Lost Place in Polen
: Das vergessene KZ in Christianstadt – eine Spurensuche

Unweit von Guben liegen in Polen die Ruinen der größten Sprengstofffabrik des Dritten Reiches, in der auch KZ-Insassen Zwangsarbeit verrichten mussten.
Von
Heike Reiß
Guben/Nowogród Bobrzański
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Die Silos der ehemaligen Dynamitfabrik unweit von Guben muten beinahe wie Raketentechnik an.

Die Dynamit Nobel AG aus dem Zweiten Weltkrieg: Die Silos der ehemaligen Dynamitfabrik bei Guben muten beinahe wie Raketentechnik an. Hier in Christianstadt stand die größte Munitionsfabrik des NS-Regimes.

Heike Reiß
  • Ruinen der größten Sprengstofffabrik des Dritten Reiches in Krzystkowice (ehem. Christianstadt) bei Guben.
  • Fabrik war streng geheim, diente der Produktion von Bomben, Granaten, Sprengstoffen für V1- und V2-Raketen.
  • Etwa 25.000 jüdische Frauen aus KZ Groß-Rosen mussten dort Zwangsarbeit leisten.
  • Heute sind nur Ruinen übrig, das Gelände wird teilweise von polnischer Armee und Gefängnis genutzt.
  • Die Zukunft der ehemaligen Fabrik ist unklar.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Etwa 50 Autominuten von Guben (Spree-Neiße) entfernt ragen in Polen mitten im Wald eigenartige Gebilde in die Höhe. Mehrere massive Stahlzylinder stehen nebeneinander, teils noch von Erdmassen bedeckt. Dazwischen laufen zwei Männer, beide mit einer Kamera in der Hand. Wenige Meter weiter schiebt ein Mann einen Kinderwagen, die Frau daneben hält ein Mädchen im Schulalter an der Hand. Das Schild über dem Eingang des Gebäudes, an dem sie vorbeilaufen, warnt vor dem Betreten.

Einer der beiden Männer rückt einen Ast am türlosen Eingang des Hauses zurecht, belastet ihn vorsichtig mit einem Fuß, testet die Tragfähigkeit. Ein prüfender Blick zu seinem Begleiter. Der nickt. Der Ast hält. Im nächsten Moment steigt der Mann hinab ins Dunkel.

Dynamitfabrik war „Geheime Reichssache“

Wer tiefer in den linksseitig liegenden Wald eindringt, der sich an der Landstraße DW289 zwischen Nowogród Bobrzański und Lubsko befindet, dem fallen zahlreiche parkende Autos auf. Auf dem Weg, der mit Platten ausgelegt ist, geht es mit jedem Schritt tiefer in den Wald, in dem die Kiefern dicht an dicht stehen. Hinter dem Dickicht zeichnen sich schon bald etwa 15 Meter hohe Umrisse ab. Formen, die entfernt an Flugzeug-Triebwerke erinnern.

Die Bauweise als Stahlbetonzylinder könnte im Fall einer Explosion geholfen haben, den Druck nach oben entweichen zu lassen und so das Verletzungsrisiko in der unmittelbaren Umgebung des Silos zu minimieren.

Die zylindrische Bauweise der Dynamitfabrik Christianstadt (heute Krzystkowice in Polen) bei Guben könnte im Fall einer Explosion geholfen haben, den Druck nach oben entweichen zu lassen und so das Verletzungsrisiko in der unmittelbaren Umgebung des Silos zu minimieren.

Heike Reiß

Es handelt sich um sechs sichtbare Silos, die zum Fabrikkomplex der Dynamit Aktien-Gesellschaft Alfred Nobel (DAG) in Krzystkowice (damals Christianstadt) gehören, der hier von 1939 bis 1945 stand. Auf dem 35 Quadratkilometer großen Gelände befinden sich zahlreiche verfallene Gebäude: Das weit verzweigte Wegenetz führt von Produktionshallen zu Verwaltungsgebäuden, Wohnbaracken, Waschräumen, Werkstätten, einem Casino und einer ehemaligen Feuerwehr.

Eingang zu einem der Silos.

Eingang zu einem der Silos der Dynamit Nobel AG Dynamitfabrik Christianstadt (heute Krzystkowice in Polen) bei Guben: Was genau sich in den Gebäuden befand, ist unklar. Die Dynamitfabrik war im Zweiten Weltkrieg streng geheim.

Heike Reiß

Zum Werksgelände gehörte auch ein eigener Bahnhof samt Schienennetz. Das Areal war an die damalige Reichsbahnlinie Sorau-Christianstadt-Grünberg angeschlossen. Hinter den Fabriktüren wurden Bomben und Granaten, aber auch Sprengstoffe für V1- und V2-Marschflugkörper der Wehrmacht hergestellt.

Was genau sich in den Silos befand, ist nicht eindeutig geklärt: Sie könnten Salpeter- und Schwefelsäure für die Produktion von Nitroglycerin und Nitrocellulose beinhaltet haben, lässt ein Hinweisschild die Besucher wissen. Genaue Angaben lassen sich kaum finden: Die Fabrik war „Geheime Reichssache“, nur unter dem Tarnnamen „Ulme“ bekannt. Zahlreiche Schriftstücke wurden 1945 auf Geheiß des Werksleiters zerstört.

Tausende KZ-Insassinnen mussten Zwangsarbeit verrichten

Etwa 20.000 Menschen sollen laut Recherchen von Martina Löbner Ende der 1940er-Jahre auf dem Areal gelebt und gearbeitet haben. Die Fabrik war zeitgleich Außenstelle des Konzentrationslagers Groß-Rosen: Im Sommer 1944 mussten 25.000 jüdische weibliche KZ-Häftlinge hier Zwangsarbeit verrichten, zum Beispiel Schießpulver in Granaten füllen.

Die Frauen arbeiteten im Drei-Schicht-System, teilweise bis zu zwölf Stunden am Tag. Eva Burns, Überlebende des Holocaust aus Tschechien, erinnert sich: „Wir bekamen nicht genug zu essen. Es war nicht so schlimm wie in Auschwitz, aber viel schlimmer als in Theresienstadt. Wir arbeiteten, schliefen auf Feldbetten oder Etagenbetten, zwei oder drei in einer Reihe. Dort gab es Mädchen, die bei der Arbeit einschliefen.“ Wurden sie dabei entdeckt, behandelten die Aufseher sie „sehr grausam“.

Das Dach dieses Gebäudes für Zellulose-Nitration wurde bepflanzt, damit es im allgemeinen Grün des Waldes aus Vogelperspektive nicht zu identifizieren war.

Das Dach dieses Gebäudes für Zellulose-Nitration der Dynamitfabrik Christianstadt (heute Krzystkowice in Polen) bei Guben wurde bepflanzt, damit es im allgemeinen Grün des Waldes aus Vogelperspektive nicht zu identifizieren war. Insassinnen des Konzentrationslagers Groß-Rosen mussten hier Zwangsarbeit verrichten.

Heike Reiß

Die ungarische Schriftstellerin Edith Bruck, die als Heranwachsende im Frauenarbeitslager in Christianstadt war, schildert in ihrem Buch einen Vorfall, bei dem ein Mädchen Essen aus einem Kartoffelsilo stahl, weshalb ein Wachposten es mit einem Gewehrschuss getötet habe.

Zu den Arbeitskräften gehörten neben den Frauen auch Vertriebene, Kriegsgefangene, unter anderem aus Frankreich und Italien, weitere Zwangs- und Zivilarbeiter. Sie alle litten unter Hunger, mangelnder Hygiene, der unmenschlichen Arbeitslast und der Willkür ihrer Aufpasser.

Teile des Kanalisationssystems der Anlage.

Teile des Kanalisationssystems der Anlage: Was heute ein Lost Place voller Ruinen ist, war damals eine Fabrik für Sprengstoff. Es gab sechs sichtbare Silos, die zum Fabrikkomplex der Dynamit Aktien-Gesellschaft in Krzystkowice (damals Christianstadt) gehörten.

Heike Reiß

Heute Lost Place: Übriggeblieben sind nur Ruinen

Erst das Ende des Zweiten Weltkriegs markierte auch das Ende der Fabrik: Die Anlage wurde demontiert und verfiel. Auf die Gräueltaten, die hier einst geschahen, weist nichts hin. Die Gebäude sind sich selbst überlassen, sodass das Gelände in der Dämmerung einer Geisterstadt gleicht.

Einige abgesperrte Bereiche des Areals werden inzwischen von der polnischen Armee genutzt, andere von dem Gefängnis in Krzywaniec. Von dem Betreten der Gebäude ist abzuraten – viele sind einsturzgefährdet. Zudem finden sich auf dem Gelände einzelne Löcher im Boden, die von unterirdischen Magazinen stammen und nicht gesichert sind, sodass sich Neugierige hier leicht verletzen können. Was mit der ehemaligen Fabrik in Zukunft geschieht, ist unklar.

Das Gelände der ehemaligen Munitionsfabrik ist frei zugänglich. Einige Bereiche sind jedoch mit Zäunen gesperrt und werden durch das polnische Militär und ein örtliches Gefängnis genutzt.

Das Gelände der ehemaligen Dynamitfabrik Christianstadt (heute Krzystkowice in Polen) bei Guben ist frei zugänglich. Einige Bereiche sind jedoch mit Zäunen gesperrt und werden durch das polnische Militär und ein örtliches Gefängnis genutzt.

Heike Reiß

Die Dynamit Nobel AG zur Zeit des Zweiten Weltkriegs

Mit dem Inkrafttreten des Versailler Vertrages wurde ein Großteil der damaligen Betriebe zur Schießpulverherstellung demontiert. Nach der Machtübernahme der Nazis änderte sich das: Die Produktionskapazitäten für Munition wurden vergrößert. Die DAG gründete 1943 mit einem Teil des I.G.-Farben-Konzerns die Deutsche Sprengchemie GmbH, unter deren Fahne zahlreiche neue Fabriken entstanden. Während des Zweiten Weltkriegs arbeiteten dort neben der regulären Belegschaft zehntausende Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge, die Munition für den „Endsieg“ produzierten.

Nach einem Text von Helmut Rieger im Sorauer Tagblatt von 1999 kamen in Christianstadt viele Zwangsarbeiter aus folgenden Ländern: Belgien, Bulgarien, Frankreich, Holland, Italien, Japan, Jugoslawien, Österreich, Polen, Rumänien, Russland, Slowakei, Tschechien, Ukraine und Ungarn.