Ende vom Tagebau Jänschwalde
: Rekorde, Risiken, Perspektiven – Schluss nach 50 Jahren Kohleabbau

Der Tagebau Jänschwalde ist einer der größten in der Lausitz. Nach fast 50 Jahren endet der Kohleabbau. Für viele Beschäftigte war der feierliche Schichtwechsel mit Emotionen verbunden.
Von
Jan Siegel
Jänschwalde/Cottbus
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Der Braunkohle-Tagebau Jänschwalde hat die Landschaft zwischen den der Spree-Neiße-Kreisstadt Forst, Jänschwalde und Taubendorf in den zurückliegenden Jahrzehnten radikal verändert.

Patrick Pleul/dpa

Der Tagebau Jänschwalde ist als Kohlegrube bald nur noch Teil der Geschichte. Dort wird die Braunkohleförderung zum 31. Dezember 2023 eingestellt. Mit der Schließung der Grube geht ein fast 50-jähriges Kapitel der Historie des Braunkohleabbaus in der Lausitz zu Ende. Am 17. Januar 1976 war in dem Tagebau südlich der Ortschaft Grötsch (Spree-Neiße) die erste Rohbraunkohle gefördert worden.

Der Aufschluss der Grube hatte bereits im Jahr 1974 begonnen, die Entwässerung des geplanten Abbaufeldes bereits vier Jahre früher – 1970. Zunächst wurde das Braunkohleflöz in Richtung der Ortschaft Klinge nach Süden hin abgebaut. Vor Klinge drehten die Kohlebagger in nördliche Richtung.

Übrig geblieben, als Teil dieses monströsen Wendemanövers, ist ein Restloch, das sich heute unter der Bezeichnung Klinger See mit Wasser füllen soll. Der Wasserstand dort ist bisher einzig das Ergebnis der Rückkehr des Grundwassers. Bergrechtlich ist der Klinger See eine Hinterlassenschaft des DDR-Altbergbaus und damit im Verantwortungsbereich der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbauverwaltungsgesellschaft (LMBV).

Qualität der Braunkohle aus dem Tagebau Jänschwalde

Die Rohbraunkohle aus dem Tagebau Jänschwalde wurde vollständig zum Betrieb des nahen Kraftwerks Jänschwalde genutzt. Die gewonnene Braunkohle wird per Bandanlage aus dem Tagebau Jänschwalde heraus zur Kohleverladung transportiert. Von dort aus bringen Züge die Kohle zum Kraftwerk Jänschwalde. Der Heizwert der Rohbraunkohle aus Jänschwalde liegt bei 2,33 kWh/kg, sie enthält etwa 51 Prozent Wasser, ein Prozent Schwefel und zwölf Prozent Asche. Das Braunkohleflöz im Tagebau hatte eine Mächtigkeit von acht bis zwölf Metern.

Schlagzeilen aus dem Tagebau Jänschwalde

Für große überregionale Schlagzeilen sorgte der Tagebau Jänschwalde im Winter 1978/79. Am Silvestertag 1978 beginnt in der Lausitz das, was auf Rügen und anderswo im Norden Deutschlands als Schneekatastrophe bekannt ist – einer der heftigsten Wintereinbrüche seit Jahren. Die Temperaturen sinken innerhalb kürzester Zeit auf minus 20 Grad Celsius, zeitweise und örtlich sogar auf minus 30 Grad. In den Tagebauen der Lausitz, darunter in Jänschwalde, friert die stark wasserhaltige Braunkohle fest. Geräte und Lkw bleiben liegen.

Der Winterkampf, offiziell in der DDR auch so genannt, beginnt. Soldaten der Nationalen Volksarmee (NVA) und Volkspolizisten der Bereitschaften werden abkommandiert, um den Bergleuten zu helfen. Letztlich geht es darum, die Energieversorgung der DDR aufrechtzuerhalten.

Für überregionale Schlagzeilen aus Jänschwalde hatten in den vergangenen Jahren auch immer wieder spektakuläre Protestaktionen von Kohlegegnern gesorgt.

So viel Rohbraunkohle wurde in Jänschwalde abgebaut

Wenn der Kohleabbau in Jänschwalde endet, wurden nach Angaben des Energieunternehmens Leag – des jetzigen Betreibers – seit dem Jahr 1976 dort insgesamt 660 Millionen Tonnen Rohbraunkohle abgebaut. Dafür mussten, 4,3 Milliarden Kubikmeter Abraum bewegt werden. Aus diesen Zahlen ergibt sich ein Abraum-Kohle-Verhältnis von 6,5:1.

Diese Orte verschwanden für immer

Der letzte Rest: Das Anwesen der „letzten Hornoer“, Familie Domain, an der Kante des Tagebaus Jänschwalde.

Michael Helbig

Der Abbau der Braunkohle im Tagebau Jänschwalde hat der Lausitz in den zurückliegenden fünf Jahrzehnten nicht nur materiellen Reichtum gebracht. Hunderte Bewohner einiger Ortschaften verloren durch den Tagebaubetrieb auch ihre Heimatorte.

In der riesigen Grube verschwanden neben dem östlichen Teil des Dorfes Grötsch ab Anfang der 1980er-Jahre auch große Teile der Ortschaft Klinge (1981) sowie die Dörfer Weißagk (1985), Klein Bohrau (1986), Klein Briesnig (1987) und zuletzt im Jahr 2004 nach einem langwierigen, öffentlichkeitswirksame, Kampf der Bewohner auch die gesamte Gemeinde Horno.

Nach der letzten Sitzung der Gemeindevertreter von Weißagk im Januar 1986.

Gerd Kundisch

Blick über die Dorfstraße in Weißagk im Jahr 1985.

Gerd Kundisch

Das größte Gerät im Tagebau Jänschwalde

Das größte technische Gerät im Tagebau Jänschwalde ist die Förderbrücke F60. Ihre Bezeichnung hat sie von der Abtragsmächtigkeit der Bagger, die parallel im Hoch- und Tiefschnitt insgesamt 60 Meter beträgt. Die F 60 in Jänschwalde ist eine der größten und leistungsstärksten Fördermaschinen im übertägigen Bergbau und nach Angaben der Leag die größte fahrbare Industrieanlage der Welt. Dabei bewegt sich der riesige Geräteverband im Förderbetrieb mit einer Geschwindigkeit circa acht Metern pro Minute. Die Gesamtmasse der F60 im Tagebau Jänschwalde beträgt rund 31.250 Tonnen.

Am 13. Juni 2008 erreichte die Brücke in ihrer letzten Ausbaustufe mit insgesamt drei Baggern ihre höchste Tagesleistung: Sie förderte an diesem Frühsommertag nach Angaben des Betreibers 735.440 Kubikmeter Abraum.

Streit ums Grundwasser am Tagebau Jänschwalde

Ringe von Filterbrunnen rund um den Tagebau Jänschwalde senken den Grundwasserspiegel in der gesamten Region für den Abbaubetrieb bis unter die Braunkohleschicht ab. In den Jahren von 1979 bis 2000 sowie von 2007 bis 2009 wurde entlang der östlichen Tagebaugrenze eine insgesamt elf Kilometer lange und bis zu 84 Meter tiefe Dichtwand errichtet. Die unterirdische Barriere aus Ton soll verhindern, dass die Grundwasserabsenkung auch schützenswerte Feuchtgebiete insbesondere in der Neiße-Niederung oder das polnische Staatsgebiet beeinflusst. Damit wird auch ein Zufluss von Grundwasser aus östlicher Richtung in den Tagebau abgeschirmt.

Die Hebung von Grundwasser um den Tagebau Jänschwalde sorgt seit vielen Jahren für Dauerstreit zwischen Umweltverbänden, der Leag und den Bergbehörden in Brandenburg. Der Streit sorgte im September 2019 für einen zeitweiligen Stopp des Tagebaubetriebes. Inzwischen hat Tagebaubetreiber Leag eine Erlaubnis zur Wasserentnahme bis zum Jahr 2044 beantragt, um eine Tagebaufolgelandschaft mit einem Drei-Seen-Konzept umsetzen zu können. Der Streit dauert an. Eine Genehmigung des Abschlussbetriebsplanes mit dem Drei-Seen-Konzept liegt bisher nicht vor.

Deshalb laufen die Kohlebagger in Jänschwalde 2024 weiter

● Ende des Jahre 2023 sollten die genehmigten Rohstoffvorräte in Jänschwalde ursprünglich erschöpft sein. Die Leag hatte daher das Ende des Kohleabbaus in Jänschwalde auf den 31. Dezember 2023 terminiert.

● Das Landesamt für Bergbau, Geologie und Rohstoffe (LBGR, Landesbergamt) aber hat verfügt, dass in der Grube auch nach dem Jahreswechsel noch weiter Kohle abgebaggert werden muss.

● Grund für eine bergrechtliche Anordnung ist ein etwa 50 Meter breiter Rest des Kohleflözes, der sich durch die Grube zieht. Die Kohle liege einer Versickerungsschicht (Fließteppich) im Wege. Der muss sich nach Vorgaben der Bergaufseher 300 Meter breit durch die gesamte Grube ziehen, um deren Standsicherheit zu gewährleisten. Die Arbeiten sollen im Frühjahr 2024 abgeschlossen sein.

● Einen genehmigten Abschlussbetriebsplan für den Tagebau Jänschwalde gibt es derzeit noch nicht. Die Dokumente liegen beim LBGR zur Genehmigung. Damit ist nach Einschätzung von Fachleuten nicht vor Mitte des Jahres 2024 zu rechnen.