Die Gemeindevertreter haben sich gegen das Umbetten von vier Kriegsgräberstätten von Hohenleipisch auf den Friedhof im Ortsteil Dreska entschieden. Das Votum ist nach Auskunft von Bürgermeister Lutz Schumann in der jüngsten Sitzung gefallen. Der Landkreis hatte empfohlen, die Stätten an einer Stelle zu konzentrieren, zumal der Friedhof in der Hohenleipischer Bahnhofstraße seit Jahren entwidmet ist.
Der ehemalige Hohenleipischer Wolfgang Bauch, er lebt in Cottbus, sieht das Ansinnen der Umbettung kritisch. Er ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Heimatkunde Bad Liebenwerda und Forschungsstellenleiter Niederlausitz der Brandenburgischen Genealogischen Gesellschaft „Roter Adler“. In seiner Reaktion geht er zunächst weit zurück in die Geschichte von Hohenleipisch:

Hohenleipisch hatte drei Friedhöfe

In Hohenleipisch gab es seit seiner Ersterwähnung im Jahre 1210 drei Friedhöfe. Der erste wurde der christlichen Tradition entsprechend als Kirchhof um die evangelische Kirche angelegt. Der Name Kirchhof hat sich bis heute erhalten.
Als die Gemeinde im 19. Jahrhundert aus den Nähten platzte, wurde ein neuer Gottesacker in der heutigen Bahnhofstraße, damals Pechofengasse, angelegt. Eingeweiht und für Beerdigungen freigegeben wurde er 1861. Der alte Kirchhof wurde 1888 auf einstimmigen Beschluss geschlossen. (Quelle: Helmut Engelskircher, 1912 bis 1997 / Beiträge zur Chronik des Dorfes Hohenleipisch ab seiner erstmaligen Erwähnung bis zum Jahre 1932 / Hohenleipisch, 1985 / bekannt als Ortschronik Hohenleipisch).
Nach meiner Erinnerung war es Anfang der 1970er-Jahre, als die Gemeinde Hohenleipisch Am Reesberg einen neuen Friedhof anlegte, der bis heute genutzt wird. Die große Trauerhalle wurde federführend durch den hoch geschätzten Gemeindearbeiter Erich Wolschke (1907 bis 1995) errichtet. Beisetzungen erfolgten bald nur noch auf diesem, außerhalb der Gemeinde gelegenen Friedhof. Auf dem wunderschönen, parkähnlichen Friedhof in der Bahnhofstraße erfolgten alsbald keine Neubestattungen mehr.

Pläne sorgten für Unruhe in Hohenleipisch

Schon vor etwa zehn Jahren gab es in der Gemeinde Unruhe wegen der vorgesehenen Umgestaltung des Friedhofes in der Bahnhofstraße. Eine Bürgerinitiative aus honorigen und geschichtsbewussten Einwohnern wollte die Gräber und damit das in mehr als 100 Jahren gewachsene Ensemble erhalten wissen. Leider blieben die Bemühungen nicht von Erfolg gekrönt. Die übergroße Mehrzahl der Gräber, die alte Trauerhalle und nahezu die gesamte zur Bahnhofstraße hin gelegene Friedhofsmauer wurden ohne jede Not und ohne Gespür für Tradition, Kultur und Respekt vor den Altvorderen geschliffen. Stattdessen wurde Rasen angesät.
Nur wenige Gräber blieben von diesem Kahlschlag verschont: Neben imposanten Gräbern vor allem von Fabrikantenfamilien gehört dazu das zur Umbettung vorgesehene Soldatengrab sowie wenige Gräber ziviler Opfer der letzten Kriegstage in Hohenleipisch. Auf dem alten Kirchhof befindet sich ausweislich meiner Dokumentation übrigens gar kein Soldatengrab. Dort hat die Mehrzahl der zivilen Opfer ihre letzte Ruhestätte gefunden. Oder auch nicht. Vielleicht sollen auch diese dem Umbettungswahn zum Opfer fallen. Will man wirklich Hohenleipischer Bürger nach 75 Jahren auf den Friedhof Dreska umbetten?
Ehemaliger Friedhof in der Hohenleipischer Bahnhofstraße: Nach Kenntnis von Wolfgang Bauch handelt es sich hier nicht um Wehrmachtsangehörige, wie es auf dem Grabstein steht, sondern um SS-Angehörige.
Ehemaliger Friedhof in der Hohenleipischer Bahnhofstraße: Nach Kenntnis von Wolfgang Bauch handelt es sich hier nicht um Wehrmachtsangehörige, wie es auf dem Grabstein steht, sondern um SS-Angehörige.
© Foto: Foto: Manfred Feller
Im Grab der sieben in dem LR-Beitrag „Gebeine gefallener Soldaten sollen von Hohenleipisch nach Dreska“ vom 23. Juni 2020 erwähnten Soldaten liegen vier namentlich Bekannte und drei Unbekannte. Es sind aber nicht, wie auf dem Grabstein dargestellt, Wehrmachtsangehörige, sondern Angehörige der 10. SS-Panzer-Division „Frundsberg“. Wobei die Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg der Wehrmacht unterstellt war.

Kämpfe zum Ende des Zweiten Weltkrieges

Nachdem Hohenleipisch am 22. April 1945 von der Roten Armee, genau genommen der 1. Ukrainischen Front unter General Iwan S. Konew befreit worden war, zogen versprengte, aus dem Spremberger Kessel ausgebrochene „Frundsberger“ in den Ort ein. Es kam zu heftigen Gefechten und Exzessen, die sich über Döllingen bis Plessa fortsetzten und zu schlimmen Verlusten und Verbrechen auch bei und an der Zivilbevölkerung führten. Ereignisse, die noch heute im kollektiven Bewusstsein der betroffenen Dörfer nachwirken.
Die erwähnten „Frundsberger“ wollten sich in Richtung Nordböhmen zu den Amerikanern durchschlagen und sich diesen ergeben, was ihnen in der weiteren Folge auch gelang. Die 1. Ukrainische Front und die „Frundsberger“ hatten sich schon lange erbitterte Kämpfe geliefert.
Weshalb will man die deutschen Soldatengräber vom ehemaligen Friedhof Bahnhofstraße auf den Friedhof des eingemeindeten Dreska umbetten? Sie gehören zu Hohenleipisch und verbinden sich mit einem, wenn auch dunklen Kapitel der Geschichte meines Heimatdorfes. Was ist mit den zivilen Opfern der letzten Kriegstage und der unmittelbaren Nachkriegszeit? Sie bleiben wie die derweil (erfreulicherweise) unter Denkmalschutz gestellten wenigen Familiengräber erhalten?

Ohne Gräber fehlt Ort der Mahnung

Die geplante Umbettung der Soldatengräber ist weder im Gesamtkontext der Kriegsereignisse vom April 1945 schlüssig, noch notwendig. Lasst die Kriegsopfer, seien es Zivilisten, sowjetische oder deutsche Soldaten, dort auf den Friedhöfen ruhen, wo sie 1945 ihre letzte Ruhe gefunden haben!
Grundsätzlich sollten solche Grabstätten erhalten bleiben, da diese ja den historischen Kontext bilden und so gerade bei Gefallenengräbern auch das Andenken an die Ereignisse erst ermöglichen. Zentralanlagen reißen die Gräber aus ihrem Zusammenhang und lassen sie ohne historischen Hintergrund in der Masse verschwinden. Ein Ort, der seine Gräber und Denkmale verliert, verliert auch seine Geschichte. Gerade das Andenken an die Weltkriege muss flächendeckend an allen authentischen Orten gepflegt werden, denn nur so kann deren Mahnung vor Ort wirken. Dadurch können noch heute Bewohner Namen ihrer Vorfahren und Verwandten lesen, die Kriegsopfer wurden. Sind Gräber und Denkmal verschwunden, ist auch die Mahnung verschwunden, als ob es in dem Ort nie einen Krieg gegeben hat.
Im Unterschied zum Umgang mit den Verstorbenen in Hohenleipisch haben die Toten in der islamischen Welt ein ewiges Ruherecht. Das Schleifen von Friedhöfen und willkürlich erscheinende Umbettungen sind dort undenkbar. Vielleicht ist das ein Denkimpuls für den Umgang mit den Verstorbenen und die Verantwortung für unsere Kultur an die Hohenleipischer Gemeindevertreter.