Versteigerung in Reichenhain: Wie eine Rockband der Finsterwalder Tafel hilft

Auf dass die Kisten in der Tafel in Finsterwalde niemals leer bleiben! Die Band Röderstompers hat den Erlös der Weihnachtsversteigerung gespendet. Inbegriffen sind die Einnahmen des Glockensingens in Reichenhain. Stolze Gesamtsumme: 2610,52 Euro!
Frank ClausEin Kupferstich, ein Ölgemälde, jede Menge Zeugs für Haushalt, Hof, Garten und die Wohnung, Porzellan, Glas, Bekleidung – sie ist wieder groß, die Palette der für die Weihnachtsversteigerung der Jazz- und Rockband Röderstompers gespendeten Artikel. „Etwa 200 Stücke dürften es gewesen sein, darunter auch wieder einige Black-Boxes, also Päckchen, von denen keiner weiß, was drin ist“, schätzt Auktionator René Schollbach ein.
Bis auf den letzten Platz besetzt ist der Auktionssaal in der Reichenhainer Gaststätte „Eichhörnchen“ am Versteigerungstag zwischen Weihnachten und Silvester. Die Band „Sleepy Greeps“ spielt auf. Stürmischer Applaus, als Thomas Gottschalk und Michelle Hunziker die Bühne betreten.
„Wetten, dass ..?“ der Spendenrekord gebrochen wird?
„Wetten, dass..?“ diesmal das Motto. Klar, dass René Schollbach, der schon in die Rolle von Brexit-Boris Johnson geschlüpft war, auch die Spenden-Revolution als Kubas Revolutionsführer „Che“ Guevara ausgerufen hatte, als Schollina Mett in Anlehnung an Conchita Wurst auftrat und sich schwarz einfärbte, um Bruce Darnell zu mimen, diesmal in die Robe des Entertainers schlüpft. Diesmal also im legendären Karo-Anzug auftritt. Logisch, dass dem sein kongenialer Partner Jens Gute in nichts nachsteht. Seine Frau hat ihn diesmal als zauberhafte Michelle Hunziker ausstaffiert, geschminkt und mit ganz viel Sexappeal.

René Schollbach bei der Weihnachtsversteigerung der Röderstompers, diesmal alias Thomas Gottschalk bei "Wetten, das ..?" Natürlich durfte "Assistentin" Michelle Hunziker - in die Kleider schlüpfte Jens Gute - nicht fehlen. Selbst des Auktionators Anzug wurde noch versteigert.
Wolfgang StaemmlerDas alles und der Gedanke, auch an diesem Abend wieder einer guten Sache zu dienen, wirkt derart stark, dass die Gäste kräftig mitsteigern und am Ende ihre Portemonnaies mehrfach zücken. Sogar seinen Gottschalk-Anzug muss René Schollbach noch ausziehen. Der bringt 100 Euro und ihm ein schwitziges Finale ein. Bis gegen 1 Uhr moderiert er nun in einem ebenfalls für die Auktion bereitgestellten dick gefütterten Überlebensanzug. 2122 Euro bringt die Auktion ein. Doch auf dem Spendenscheck stehen satte 2610,52 Euro.
Schon von den Reichenhainer Glockensingern gehört?
Der Grund? Die „Reichenhainer Glockensinger“ – schon mal davon gehört? – steuern weitere 488,52 Euro zu. Das, so berichten Marie Kohls und Oliver Roddeck, ist der Erlös des gemeinsamen Singens zu Heiligabend am Reichenhainer Wahrzeichen. Etwa 150 Leute waren gekommen, viele haben nicht nur die Geldbörse für Glühwein und Co. gezückt, sondern auch noch welchen gespendet. „Es ist wie oft, es war im Jahr 2017 eine Schnapsidee in der Garage“, berichtet Oliver Roddeck. Inzwischen ist es längst ein beliebter Treff der Einwohner des Ortes, um die Zeit bis zur Bescherung zu verkürzen.
Jetzt kommt Finsterwaldes evangelischer Pfarrer Markus Herrbruck ins Spiel. „Ich hatte mich richtig gefreut, als die Röderstompers mich anriefen und erklärten, sie wollen diesmal ihre Einnahmen der Finsterwalder Tafel, die in Trägerschaft der evangelischen Kirche betrieben wird, spenden. Ihrer Bitte, die Tafel-Arbeit am Auktionsabend kurz vorzustellen, bin ich gern nachgekommen“, sagt er. Mit dem Endergebnis von 2610,52 Euro hat er genau wie die Röderstompers nicht gerechnet.

Weihnachtsversteigerung der Röderstompers: Auktionator René Schollbach musste, weil sein Thomas-Gottschalk-Anzug auch noch versteigert wurde, im stark gefütterten Kälte-Überlebensanzug aushalten.
Wolfgang StaemmlerIn dieser Woche war nun Spendenübergabe direkt bei der Tafel. Dort herrscht am Mittwochvormittag (3. Januar 2024) Hochbetrieb. Zahlreiche ehrenamtliche Helfer bestücken die Verpflegungsbeutel, sortieren die zumeist von Märkten und Bäckereien gespendeten Waren. Evi Peiser und Kerstin Nelkert, beide auf geringfügiger Basis beschäftigt, koordinieren in aller Ruhe die zu erledigenden Arbeiten. „So richtig müssen wir das nicht mehr. Jeder weiß, was er zu tun hat“, erklären sie. Kein Wunder, Finsterwaldes Tafel existiert seit 25 Jahren und ist nötiger denn je.
„Es gibt genug, die zu wenig haben“
750 bis 800 Personen kommen pro Woche zu den Tafelausgaben in Finsterwalde, erfahren die Bandmitglieder. Als Pfarrer Markus Herrbruck sieht, dass die Zahl betroffen macht, meint er: „Ja, es gibt genug, die zu wenig haben.“ Dreimal in der Woche finden die Ausgaben statt. Für einen Verpflegungsbeutel zahlen die Hilfebedürftigen einen Eigenanteil von 3,50 Euro, der Inhalt ist ein Vielfaches wert. Meist zwischen 20 bis 40 Euro, so berichtet der Pfarrer als er durch die Einrichtung führt. Wer die Tafel nutzen möchte, muss entweder einen Bescheid des Jobcenters oder einen Rentenbescheid vorlegen, der sie als sozialschwach ausweist.
Der Pfarrer erzählt von der Logistik, von den Abholtagen in den Märkten – „da fahren wir pro Tag 15 Verkaufsstellen an“, von enormen Betriebskosten, die Miete, Energie für die drei großen Kühlzellen und den Unterhalt der Kühl- und Transportfahrzeuge verursachen. Der Löwenanteil wird über Spenden finanziert. Im Jahr 2020 musste die Finsterwalder Tafel gleich zwei Schocks verdauen. Erst war ein Transporter gestohlen worden. Den fand man zwar wieder, aber nur mit erheblichen Beschädigungen. Wenig später verschwand der gleiche, inzwischen repariert, wieder und wurde nicht mehr gefunden.
Über Sternstunden für die Tafeln
Insgesamt 17 Tafeln gibt es in Südbrandenburg. Sie alle arbeiten nach ähnlichem Prinzip. Und freuen sich über Sternstunden. Wenn zum Beispiel ein Pizzaproduzent eine große Menge abgibt, weil der Zahlencode auf der Verpackung nicht korrekt abgedruckt ist oder ein Kloßteighersteller, der gleich mal 1,5 Tonnen abgeben will, weil zu viel produziert wurde. Hiesigen Bäckereien ist Pfarrer Herrbruck außerordentlich dankbar. „Sie denken immer an uns“, sagt er. Sein Wunsch? „Momentan benötigen wir Kraftfahrer, die ehrenamtlich die Abholfuhren übernehmen können. In einem Dienstplan ist geregelt, wer wann fährt.“ Oft übernimmt er Touren selbst.
Als die Truppe um Bandchef Wolfgang Staemmler gemeinsam mit den beiden „Reichenhainer Glockensingern“ wieder vor der Tür steht, bildet sich bereits eine Menschenschlange am Eingang. Mit Blick darauf meint ein Musiker: „Ich glaube, wir haben mit unserer Spende alles richtig gemacht.“ Die anderen nicken.


