Reinhard Drogla spürt die Folgen von Corona täglich, wenn er zur Arbeit kommt. „Ich habe ein Theater schließen müssen“, sagt der Regisseur und SPD-Politiker aus Cottbus. Im piccolo-Theater, das Drogla gegründet hat, herrscht seit der Pandemie Stille. „Ich gehe jeden Tag in ein leeres Haus, das nicht dafür gebaut ist, leer zu sein.“
Was hat die Gesellschaft in den Wochen der Coronakrise zusammengehalten? Darum drehte sich der Wertedialog im Medienhaus der RUNDSCHAU. Drogla sagte dort, es war nicht eine gemeinsame Einsicht in den Schutz aller vor dem Virus. Er glaubt, es war Angst, die für Zusammenhalt sorgte – die „gemeinsame Angst vor etwas, das man nicht sieht“.

Wegen Corona findet die Debatte in Cottbus vor leerem Saal statt

Die Pandemie war allgegenwärtig bei der Debatte, die vor leerem Saal stattfinden musste. Den Veranstaltern vom Verein Deutsche Gesellschaft war Corona in die Planung gegrätscht, das Publikum war über Livestream dabei. Doch schließlich gab die Pandemie einen guten Präzedenzfall ab, um die Werte einer Gesellschaft zu diskutieren, deren Fliehkräfte scheinbar immer stärker werden.
Gerade in der Diskussion um Lockerungen der Beschränkungen: Die Lausitz ist weitgehend verschont geblieben. Jetzt sinkt die Angst – folglich schwindet der Zusammenhalt, der in den vergangenen Wochen so stark war wie lange nicht.

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Johanna Wanka erkennt in der Krise ein Moment des Zusammenstehens. Corona hat der Bevölkerung vermittelt, „es geht um unser aller Gesundheit, nicht um Partikularinteressen“, sagte die CDU-Politikerin und ehemalige Bundesministerin. Gleichzeitig habe Corona das Dilemma von Politik offenbart: „Wir haben manchmal nur relative Wahrheiten, trotzdem muss Politik Entscheidungen treffen.“

These aus Cottbus: Gesellschaft radikalisiert und fragmentiert sich

Aktuell muss die Politik entscheiden, welche Opfer sie bringen kann, um das Land vor einer Seuche zu schützen. Mangels sicherer Erkenntnisse, helfen nur Werte bei der Richtungssuche. Werte führen aber auch jene ins Feld, die jetzt keine Kompromisse mehr eingehen wollen. Der Widerstand gegen die Beschränkungen schwillt an. Eine alte Frage von Demokratie wird nun wieder neu gestellt: Wie gelingt der Spagat zwischen Freiheit und Sicherheit?
Thomas Brechenmacher plädiert fürs Abwägen. „Kein Wert gilt für sich und absolut“, sagte der Historiker von der Universität Potsdam. „Werte gelten immer im Rahmen von Gewichtungen.“ Die müssten allerdings gut kommuniziert werden. Momentan erlebe das Land Phänomene der Radikalisierung, Fragmentierung und Delegitimierung, die aus der Gesellschaft selbst heraus kämen. „Bestimmte Gruppen scheinen den werteorientierten Konsens verlassen zu wollen.“

In Cottbuser Runde wird mehr Bürgerbeteiligung gegen Abgehängtsein gefordert

Ein Gefühl des Abgehängtseins macht sich breit in bestimmten Gruppen, auch Regionen. Das stellt auch Claudine Nierth fest. Die Sprecherin des Vereins Mehr Demokratie ist eine Vorkämpferin der direkten Bürgerbeteiligung. „Zusammenhang entsteht immer dann, wenn ich das Gefühl habe, dass ich dazugehöre“, sagte Nierth in der Runde. Die Probleme, die jetzt deutlich werden, kommen ihrer Ansicht nach daher, dass „ein Großteil der Restriktionen über uns kam, ohne dass die Leute befragt wurden“.
Johanna Wanka warnte indes davor, gesellschaftliche Gräben herbeizureden. Schließlich werde in Deutschland viel für Gleichheit und Zusammenhalt getan. „Mich regt auf, dass ständig über Spaltung geredet wird“, sagte Wanka, die in der Runde über Bildschirm zugeschaltet war. Man dürfe nicht nur auf abweichende Meinungen achten. Denn so entstehe „eine gewisse Hysterie bei der Frage, wie man mit extremen Positionen umgeht“.

Die Coronakrise hat der Gesellschaft eine Denkpause verpasst

Dazu konnte Reinhard Drogla aus der Praxis berichten. In einer Stadtverordnetenversammlung in Cottbus bekomme man auch öfter „abstruseste Wortmeldungen“ zu hören. Die könne man nicht einfach abmoderieren, man müsse sie zulassen, um Spaltung entgegenzuwirken, ist der Kommunalpolitiker überzeugt.
Die Gesellschaft habe durch Corona „eine Denkpause verpasst bekommen, die wir alle miteinander nutzen sollen“. Weil Corona bislang glimpflich abgelaufen ist, kämen nun „bestimmte Ansprüche an Demokratie wieder auf den Markt“, das sei aber normal. Drogla erwartet dadurch einen Reinigungsprozess für die politische Debatte: „Ich glaube, am Schluss wird diese Gesellschaft gebessert.“