Die Bilder gehen ihnen nicht aus dem Kopf. Aufgerissene Straßen, zerstörte oder beschädigte Häuser, Brückengeländer, die nur noch in der Luft hängen, Unmengen von Hausrat, der maximal als Sperrmüll taugt. Jede Menge Fahrzeuge, die ineinander geschoben sind. Und Schlamm, Schlamm, Schlamm. Dazu Betroffene, die irgendwie funktionieren. Wildfremde Menschen, die weinen, sich umarmen, so unendlich dankbar sind. Und je nach Ort, mal ein Heer an Helfern aber auch Gegenden, die scheinbar vergessen sind. Und trotzdem: Auch Optimismus ist ihnen begegnet.

Tief „Bernd“ und die Schneise der Verwüstung

Tief „Bernd“ hat zwischen dem 14. und 17. Juli Unmengen von Regen gebracht. Vor allem Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz sind schwer betroffen. Flüsse schwillen an, werden zur reißenden Flut, Kanalsysteme sind hoffnungslos überlastet. Häuser laufen voll. Von mehr als 100 Toten wird berichtet, dazu von vielen Vermissten.
Es sind drei Hilfsaktionen, von denen die Lausitzer Rundschau an dieser Stelle berichtet. Im Elbe-Elster-Kreis hat es sicher noch mehr gegeben. Da ist eine Aktion, die Birgit Stöber in Falkenberg gleich am Tag nach Bekanntwerden der Katastrophe initiiert. Erinnerungen sind in ihr aufgestiegen. Sie hat geweint, an das Haus ihrer Eltern in Dautzschen bei Torgau gedacht, als die Elbeflut im Jahr 2002 einen Giebel herausriss. Von einem auf den anderen Moment standen ihre Eltern vor dem Nichts. Sie hat gehandelt, einen Hilfeaufruf gestartet und binnen Stunden eine Riesenresonanz erreicht.

Sieben anstelle fünf Transporter fahren Richtung Hochwassergebiete

In aller Herrgottsfrühe machen sich Freitagfrüh (15. Juli) um 3 Uhr die Helfer von Falkenberg nach Eschweiler (NRW) auf den Weg. Nach zehn Stunden Fahrt mit Umwegen werden sie vor Ort vom Ortsvorsteher und dem Bürgermeister mit Tränen in den Augen herzlich empfangen. Mit so viel Spendenbereitschaft hatten sie nicht gerechnet, sagen sie den Falkenbergern. Birgit Stöber: „Wir hatten fünf Transporter angemeldet. Zusammen gekommen sind sage und schreibe sieben Transporter mit Anhänger.“ Das Autohaus Hägele aus Torgau hatte überregional mitgesammelt und sich spontan dem Konvoi angeschlossen.
„Unsere Spenden standen teilweise keine fünf Minuten da und waren bereits verteilt. Ein Kühlschrank, ein Herd und ein Trockner sind sofort an betroffene Menschen ausgeliefert worden“, berichtet Birgit Stöber. Die vielen Spaten, Schippen und Besen seien direkt in ein Auto des THW umgeladen und an Ort und Stelle gebracht worden, wo sie bereits sehnsüchtig erwartet worden seien. Birgit Stöber: „Wir haben viele Einzelschicksale kennengelernt. Menschen, die alles verloren haben, von unserer Aktion gehört haben, 70 Kilometer gefahren sind, um ihre Spenden in Empfang zu nehmen und zu Hause weiter zu erzählen, dass es dort eine Sammelstelle gibt wo geholfen wird.“ Sie haben auch Menschen getroffen, die ihr berichtet hätten, seit drei Tagen nichts gegessen zu haben. Die Falkenbergerin und die Helfer im Konvoi – Feuerwehrkameraden, Mitarbeiter in Firmen, Privatpersonen – hätten von Beginn an ein Ziel verfolgt: Hilfe von Mensch zu Mensch – von Privat zu Privat. „Wir wollten ohne Bürokratie schnell helfen.“

Von der Spendenbereitschaft überrollt

Davon beseelt war auch Andy Selig aus Mühlberg. Der Feuerwehrchef und Mitarbeiter im Rettungsdienst hat privat eine Spendenaktion ins Leben gerufen und wurde förmlich von den Einwohnern der Stadt und Umgebung, die Hochwasserereignisse zur Genüge kennen, überrollt. Schnell war er überfordert und bekam Helfer: Rentner, die im Mühlberger Depot Spenden entgegennahmen, eine Freundin, die beim Koordinieren der Zielorte half, Feuerwehrkameraden, die sich ins Zeug legten. Über die sozialen Medien hatten sie zuvor genau aufgeschlüsselt, was gebraucht wird. Eine Prösener Firma überraschte sie, spendete mehrere Hundert Paar Gummistiefel.
Viele drückten ihm Geld in die Hand. „Ich bin heute noch berührt, über das Vertrauen, das sie in mich gesetzt haben.“ Sie haben Kühlschränke gekauft, Notstromaggregate, Waschmaschinen, dringend nötige Babyausstattung aber auch elektrische Reinigungsgeräte, Campingkocher, Schippen, Besen.

Helfer spüren Wut der Betroffenen

Am Sonnabend (24. Juli) haben sich zwei Sprinter mit Anhänger und ein weiterer Transporter mit je zwei Personen Besatzung auf den Weg nach Neuwied und Bad Neuenahr in Rheinland-Pfalz gemacht. Besonders emotional war es in einem schwer geschädigten Hospiz. „Die Dankbarkeit, die wir erlebt haben, lässt sich nicht in Worte fassen. Aber auch der Schock, über das, was wir gesehen haben. Dieses Ausmaß hätten wir nie und nimmer für möglich gehalten“, berichtet Andy Selig. In der Region seien allein 62 Brücken weggerissen oder unbrauchbar geworden. Und sie haben auch die Wut gespürt. Hätten die Menschen nicht wirklich besser vorgewarnt werden können? Am Sonntag, 23 Uhr, war der Tross wieder in Mühlberg – nach einer Woche voller Adrenalin und hoher Anspannung völlig fertig. Am Montag ging es wieder zur Schicht.

Mechaniker machen drei Traktoren wieder flott

Extrem schnell reagiert hat auch der Kreisverband der AfD, wie Andreas Schober berichtet. Einen Tag nach Bekanntwerden der Katastrophe haben Parteimitglieder am 15. Juli auf Initiative des Landtagsabgeordneten Volker Nothing auf Parkplätzen vor Großmärkten, unter anderem in Elsterwerda und Bad Liebenwerda, Spenden gesammelt. Die Spender der Sachspenden hätten, so Andreas Schober, teilweise den gesamten Inhalt ihrer Einkäufe, in einem Fall etwa 65 Euro Warenwert, abgegeben. „Der Anhänger war bereits um 14 Uhr voll. Danach wurde er direkt nach Senftenberg gefahren und in einen Doppeldeckerbus umgeladen.“ Um Mitternacht sei der Bus mit 17 Helfern und zwei Busfahrern sowie jede Menge Hilfsgütern nach Rheinland-Pfalz gestartet. Das Ausmaß der Schäden habe die Helfer schockiert. An Bord des Busses seien auch zwei Mechaniker aus Elbe-Elster gewesen, die auf einem etwas abgelegenen, tags zuvor völlig überfluteten Grundstück drei Traktoren wieder gangbar machten.
An dieser Stelle müssten unzählige Helfer und Spender namentlich genannt werden. Der Mühlberger Andy Selig spricht sicher für alle: „Die geholfen haben, haben es nicht getan, um in der Zeitung zu stehen.“ Er habe am Montag noch mal mit dem Hospizleiter in Bad Neuenahr gesprochen, um zu erfahren, was noch benötigt werde. Seinen Satz werde er nie vergessen. „Wir denken jetzt alle an den Neuanfang und sind Euch allen unendlich dankbar.“

Spendenaktion von Lausitzer Rundschau und Märkischer Oderzeitung

Die Märkische Oderzeitung und die Lausitzer Rundschau haben einen Spendenaufruf für die Opfer der Unwetterkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und in Rheinland-Pfalz gestartet.
Die Aktion ist eine Kooperation mit dem Landkreis Märkisch-Oderland und den Bürgermeistern von Wriezen, Golzow und Letschin. „Nach der riesigen Unterstützung, die die Menschen im Verbreitungsgebiet der Märkischen Oderzeitung und der Lausitzer Rundschau bei den Hochwassern an Oder und Elbe 1997 und 2002 erfahren haben, gibt es jetzt die Gelegenheit, sich zu revanchieren. Das unterstützen wir von Herzen“, sagte LR-Geschäftsführer Tilo Schelsky.
„Wir wissen, wie schlimm die Situation in Nordrhein-Westfalen und in Rheinland-Pfalz ist“, sagte der Landrat von Märkisch-Oderland, Gernot Schmidt. „Es ist ein wichtiges Zeichen von Ostdeutschland, das wir nicht vergessen haben, wer uns damals geholfen hat“, sagte Schmidt weiter. Letschins Bürgermeister Michael Böttcher erklärte: „Wir Oderbrüchler sind bereit, etwas zu tun, etwas zurückzugeben.“
Für die Spenden aus Brandenburg wurde ein Konto eingerichtet: Landkreis Märkisch-Oderland, IBAN: DE39 1705 4040 0020 0662 95, Stichwort: Spenden Hochwasserhilfe 2021
Artikel über die Hilfsaktion für die Opfer des Unwetters sowie alle bisher veröffentlichten Beiträge zum Hochwasser finden Sie auf unserer Themenseite.