Kescher raus, Auerhuhn gefangen. Netze aufgestellt und Auerhahn überlistet? Dann Transport aus Schweden, wo jährlich bis zu 60 Tiere in freier Wildbahn entnommen werden dürfen, nach Deutschland.
Nun noch in den Naturparken Niederlausitzer Heidelandschaft und Niederlausitzer Landrücken ausgesetzt und dann schlüpft ein Küken nach dem anderen? Stark vereinfacht dargestellt stimmt das erhoffte Prinzip. Aber natürlich steckt der Teufel im Detail. So einfach funktioniert ein Wiederansiedlungsprojekt dann eben doch nicht.
Denn der 1998 zum letzten Mal in der Rochauer Heide (zwischen Hohenbucko und Luckau) gesichtete „Charaktervogel der beerstrauchreichen Kiefernheiden und Traubeneichenwälder in der Lausitz“ ist ein sensibles, scheues Tier. Es muss ungestört in großer Fläche leben können und benötigt dazu nadelbaumreiche Wälder mit lichten Offenflächen und möglichst Abstufungen im Baum- und Strauchbestand. Unverzichtbar ist eine reiche Bodenvegetation aus überwiegend Heidelbeerkraut.

Riesenfreude im Jahr 2020: Mehrere Küken gesichtet

Seit 2012 werden Tiere aus Schweden in den Naturparken Niederlausitzer Heidelandschaft und Niederlausitzer Landrücken ausgesetzt. Im Jahr 2020 spricht das von Bad Liebenwerda aus gesteuerte Auerhuhn-Projektteam dann von einem ersten Erfolg. In jenem Jahr sind mehrere Hennen mit Küken gesichtet worden. „Die Freude ist bei uns allen groß, spricht das doch dafür, dass die Tiere ihre neuen Lebensräume angenommen haben“, sagt der damalige Projektleiter, der Geoökologe Alexander Zimmermann. Und zwar in allen Wiederansiedlungsgebieten. Die Hennen mit ihren Jungen seien sowohl in der Liebenwerdaer Heide als auch in den Naturschutzgebieten Weißhaus, Grünhaus und Weberteich sowie in der Rochauer Heide gesehen worden.
Alexander Erdbeer (31) ist der Koordinator des Auerhuhn-Wiederansiedlungsprojektes im Naturpark Niederlausitzer Heidelandschaft in Elbe-Elster.
Alexander Erdbeer (31) ist der Koordinator des Auerhuhn-Wiederansiedlungsprojektes im Naturpark Niederlausitzer Heidelandschaft in Elbe-Elster.
© Foto: Frank Claus
Inzwischen leitet Alexander Erdbeer das Wiederansiedlungsprojekt. Der 31-Jährige wohnt in Dresden, hat Biologe studiert und sich bereits mit 13 bis 14 Jahren für die Ornithologie interessiert. Er nahm an Brutvogelkartierungen teil und war später an einem Wiederansiedlungsprojekt im Vogtland beteiligt. Da ging es um die Flussperlmuschel, die aufgrund starker Wasserverschmutzungen nahezu ausgestorben war. Inzwischen seien mehrere Tausend Muscheln ausgesetzt worden, etwa 30 Prozent hätten überlebt, so eine erste Analyse.
Eine Henne mit zwei Jungvögeln in der Rochauer Heide, aufgenommen im Juli dieses Jahres von einer Kamerafalle an einer Huderstelle. Im weichen Sand wird das Gefieder gepflegt.
Eine Henne mit zwei Jungvögeln in der Rochauer Heide, aufgenommen im Juli dieses Jahres von einer Kamerafalle an einer Huderstelle. Im weichen Sand wird das Gefieder gepflegt.
© Foto: Kamerafalle Rochauer Heide
Beim Auerhuhn-Wiederansiedlungsprojekt sind um die 500 Tiere gefangen und ausgesetzt worden. Nach vorsichtigen Schätzungen wird davon ausgegangenen, dass sich der Bestand momentan auf etwa 100 Tiere beläuft. Genau könne das keiner sagen, denn allein Sichtungen und Gennachweise anhand gefundenen Gefieders lassen darauf schließen. Wurden die ersten Tiere besendert, ist das längst zu aufwendig und zu teuer. Dabei wird beim Projekt nichts dem Zufall überlassen.

Wissenschaftler begleiten das Projekt

Kurz vor Weihnachten hat der wissenschaftliche Beirat des Projektes virtuell getagt. Darin sind Wissenschaftler aus Thüringen, Baden-Württemberg, Berlin und Sachsen verschiedener Fachrichtungen und Institute zusammengefasst. Im Januar wollen Vertreter aus dem Nationalpark Schwarzwald nach Bad Liebenwerda kommen und Erfahrungen austauschen.
Majästetisch trohnt ein Auerhahn auf einer Baumspitze. Ein imposanter Anblick während des Herbstfangs im Jahr 2022 in Schweden.
Majästetisch trohnt ein Auerhahn auf einer Baumspitze. Ein imposanter Anblick während des Herbstfangs im Jahr 2022 in Schweden.
© Foto: Alexander Erdbeer
Wissen und Praxiserkenntnisse hat das Projektteam aus Elbe-Elster jede Menge gesammelt. Fast immer kann die jährlich zugelassene Fangquote in Schweden erreicht werden, die Überführung und Auswilderung gelingt nahezu ohne Verluste. Längst ist man einen Schritt weiter. Inzwischen kümmert sich das Projektteam, in das neben den Spezialisten erfahrene Naturschützer, Förster und Jäger eingebunden sind, um gezielte Habitataufwertungen. Da werden Gespräche mit Wald- und Flächeneigentümern geführt, um wichtige Ruhephasen einzuhalten oder Auflichtungen in Wäldern zu schaffen. Immens wichtig sind Sandoffenstellen, wie sie zum Beispiel entstehen, wenn Bäume umstürzen und die Wurzeln das Erdreich aufreißen. In diesem Jahr solle ein Mitarbeiter, der für das Lebensraummanagement zuständig ist, ins Projekt integriert werden.

Weshalb Hähnefang eine Königsdisziplin ist

Alexander Erdbeer ist vom Wiederansiedlungsvorhaben, für das bis Ende 2024 weitere etwa 1,1 Millionen Euro investiert werden, fasziniert. Seine neue Arbeit samt wissenschaftlicher Begleitung begeistere ihn. Im Herbst habe er an einer ersten Fangaktion in Schweden teilgenommen. Insgesamt seien in diesem Jahr beim Frühjahrs- und Herbstfang 56 Tiere gefangen worden, darunter fünf Hähne.
Seine Aufgabe jetzt? „Wir wollen die uns bekannten Balzplätze in Weißhaus, in der Rochauer-, Babbener-, Liebenwerdaer Heide sowie in Grünhaus samt Weberteich weiter etablieren.“ Und dann gelte es, die Fangaktionen des nächsten Jahres vorzubereiten. Ende April sollen Hähne am Balzplatz in der Region Dalarna in Mittelschweden überlistet werden. Noch immer ist der Fang von Auerhähnen die „„Königsdisziplin““. Vor allem im Frühjahr, in der Balzzeit, wenn die „Herren“ voller Testosteron stecken. Doch genau diese Zeit ist es, die eine größere Zahl von Auerhähnen an die Balzplätze lockt. „„Hähne zu fangen, ist eine Kunst und verlangt Ausdauer“.“ Das hat zu Beginn der schwedische Auer­huhnexperte Eric Ringaby den Deutschen ins Bordbuch geschrieben. Im Mai werden die Hennen an einer Straße in den dünnbesiedelten nordschwedischen Provinzen Västerbotten und Jämtland gefangen. Ein zusätzlicher Fang erfolgt im Herbst im gleichen Gebiet, wobei der Fokus auf Hähnen liegt, aber auch Hennen mitgefangen werden sollen.

Über das Wiederansiedlungsprojekt

Eine kleine Gruppe von engagierten Naturschützern, Förstern, Jägern und privaten Waldbesitzern wollte sich nicht damit abfinden, dass das Auerhuhn seit der letzten Sichtung im Jahr 1998 für immer aus den Lausitzer Wäldern verschwunden sein sollte. Sie schlossen sich in der Arbeitsgruppe „Auerhuhn“ zusammen, um die Bemühungen zur Wiederansiedlung der Art voranzutreiben. Mehr als 15 Jahre haben die Vorbereitungen dafür in Anspruch genommen.
Im November 2011 war es endlich so weit – mit der aktiven Umsetzung des Vorhabens konnte begonnen werden. In einem dreijährigen Pilotprojekt wurden ab 2012 jährlich bis zu 60 Auerhühner in Schweden gefangen sowie das Überleben der Tiere in ausgewählten Waldgebieten in den Naturparken Niederlausitzer Heidelandschaft und Niederlausitzer Landrücken dokumentiert und bewertet. Aufbauend auf die positiven Ergebnisse aus der Pilotphase läuft ab 2017 ein fünfjähriges Projekt zur dauerhaften Etablierung des Auerhuhns in der Niederlausitz.
Dieses Projekt ist nun noch einmal bis Ende 2024 verlängert worden. Quelle: LR/Naturpark