Getötete Kühe
: Schockierende Bilder – ZDF-Doku zum Tiertransport aus Elbe-Elster

Lkw-Fahrer Heinrich kämpft um 69 Kühe im Niemandsland zwischen Bulgarien und der Türkei. Der Tiertransport war in Elbe-Elster gestartet. Eine ZDF-Doku deckt die katastrophalen Zustände auf.
Von
Sven Hering
Herzberg
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Trächtige Kühe sind in einem Lkw dicht an dicht geladen. Die Tiere stammen aus Bandenburg. Sie sind hochschwanger, denn sie sollen möglichst bald ein Kalb gebären und dadurch Milch liefern.

Trächtige Kühe sind in einem Lkw dicht an dicht geladen. Die Tiere stammen aus Bandenburg. Sie sind hochschwanger, denn sie sollen möglichst bald ein Kalb gebären und dadurch Milch liefern.

ZDF/Manfred Karremann
  • Ein Transport von 69 trächtigen Kühen aus Brandenburg wurde an der türkischen Grenze festgehalten.
  • Die ZDF-Doku „Tiertransport: Gefangen zwischen Grenzen“ zeigt die katastrophalen Zustände.
  • Lkw-Fahrer Heinrich kämpft verzweifelt um das Überleben der Tiere.
  • Tierschutzorganisationen klagen gegen Behörden und Transportorganisation.
  • Politiker fordern ein Verbot von Tiertransporten in Drittländer.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

„Solche Transporte dürfen nie wieder stattfinden.“ Das sagt Heinrich. Er ist Lkw-Fahrer, seit 45 Jahren. Und er hat einen der beiden Tiertransporter gesteuert, die in den vergangenen Wochen für Schlagzeilen sorgten. Vier Wochen lang wurde ein in Elbe-Elster gestarteter Zuchttiertransport mit 69 zum Teil hochträchtigen Kühen an der türkischen Grenze festgehalten.

Die ZDF-Dokumentation „Tiertransport: Gefangen zwischen Grenzen“ zeigt das ganze Ausmaß der Katastrophe, lässt Tierschützer ebenso zu Wort kommen wie Lkw-Fahrer Heinrich.

„Wir standen praktisch im Niemandsland. Es ging nicht mehr vor und nicht mehr zurück“, schildert Heinrich den Filmemachern die Situation. Hinter der Grenze in der Türkei stehen die alarmierten Tierschützer, halten Tag und Nacht Wache. Sie wollen helfen. Doch in den Zollbereich kommen sie nicht.

Verzweiflung und Verantwortung – Lkw-Fahrer im Fokus

Die 69 Kühe dürfen nicht in die Türkei, weil das Herkunftsgebiet in Deutschland zum Tierseuchengebiet erklärt wurde – obwohl an der türkischen Grenze auf das sogenannte Blauzungenvirus getestet wurde.

In den Papieren steht: Brandenburg ist Seuchengebiet. Deshalb keine Einreise. Genehmigt wurde der Transport vom Veterinäramt des Landkreises Elbe-Elster, das sich auf die geltende Rechtslage beruft. Inzwischen haben mehrere Tierschutzorganisationen Strafanzeige gegen die Behörde als auch die Transportorganisation gestellt.

Die Tiere, das wird in der Dokumentation schnell klar, sind in einem erbärmlichen Zustand. Heinrich ist entsetzt: „Das geht gar nicht“, sagt er. Gemeinsam mit seinem Kollegen versucht er, die Rinder wenigstens notdürftig zu versorgen. Die Kosten für das Futter übernehmen die Fahrer inzwischen selbst.

Heinrich, der Fahrer eines Transportes, der an der Grenze zwischen Bulgarien und der Türkei einen Monat lang mit den Tieren festgehalten wurde. Er hat alles versucht, um seinen Tieren zu helfen.

Heinrich, der Fahrer eines Transportes, der an der Grenze zwischen Bulgarien und der Türkei einen Monat lang mit den Tieren festgehalten wurde. Er hat alles versucht, um seinen Tieren zu helfen.

ZDF/Manfred Karremann

Heinrich ist verzweifelt: „So geht man nicht mit Tieren um. Ich könnte richtig heulen." So etwas sei ihm in seinen 45 Jahren als Fahrer noch nie passiert. „Ich habe mich immer bemüht, dass es den Tieren gut geht und auch immer versucht, schonende Transporte durchzuführen. Aber das setzt dem Ganzen wirklich die Krone auf.“ Es folgen erschütternde Bilder aus den Lastwagen. Die ersten Tiere sterben.

Tierschutz-Dokumentation als Weckruf

Der Filmemacher Manfred Karremann, der die Dokumentation gedreht hat, arbeitet mit mehreren Tierschutzorganisationen zusammen. „Ich beschäftige mich seit fast 30 Jahren mit Tiertransporten“, sagt er. Auch die Zustände an den Grenzen hat er schon mehrfach dokumentiert. Was er vor wenigen Wochen erlebt hat, lässt auch ihn nicht kalt. „Es ist nicht so, dass man sich ein dickes Fell zulegt und denkt, das ist nur irgendein Bericht.“

Er hofft, dass die Vorfälle, die er dokumentiert hat, wenigstens nicht umsonst passiert sind. „Die EU kann hier sehr leicht Abhilfe schaffen, wenn sie denn will.“ So sei es natürlich ein Anliegen des Dokumentarfilms, etwas zu bewegen. „Wir haben hier eigentlich ein überschaubares Problem.“

Ein Müllplatz in der Türkei, auf dem tote Kühe aus Deutschland entsorgt werden.

Ein Müllplatz in der Türkei, auf dem die toten Kühe aus Deutschland entsorgt werden.

ZDF/Manfred Karremann

Um etwas zu ändern, ist eine große Reichweite wichtig. Karremann ist deshalb froh, mit dem ZDF, mit dem er seit 20 Jahren zusammenarbeitet, einen sehr guten Partner gefunden zu haben. Er habe die Dokumentation sehr kurzfristig angeboten. Das ZDF habe dafür sogar eine andere Sendung verschoben. „Das fand ich sehr bemerkenswert.“

ZDF-Doku mit aufrüttelnden Bildern

Doch welche Bilder darf man dem Zuschauer zumuten? Wo liegt die Grenze des Erträglichen? Man müsse nicht mehr zeigen als nötig, sagt Karremann. „Man will ja auch, dass die Leute noch gucken.“ „Aber auch nicht weniger, als es der Wahrheit entspricht.“ Die Bilder seiner Dokumentation würden schließlich nur einen Bruchteil dessen abbilden, was tatsächlich jeden Tag passiert.

So gibt es in der Doku schließlich noch eine Szene über ein eigentlich schon totgeglaubtes Tier, das auf der Ladefläche inmitten der Exkremente liegt und noch atmet. Irene Weiersmüller von der Tierschutzorganisation Animals Angels kämpft mit den Tränen, als sie das Erlebte schildert: „Also unter all diesen Kadavern war noch eine Kuh, die noch gelebt hat und die gemuht hat“, berichtet sie.  Es sei unvorstellbar, was dieses Tier durchgemacht habe. Ihre Haut sei völlig verätzt gewesen vom Ammoniak in der Gülle.

„Die muss so einen wahnsinnigen Lebenswillen gehabt haben. Die wollte einfach nicht sterben. Sie war komplett abgemagert, ausgehungert, festliegend, konnte knapp noch mit dem Bein zappeln. Aber sie hat immer noch gelebt. Und sie hat tagelang diesen Gestank von Kadavern und Ammoniak und Exkrementen eingeatmet.“ Sie habe das alles überlebt. Und nur, damit sie dann am Schluss doch getötet werden musste.

Irene Weiersmüller ist im Auftrag der Tierschutzorganisation Animals Angels in der Türkei. Zusammen mit einigen Mitstreitern versucht sie, den Tieren aus Deutschland zu helfen.

Irene Weiersmüller ist im Auftrag der Tierschutzorganisation Animals Angels in der Türkei. Zusammen mit einigen Mitstreitern versucht sie, den Tieren aus Deutschland zu helfen.

ZDF/Manfred Karremann

„Wir nennen sie Hope“, so die Tierschützerin, „weil wir irgendwie auch die Hoffnung haben, dass dieser Fall – so schlimm wie der war – vielleicht auch irgendwas dazu beitragen kann, dass die Leute endlich verstehen, dass sowas nicht gerechtfertigt werden kann, dass sowas nicht passieren darf.“

Die Doku „Tiertransporte – Gefangen zwischen Grenzen“ ist Teil des Formats 37 Grad und in der ZDF-Mediathek abrufbar.

Das sagt die Politik zum Tierschutz-Skandal

„Dieser Film zeigt uns eindrücklich, dass die Politik in der dringenden Verantwortung steht, die grausamen Tiertransporte in Drittländer zu beenden!“ So kommentiert Dr. Zoe Mayer, Bundestagsabgeordnete für Bündnis 90/Die Grünen und Berichterstatterin für Tierschutzpolitik, den Dokumentarfilm „Tiertransporte: Gefangen zwischen Grenzen“.

„Was sich in den vergangenen Wochen an der türkischen Grenze abgespielt hat, kann man nur als Tragödie bezeichnen“, ergänzt sie. Von dem Fernsehjournalisten Manfred Karremann kontaktiert, seien sie und ihr Büro über die dort herrschenden Zustände informiert worden.

Dieser grausame Fall zeige, wie höchst problematisch Tiertransporte in Drittstaaten seien. „Die Bedingungen, unter denen Tiere transportiert, gehalten und geschlachtet werden, sobald sie die EU-Grenzen überqueren, sind skandalös.“ Deshalb muss laut Zoe Mayer ein nationales Verbot in der kommenden Legislatur ein zentrales tierschutzpolitisches Anliegen sein. Notwendig sei aber auch eine EU-weite Regelung.