Servicestation in Oberspreewald-Lausitz: Warum Liebhaber von Simson-Mopeds Tausende Euro dafür zahlen
Der Verkauf von Gummipflegemittel oder Korrosionsschutz ist eigentlich nichts außergewöhnliches für eine Kfz-Werkstatt. Doch das Anti-Rostspray direkt hinter der Kasse der Simson-Servicestation in der Dörrwalder Lindenstraße 15 ist bereits ein halbes Jahrhundert alt. Auch das Talkuvit der VEB Malfa-Chemie Altmittweida stammt noch aus den 1970er-Jahren.
Nur 60 Pfennig hat die orangefarbene 300-Gramm-Streudose damals gekostet. Das reine Talkum wurde beim Aufziehen neuer Reifen zwischen Schlauch und Mantel gestreut. Entrüstete Kommentare wegen des Verfallsdatums haben Kfz-Mechaniker Christian Schombel (48) und seine Frau Daniella (41) aber noch nie gehört.
Schombels sind akribische Sammler von Simson-Teilen
„Im Gegenteil“, sagt Daniella Schombel. Vielen Kunden entgleisen vor freudiger Überraschung die Gesichtszüge. Während ihr Mann in der Werkstatt hantiert und die alten Karren der Simson-Flotte wieder flott macht, unterstützt sie ihn als Verkäuferin vorn im Laden. Auch Tochter Celine (13) hilft mit, zum Beispiel beim Einlegen der Speichen zwischen Radnabe und Felge.
„Wir sind aber auch eine Anlaufstelle für spezielles, altes Zubehör“, erklärt sie. Ob Tachowelle, Auspuff oder Rollenkette: Alles, wo Simson draufsteht, haben Schombels in den vergangenen 30 Jahren akribisch gesammelt.
„Wenn jemand entrümpelt, bringen die das her“, erzählen sie. Nicht nur die Nostalgiker heizen die Nachfrage an, sondern auch Nutzer, die mit S 50, Schwalbe & Co. immer noch regelmäßig unterwegs sind.
Im Verkaufsbüro der Simson-Werkstatt ticken die Uhren anders
„Der Rostlöser tut noch immer, was er soll“, sagt Christian Schombel. Nicht nur das. Das Anti-Rostspray kann sogar mehr als Eisenoxyd stoppen oder Metall polieren. Manche Kunden schickt es auch auf eine Zeitreise zurück in die Vergangenheit der ehemaligen DDR. „Einige Leute bekommen den Mund nicht mehr zu“, erzählen sie. Vor allem die älteren Generationen schwelgen plötzlich in Erinnerungen.
Fast könnte man meinen, dass die Uhren im Verkaufsbüro der Simson-Werkstatt anders ticken. Neben dem Schreibtisch bollert im Winter noch ein Kachelofen.
Über die Jahre hat sich ein leichter Rußschleier auf den eingerahmten Urkunden abgesetzt. Auf eines der Zertifikate ist Christian Schombel besonders stolz. Es bescheinigt die Vereinbarung über die Kauf-, Montage- und Garantieabwicklung für Simson-Motoren aus neuer Fertigung ab 2009.
Dörrwalder Simson-Servicestation verbaut Motoren mit Garantie-Urkunde
Wer sich in der Dörrwalder Simson-Servicestation einen neuen Motor einbauen lässt, der erhält neben dem Montagenachweis auch eine Garantieurkunde. Der Kfz-Mechaniker wischt mit seinen leicht ölig-schwarzen Fingern über das Schriftstück, bevor er es zurück an die Wand hängt. Eben noch hat Christian Schombel an einer Jawa geschraubt.
Der Kunde aus Spremberg will sein Kraftrad auf Elektronikzündung umstellen lassen. „Kalt ist sie immer gut gekommen“, erzählt er. Doch wenn sie warm war, dann hatte sie Startschwierigkeiten. Mit seiner Jawa aus dem Baujahr 1958 habe er sich einen Jugendtraum erfüllt. In jungen Jahren konnte er sich die Maschine nicht leisten.
Auch die Jungen wollen ein Simson-Moped fahren
Zum Kundenstamm der Schombels gehören aber nicht nur die Sonntagsfahrer, die im fortgeschrittenen Alter der Ü50 nochmal „durch die Botanik fahren“ wollen. Auch bei der jungen Generation der Führerscheinanwärter ab 15 Jahre sind die Modelle aus der Simson-Flotte gefragt. Inzwischen müssen sich die Interessenten aber hinten anstellen. Vor allem für die legendäre S 51 ist die Warteliste lang.
Vor allem die Simson S 52 mit dem Zweitaktmotor ist heute ein echter Klassiker. Von 1980 bis 1989 wurden die Maschinen mehr als 1,2 Millionen mal hergestellt.
Wie viele davon heute noch durch Oberspreewald-Lausitz fahren, lässt sich aber nur schätzen. Denn Kleinkrafträder bis 50 Kubikzentimeter sind zulassungsfrei.
Alter Simson-Tank wird wieder blank gemacht
Einige Tausend dürften es aber noch sein. Und eine davon steht zurzeit bei Christian Schombel in der Werkstatt. „Ein Großvater aus Großräschen will sie für den Enkelsohn flott machen lassen“, erzählt er. Der Motor ist fest, der Tank verrostet, und auch die Sitzbank müsse neu bezogen werden. Doch nach fast 30 Jahren betriebsloser Gammelei in der Scheune sei der Zustand noch verhältnismäßig gut.
Der verschlammte Benzintank ist für den Kfz-Mechaniker das kleinste Übel. „Den reinige ich mit Chemie“, erklärt er. Verschiedene Tinkturen wie Rostumwandler oder Entfetter für Kraftstoff-Öl-Gemische putzen das Innenleben der Benzincontainer wieder metallisch blank. Aus alt macht neu, so das Motto.
Selbst die jüngsten Simsons sind mehr als 30 Jahre alt
Zwar vertreibt die Firma FEZ inzwischen auch wieder neue Tanks. Nach der Erfahrung von Christian Schombel sind diese aber meist unproportional zusammengebaut und daher unbrauchbar. „Nach kurzer Zeit reißen schon die Befestigungslaschen raus“, erzählt er.
Auch die Motorinstandsetzung ist in seiner Servicestation immer wieder ein Thema. Selbst die jüngsten Oldis aus der Simson-Flotte sind inzwischen mehr als 30 Jahre alt. „Da sind die Simmeringe knochenhart“, erzählt der Fachmann. Und wenn der Wellendichtring nicht mehr schließt, dann drückt es das Öl raus.
Für eine S 51 mit Zweitaktmotor zahlen Liebhaber bis 1000 Euro
Heißt, auch die Teleskopgabel muss meistens mit überholt und dafür in etwa 20 Einzelteile zerlegt werden. Neben den Simmeringen können auch die Staubmanschetten undicht oder die Federn und Kabelbäume aufgrund des Alters gebrochen sein. Oft müssen aber auch die Kurbelwellen, Kolben, Zylinder oder Kugellager ausgetauscht werden.
„Simsons wurden für eine Laufzeit bis etwa 30.000 Kilometer konzipiert“, erklärt der Experte. Die meisten Maschinen, die auf Christian Schombels Hebebühne landen, haben oft ein paar Meter mehr auf dem Zähler. Manche Simsonfans kaufen die alten Karren auch im desolaten Zustand vom Schrott.
Bis zu 1000 Euro legen Liebhaber unterdessen für eine S 51 mit einem Zweitaktmotor hin. Etwa das Zwei- bis Dreifache kommt dann nochmal für die Instandsetzung oben drauf. Doch der Komplettaufbau lohnt sich. Denn die Krafträder von Simson sind robust, zuverlässig, solide verarbeitet – und vor allem ziemlich schnell unterwegs.
„Simsons dürfen mit 60 Kilometern pro Stunde durch die Lande brettern“, erklärt Christian Schombel. Andere Roller mit 50 Kubikzentimeter Hubraum sind hingegen auf 45 Kilometer pro Stunde begrenzt.
Zu verdanken ist diese Regelung einer Klausel im Einigungsvertrag. Nach der Wende sollten die Suhler Kleinkrafträder den Mopeds aus der BRD gleichgestellt werden.
So viele Simson-Modelle fahren heute noch herum
Kleinkrafträder bis 50 Kubikzentimeter sind zulassungsfrei. Heißt, in den örtlichen Fahrzeugregistern werden keine Kleinkrafträder geführt, da sie keine amtlichen Nummernschilder brauchen, sondern nur Versicherungskennzeichen. Und bei den Versicherungen werden die Kennzeichen nicht lokal erfasst. Allerdings können Halter ihre Simson bei den Straßenverkehrsämtern der Landkreise auf freiwilliger Basis zulassen. Und dies ist in einigen Fällen geschehen. So sind beispielsweise im Softwareprogramm der Zulassungsstelle vom Landkreis Spree-Neiße gegenwärtig 208 Mopeds registriert. Im Landkreis Oberspreewald-Lausitz sind aktuell 13 Kleinkrafträder der Simsonflotte mit eigenem Kennzeichen zugelassen. Im Landkreis Dahme-Spreewald sind 105 dieser Fahrzeuge registriert. Im Landkreis Görlitz sind derzeit 96 Simson-Modelle auf eigenen Wunsch mit der Fahrzeugklasse „Kleinkrafträder“ registriert. Sechs Kleinkrafträder der Simson-Flotte sind gegenwärtig im Verzeichnis der Zulassungsstelle Bautzen hinterlegt.
Und auch in Cottbus sind insgesamt 43 Fahrzeuge des Herstellers „Simson“ registriert. Zugelassen, also im Sinne der Zuteilung eines Kennzeichens, sind in Cottbus drei Kleinkrafträder und fünf Leichtkrafträder des Herstellers „Simson“. Zu den anderen 35 Fahrzeugen hat die Zulassungsbehörde eine Betriebserlaubnis erteilt, und die Fahrzeuge können mit einem Versicherungskennzeichen betrieben werden. Nur das Straßenverkehrsamt in Elbe-Elster hat gar keine Simson-Zulassungen gefunden.











