Warum tun Menschen wie Sahra Wagenknecht „eigentlich“ was sie tun und wie sie es tun? Was trieb sie einst an, in die Politik zu gehen und worin begründen sich die für sie nicht untypischen Kurskorrekturen? Autor Christian Schneider, seines Zeichens Psychotherapeut, Politik- und Gesellschaftswissenschaftler, ging Fragen wie diesen im Auftrag des Campus-Verlags auf den Grund. Er unterhielt sich ausführlich mit Frau Wagenknecht und interviewte Personen aus dem familiären, privaten und beruflichen Umfeld der Politikerin. Herausgekommen ist eine Art Zwischenbilanz mit Perspektive(n), die der Verlag als „Porträt mit Tiefenblick“ bezeichnet und der Autor selbst eine „Biografie der Möglichkeiten“ nennt. Am 12. März ab 19 Uhr stellt Christian Schneider das vielseitige, 272 Seiten starke Druckwerk „Sahra Wagenknecht: Die Biografie“ in der Cottbuser Stadthalle vor. Und Sahra Wagenknecht unterstützt ihn dabei höchst selbst. Der Rundschau steht sie vorab Rede und Antwort. Der Anruf erreicht sie unterwegs im Auto.

Frau Wagenknecht, auf dem Buchrücken Ihrer Biografie steht in großen Lettern die Frage: „Wer ist Sahra Wagenknecht?“. Können Sie die Frage in nur einem Satz beantworten?

Sahra Wagenknecht: Ich bin Sahra Wagenknecht, Politikerin, Buchautorin, Publizistin und jemand, der unser Land gern sozial gerechter gestalten möchte.

Wie geht es Ihnen - sind sie glücklich?

Danke, es geht mir gut und ja, ich bin glücklich! Vor allem weil ich seit einiger Zeit eine deutlich bessere Balance in meinem Leben gefunden habe. Ich nehme zwar noch immer relativ viele öffentliche Termine wahr, sortiere aber inzwischen sorgfältiger aus, was ich zusage und was nicht. Das habe ich in den letzten Jahren nur sehr bedingt machen können. 

Was ist Ihr Glücksrezept?              

Hm. Im Privaten ist es ja oft so, dass man einfach Glück oder Pech hat. Ich für meinen Teil habe das wirklich große Glück, einen Partner gefunden zu haben, mit dem ich sehr glücklich bin. Das lässt sich ja nicht herbeiführen. Das ist etwas, wofür man dem Leben sehr dankbar sein muss. 

Und Ihr berufliches Erfolgskonzept?                

Im Beruf sieht das schon ein bisschen anders aus, obwohl Glück auch da natürlich immer eine Rolle spielt. Ich habe mir immer Ziele gesetzt und dann auch beharrlich darauf hin gearbeitet. Manchmal ist es aber eben auch wichtig, den eingeschlagenen Weg zu verlassen, wenn man merkt, man kommt auf ihm nicht weiter. Das gehört dazu.

So geschehen zuletzt Mitte November 2019, vermutlich?

Ja, aber die Entscheidung dafür hatte ich ja schon zu Beginn letzten Jahres getroffen. Seit ich nicht mehr Fraktionsvorsitzende bin, stehe ich nicht mehr unter diesem enormen Druck und habe viel weniger Stress. Ich genieße die zeitlichen Freiräume und nutze sie zum Lesen und Nachdenken. Denn die Zeit läuft und man lebt eben auch nicht unendlich lange. Man könnte sagen, ich befinde mich in einer Phase, in der ich noch überlege, wie die nächsten Jahre meines Lebens aussehen sollen, also beruflich und politisch. Ich möchte wieder Bücher schreiben, was in den letzten Jahren überhaupt nicht möglich war. Und ich möchte die Verhältnisse in unserem Land verbessern. Auch Veranstaltungen wie die am 12. März in Cottbus sind mir wichtig, weil ich da die Möglichkeit habe, mit Menschen direkt ins Gespräch zu kommen und ungefilterte Rückmeldungen zu erhalten.

Gutes Stichwort! Sie sind an diesem Tag mit Dr. Christian Schneider, dem Autor Ihrer im Campus-Verlag erschienenen Biografie, in der Cottbuser Stadthalle zum Lese-Talk „verabredet“, richtig?

Ja, richtig und ich freue mich sehr darauf. Christian Schneider liest einige Passagen aus dem Buch, dann vertiefen wir gemeinsam das eine oder andere Thema und letztlich beantworten wir auch Fragen aus dem Publikum. Insgesamt soll es an diesem Abend also weniger um Tagespolitik gehen als um persönliche Sichtweisen, Erlebnisse und Erfahrungen, also Einblicke, die man sonst nicht bekommt.

Dr. Christian Schneider war Ihr persönlicher „Wunsch-Biograf“. Warum er?

Nun, Christian Schneider hatte schon vor einigen Jahren in der „TAZ“ ein wirklich gutes Porträt über mich veröffentlicht. Ich fand mich in seinem „Bild“ von mir sehr authentisch beschrieben. Für mich war verblüffend, wie sich jemand, der mich gar nicht näher kennt und begleitet hat, sich so gut in mich hineinversetzen konnte. Sein Sensorium ist wirklich bemerkenswert! Deswegen hatte ich ihn als Autor vorgeschlagen, als der Campus-Verlag die Idee mit der Biografie hatte. Das Ergebnis sind rund 270 Seiten, auf denen Christian Schneider beschreibt, wie und warum ich geworden bin, wer und was ich heute bin. Dazu hat er sich mit Freunden von mir und auch mit meiner Mutter unterhalten.

Was hat das Lesen Ihrer eigenen Biografie in Ihnen bewirkt oder ausgelöst?

Eine Menge. Ich fühle mich im positiven Sinne „durchschaut“ und „richtig erkannt“. Vor allem habe ich durch das Buch einen Eindruck davon bekommen, wie andere Menschen mich sehen, wie deren Wahrnehmung von mir ist. Da ist zum Beispiel meine Kindheitsfreundin Beate, die erzählt, dass sie sich immer bei mir gemeldet hat, ich mich aber niemals bei ihr. Das war mir so überhaupt nicht bewusst. Oder es gibt Ereignisse, von denen meine Mutter erzählt, an die ich mich gar nicht erinnern konnte oder die mir erst dadurch wieder bewusst geworden sind.

War Ihnen eigentlich schon als junge Frau, so mit 17, 18, 19 Jahren, klar, dass Sie eines Tages „ganz groß“ in die Politik einsteigen würden?

Nein, absolut nicht. Ich wollte eine akademische Laufbahn einschlagen. Forschung und Wissenschaft. Und vielleicht als Autorin arbeiten. Alle, die mich als Jugendliche kannten, werden wohl bestätigen, dass man von mir alles Mögliche erwartet hätte, nur nicht, dass ich in die Politik gehen würde …

Wie fühlt es sich dann an, eben aus diesem Grunde - ich zitiere abermals den Text auf dem Buchrücken Ihrer Biografie – heute „eine der spannendsten Persönlichkeiten des Landes“ zu sein?

Ich selbst würde mich nicht so bezeichnen, aber was das Buch angeht, kann ich Ihnen versichern, dass es Christian Schneider wirklich gelungen ist, eine spannende Biografie zu schreiben!

Wen würden Sie denn als „eine spannende Persönlichkeit“ in der deutschen Politik bezeichnen?

Jemand wie Willy Brandt. Als Politiker und auch als Mensch. Vor allem, weil er das komplette Gegenteil eines „Basta“-Politikers war, sondern eher ein sehr sanftmütiger und ich glaube auch  sensibler Mann. Er hatte eine Vision und klare Ziele, die er verfolgte. Er war niemand, der „einfach nur so“ in eine bestimmte Partei „getaumelt“ ist und sich nur „irgendwie „durchwursteln“ wollte.

Ganz im Gegensatz zu so manchem, teflonbeschichteten Berufspolitiker von heute, meinen Sie ...?

Ja. Obwohl Berufspolitiker zu sein, heißt ja zunächst einmal nichts anderes, als dass man nicht ehrenamtlich politisch tätig ist, sondern für seine Arbeit, in einem Landtag oder im Bundestag zum Beispiel, bezahlt wird. Die Gefahr allerdings ist, dass man sich, wenn man dem nicht entgegenwirkt, möglicherweise recht schnell von der Lebensrealität der meisten Menschen im Land entfernt, weil beispielsweise das Gehalt des Berufspolitikers natürlich deutlich höher ist, als das einer Verkäuferin, einer Reinigungskraft oder einer Pflegerin.  Ein großes Problem ist auch, dass viele Dinge, die Politiker beschließen, sie selbst überhaupt nicht betreffen. Beispiel: die Renten werden gekürzt, aber auf die Alterssicherung der Politiker selbst hat das keinerlei Auswirkungen. Oder: Man mutet den einfachen Leuten Leiharbeit und Lohndumping zu, braucht als Mitglied des Bundestags jedoch nie zu befürchten, dass einem von heute auf morgen ein Leiharbeiter für die Hälfte des Geldes den Sitz im Parlament wegnimmt. In den Betrieben passiert genau das aber tagtäglich. Natürlich sagen da die Menschen zu Recht: „Die Politiker wissen gar nicht mehr, wie es uns geht …“. Ich bin sicher die Letzte, die sich darüber beklagt, wenn die CDU schwächelt, aber dass die einstigen Volksparteien ihr Wahlvolk immer mehr vergraulen, ist natürlich für das Ansehen der Demokratie ein echtes Problem.

Apropos Politiker-Personalien: Wer ist zurzeit Ihr persönlicher Favorit fürs Kanzleramt nach der Ära Merkel?

Also zunächst einmal wissen wir ja gar nicht, wer da noch so alles seinen Hut in den Ring werfen wird! Und Merz als Vertreter des Black-Rock-Kapitalismus wäre als Kanzler für unser Land wirklich eine Katastrophe. Natürlich muss man auch sagen, dass das Führungspersonal, das zurzeit die Politik in Deutschland gestaltet, insgesamt nicht überzeugend ist. Ich wünschte mir vor allem jemanden mit sozialem Profil als Kanzler ...

Gibt’s auch einen Namen dazu?

Nein (lacht).

Blick zurück: Haben die Deutschen, Ihrer Meinung nach, 30 Jahre nach Mauerfall und Wiedervereinigung, endlich die Spaltung von Ost und West überwunden?

Nein. Wenn man nur die Lohnentwicklung betrachtet: warum bekommt man im Osten für die gleiche Arbeit immer noch deutlich weniger Lohn als im Westen? Warum ist das Rentensystem immer noch gespalten? Außerdem haben wir nach wie vor große Unterschiede beim Vermögen. Und es gibt im Osten weitaus mehr Regionen, die man Politikerdeutsch „strukturschwach“ nennt – wo es also keinen Arzt mehr gibt, wo keine Bahn mehr fährt, wo die Menschen sich zu Recht von der Politik im Stich gelassen fühlen. Oder: Führungspositionen in der Wirtschaft, in den Universitäten und so weiter sind überwiegend mit Westdeutschen besetzt. Ich wünsche mir sehr, dass unser Land – sozial wie kulturell –  mehr Zusammenhalt erreicht!

An welche Stellschrauben muss die Politik Ihrer Ansicht nach aktuell „ran“?

Erstens: Moderne Technologien. Es ist unfassbar, wie die Politik heutzutage ohne jegliche Strategie bestimmten Moden hinterher läuft! Beispiel „E-Mobilität“: da werden teure Elektro-Autos, die sich die meisten Menschen eh nicht leisten können, staatlich subventioniert, obwohl viel mehr dafür spricht, dass die Zukunft der Wasserstofftechnik gehört! Ganz zu schweigen davon, dass massive Investitionen in den vielfach „kaputt-gesparten“ öffentlichen Nahverkehr notwendig sind. Oder die so genannte „Energiewende“: was hat man nicht für Unsummen an Geld „verbrannt“, um Großgrundbesitzern die Nase zu vergolden, um Windräder auf deren Gelände aufstellen zu lassen, statt die Solarindustrie zu unterstützen oder Forschung auf dem Gebiet besserer Speichertechnologien zu fördern?! Das nächste, ganz große Problem ist das der wachsenden Altersarmut. Die gesetzliche Rente ist kaputt gemacht worden, jetzt sollen die Leute privat vorsorgen und kriegen dafür am Ende noch negative Strafzinsen aufgebrummt! Und die große Koalition diskutiert seit zwei Jahren über eine magere Grundrente, die das Problem bei weitem nicht lösen würde! Wir brauchen wieder eine gesetzliche Rente, die den Lebensstandard im Alter sichert, und einen Rententopf, in den alle einzahlen, also auch Selbstständige und Beamte. Punkt drei hängt unmittelbar damit zusammen. Es müssen umgehend gesetzliche Lösungen her, was die Problematik der vielen schlecht bezahlten, unsicheren und prekären Jobs angeht!

Sie haben sich in den letzten Wochen häufiger zur Wahl des Ministerpräsidenten in Thüringen geäußert. Ist dazu Ihrerseits schon alles gesagt?

Wenn wir über die Thüringen-Wahl reden, wird meines Erachtens viel zu wenig darüber gesprochen, warum es überhaupt zu so einer Konstellation kommen konnte. Schließlich entsteht so etwas nicht aus heiterem Himmel, dass ein Parlament gewählt wird, in dem CDU, SPD, FDP und Grüne zusammen keine Mehrheit mehr haben. Das hat eine Vorgeschichte, und die darf man nicht unterschlagen. Wissen Sie, in bin der Überzeugung, dass die AfD  heute nur deshalb so stark ist, weil viele Menschen sich von der Regierung und deren Politik im Stich gelassen fühlen. Alles wird nur noch „zerredet“ und nichts gelöst. Die Bundespolitik zeigt, dass die regierenden Parteien die Fähigkeit zur Lösung von Problemen verloren haben und das empört die Menschen. Und ein Teil der Empörten sieht die Lösung eben darin, eine Partei wie die AfD zu wählen. Und zwar oft nur, um den etablierten Parteien gegenüber ihren Protest auszudrücken!

... sagt die begeisterte Anhängerin der Philosophie Hegels. Woran liegt das?

Der Ansatz von Hegel ist ja, alles in einem großen Zusammenhang zu begreifen, also die Welt nicht als eine Ansammlung von Einzeltatsachen zu sehen, sondern die Zusammenhänge und Wechselwirkungen zu erkennen. Heutzutage ist das Denken leider viel zu sehr fragmentiert. Wir „zappen“ durch die Fernsehkanäle, im Internet „ploppen“ ständig irgendwelche Einzelnachrichten auf und so weiter. Da bleibt das Erkennen von Widersprüchen und Zusammenhängen oft auf der Strecke.

Lassen Sie uns dieses Gespräch auf das Schöne im Leben besinnend mit Goethe beschließen: „Man sollte alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und ein vernünftiges Wort sprechen“, sagte der Dichter und Denker seinerzeit. Vernünftige Worte sind Ihrerseits, liebe Frau Wagenknecht, an dieser Stelle zahlreich gefallen, können wir „abhaken“, sozusagen. Nur: welches war Ihr letzter Ausstellungsbesuch?

Der Louvre in Paris. Und eine Ausstellung des Künstlers Michael Triegel, den ich sehr schätze.

Und was lesen Sie zurzeit ...?

Arlie Russel Hochschilds „Fremd in ihrem Land“ und mehrere Bücher, die sich mit sozialen Milieus und den Veränderungen in unserer Gesellschaft während der letzten 26 Jahre beschäftigen. Das sind Bücher, die sich damit auseinandersetzen, warum europaweit vor allem rechte Parteien von der Unzufriedenheit der Menschen profitieren, und nicht die linken ...

Welche Musik mögen Sie?

Also ich liebe französische Chansons: Jacques Brel, Charles Aznavour oder Georges Moustaki.

Singen Sie auch selbst, unter der Dusche oder beim Zähneputzen, zum Beispiel?

Nein, eher selten (lacht).

Im Fokus eines innerparteilichen Führungsstreits Die Welt der Sahra Wagenknecht

Cottbus/Berlin