Landesarchiv Merseburg verwies man sie an das Bundesarchiv – dort entdeckte Stephanie Kammer nicht nur diesen, sondern auch zwei weitere NS-Propagandafilme aus dem Elsterland. Was zunächst wie ein Zufallsfund wirkte, entwickelte sich zu einem umfassenden Rechercheprojekt über die visuelle Inszenierung von Zustimmung und Ausgrenzung im Nationalsozialismus.

Ein offizielles Schreiben fordert Eugen Sondheim zur Meldung bei der Dienststelle auf, zur Deportation. Darunter eine persönliche Abschiedsbotschaft einer Verwandten an die Sondheims.

Ein offizielles Schreiben fordert Eugen Sondheim zur Meldung bei der Dienststelle auf, zur Deportation.

Stephanie Kammer

Ihr Buch „Braune Schatten über dem Elsterland“, das am 1. September 2025 erscheint, ist das Ergebnis von über zwei Jahren intensiver Recherche und sieben Monaten konzentrierter Schreibarbeit. Im Zentrum stehen drei NS-Propagandafilme aus den 1930er-Jahren, aufgenommen in Herzberg, Jessen und Falkenberg. Mit beklemmender Deutlichkeit zeigen sie, wie nationalsozialistische Ideologie in den Alltag eindrang – in Schulen, auf Marktplätzen, in Dorfgemeinschaften.

Die Filme stammen aus dem Bundesarchiv und wurden über ein Jahr lang digitalisiert. Viele regionale Aufnahmen dieser Art gelten als verschollen. Stephanie Kammer sichtete das Material, analysierte Bildkompositionen und rekonstruierte Kontexte. „Mich hat fasziniert, wie geschlossen diese Bilder wirken – und wie viel sie dennoch verraten, wenn man genau hinsieht“, betont die Autorin.

Historische Filmaufnahmen aus Herzberg, Jessen und Falkenberg digitalisiert

Die drei Titel lauten: „Gauleiter Jordan besucht den Kreis Schweinitz“ (1934), „Appell des Kreises Schweinitz in Jessen“ (1935) und „Appell des Kreises Liebenwerda in Falkenberg“ (1936). Sie zeigen Rudolf Jordan bei öffentlichen Auftritten, die SA beim Marschieren, die Hitlerjugend bei Morgenfeiern und die Bevölkerung beim kollektiven Empfang. Die Inszenierung wirkt geschlossen – doch bei genauer Betrachtung zeigen sich Risse.

Besonders der Film aus Jessen rückte in den Fokus. Er dokumentiert eine Großveranstaltung, die als patriotischer Appell inszeniert wurde. In den Jessener Nachrichten wurde im Vorfeld über eine sogenannte Zigeunerjagd berichtet – eine ethnische Säuberung, die dem Film vorausging. „Man vertrieb Sinti und Roma aus der Stadt – und inszenierte danach Einigkeit“, erläutert Stephanie Kammer. Gerade diese Dramaturgie interessiert sie: „Wie wurden Bilder komponiert, wie wurde Zustimmung erzeugt?“

Die Filme sind ohne Ton erhalten. Die Autorin rekonstruierte Inhalte und Kontexte durch die Lektüre regionaler Zeitungen und Archivmaterial. Ihr Interesse gilt nicht nur den offiziellen Bildern, sondern auch den unbeabsichtigten Momenten: „Eine Bäuerin hebt einen Knopf vom Boden auf, ein SA-Mann pfeift, ein anderer schwingt die Fäuste. Das sind die Brüche – sie zeigen, wie fragil die Fassade war“, kommentiert Stephanie Kammer.

Veranstaltung mit Erzähler und Livemusik in Herzberg, Jessen und Falkenberg

Um diese Erkenntnisse zugänglich zu machen, konzipierte die Autorin eine Veranstaltungsreihe. Die Filme werden gezeigt, analysiert und in einen erzählerischen Rahmen eingebettet. Sprecher Christian Poser verleiht historischen Figuren eine Stimme, begleitet von Sebastian Pöschl am Klavier. „Wir wollten nie mit erhobenem Zeigefinger auftreten“, unterstreicht Stephanie Kammer. „Wir erzählen – und lassen Raum für eigene Gedanken.“

Neben dem Buch und der Veranstaltungsreihe entwickelte Stephanie Kammer Unterrichtsmaterialien und führte erste Gespräche mit dem Kreismedienzentrum. Ziel ist es, die Filme im schulischen Kontext zu nutzen und mit Schülerinnen und Schülern zu besprechen. Dabei geht es um die Frage, wie Propaganda funktionierte, welche Rolle Nachbarn und lokale Strukturen spielten – und wie sich Zustimmung organisieren ließ. „Mein Buch will zeigen, dass Propaganda nicht nur von oben verordnet, sondern auch von unten getragen, gefeiert und weiterverbreitet wurde“, erklärt die Autorin.

Sie interessiert sich besonders dafür, wie aus Mitmenschen Mitläufer und Mittäter wurden – und welche Rückschlüsse sich daraus für das Verständnis demokratischer Gesellschaften ziehen lassen.

Das Plakat zur Filmanalyse und Buchpräsentation. Die Präsentationen finden in Herzberg, Falkenberg und Jessen statt.

Das Plakat zur Filmanalyse und Buchpräsentation. Die Präsentationen finden in Herzberg, Falkenberg und Jessen statt.

Stephanie Kammer

Die Filme und das begleitende Material sollen dazu beitragen, historische Mechanismen sichtbar zu machen und die Fähigkeit zur kritischen Bildbetrachtung zu fördern. Abschließend sagt Stephanie Kammer: „Ich wünsche mir, dass diese Filme in Schulen als Ausgangspunkt dienen – für Gespräche über Geschichte, über Bildsprache und über die Mechanismen von Verführung.“

Termine zur Präsentation:

  • 1. September 2025: Bürgerzentrum Herzberg, 19 Uhr, Eintritt: 5 Euro (Abendkasse)
  • 16. September 2025: Schützenhaus Jessen, 19 Uhr, Eintritt: 5 Euro (Abendkasse)
  • 6. Oktober 2025: Aula OSZ/Berufliches Gymnasium Falkenberg, 19 Uhr, Eintritt: 5 Euro (Abendkasse), mit Landrat Christian Jaschinski