Von Manfred Feller

Nicht wenige junge Leute ohne oder mit einem schwachen Schulabschluss, mit Behinderungen, Beeinträchtigungen oder erheblichen Lernschwierigkeiten können weit mehr als einfache Tätigkeiten in einer Behindertenwerkstatt. Ein Weg ist die theoriereduzierte Ausbildung, bei der die praktischen Fähigkeiten besonders gefördert werden. Das Handwerk, das zunehmend Kräfte braucht, öffnet sich dafür besonders im Südwesten des Landes Brandenburg.

„Mehr als 50 Prozent der in Ausbildung befindlichen Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf im Handwerkskammerbezirk Cottbus lernen in Elbe-Elster. Das spricht für das Engagement des Handwerks in diesem Landkreis. Damit verbunden ist aber ein höherer Aufwand“, weiß Ellen Lösche, Geschäftsführerin der Niederlausitzer Kreishandwerkerschaft in Finsterwalde. Diese zunehmende Offenheit sei auch im Fachkräftemangel begründet.

Die Vorreiterrolle von Elbe-Elster hebt auch Claudia Sieber von der unterstützenden Arbeitsagentur hervor. Grundlage sei das Bundesteilhabegesetz, das seit 2018 stufenweise in Kraft trete.

„Grundsätzlich stehen Menschen mit Behinderung alle Ausbildungsberufe offen, wenn die individuellen gesundheitlichen Einschränkungen nicht den Vorschriften der Unfallverhütung oder anderen gesetzlichen Vorgaben widersprechen. Speziell für Menschen mit einer ausgeprägten Lernschwäche wurde eine besondere Ausbildungsform geschaffen, die sogenannten theoriereduzierten Berufe“, ergänzt Michael Marke, Teamleiter Berufliche Rehabilitation und Teilhabe in der Arbeitsagentur Cottbus.

Diese Liste der Möglichkeiten ist mit den Jahren immer länger geworden und umfasst einige Branchen. Zu diesen Berufen gehören Helfer im Gastgewerbe, Hauswirtschaftshelfer, Landwirtschaftswerker, Gartenbauhelfer (Zierpflanzen/Obstbau) sowie Fachpraktiker Bäcker, für Bürokommunikation, Fleischer, Nahrungsmittelverkauf, Verkauf, Gebäudereiniger, Metallbau, Holzbearbeitung, Kfz-Mechatronik und Lagerbereich. Der eine oder andere entwickele sich so gut, dass er bald darauf den regulären Facharbeiter draufsattelt.

Mit zunehmender Tendenz haben nach Agenturangaben im Landessüden im Vorjahr 174 junge Menschen mit einer Behinderung, Beeinträchtigung und/oder erheblichen Lernschwierigkeiten eine Ausbildung aufgenommen. „Damit haben wir alle versorgt, die in der Lage sind, eine Ausbildung aufzunehmen“, versichert Michael Marke. Diese Anzahl schließt die betriebliche Ausbildung, die außerbetriebliche bei Bildungsträgern, die geförderte und die nicht geförderte Ausbildung ein.

„Die Bundesagentur für Arbeit begleitet die Ausbildungsaufnahmen neben dem Zuschuss für die Arbeitgeber weiterhin durch intensive Beratung, ausbildungsbegleitende Hilfen, wie Förderunterricht, die Assistierte Ausbildung (Förderunterricht und sozialpädagogische Hilfen) sowie mit technische Arbeitshilfen. Ab Sommer 2019 bieten wir zusätzlich die Unterstützung durch die ,begleitete betriebliche Ausbildung’. Dies bietet vor allem für Menschen mit einer psychischen Erkrankung eine sehr gute Chance durch die Begleitung eines Psychologen im Rahmen der Ausbildung“, so Michael Marke.

Das Oberstufenzentrum Elbe-Elster mit fünf Abteilungen im Kreisgebiet leistet an zwei Standorten in Elsterwerda einen besonderen Anteil an der dualen Berufsausbildung für junge Menschen mit Beeinträchtigungen. „Diese fassen zunehmend Fuß auf dem Arbeitsmarkt, aber es ist noch viel Luft nach oben“, sieht OSZ-Leiter Rainer Böhme trotz der Erfolge und der wachsenden Offenheit in der Wirtschaft, besonders im Handwerk, „noch Luft nach oben“.

Im Bundesland Brandenburg gibt es nach Auskunft von OSZ-Fachlehrerin Ulrike Kühn-Meinert seit 2010 sogenannte Benachteiligtenklassen. Am OSZ Elbe-Elster laufe derzeit der Modellversuch in der Metalltechnik, den sie mit betreut. Dabei handele es sich nicht um die dreieinhalbjährige Regelausbildung, sondern um die theoriereduzierte Lehre über zwei Jahre.

Wenn es möglich ist, lernen die Berufsschüler nicht in einer dieser kleinen gesonderten Klassen, sondern nach dem Konzept des gemeinsamen Lernens. Dieses werde am OSZ seit drei Jahren intensiver praktiziert. Für die Lehrer sei es, so OSZ-Leiter Rainer Böhme, keine leichte Aufgabe, in einer Klasse vom Leistungsschwachen bis zum Leistungsstarken mit teils sehr unterschiedlichen Voraussetzungen jeden gleichermaßen zu fördern. Abstriche an den Lehrplänen gebe es aufgrund der Inklusion dennoch nicht, da die Anforderungen an die künftigen Facharbeiter eher weiter wachsen.