Von René Wappler

So sieht eine Welt aus, in der Fußgänger den Vorrang gegenüber Autofahrern haben. Junge Leute ziehen mit Plakaten durch die Cottbuser Thiemstraße. „Über der Kohle wohnt der Mensch“, steht auf einem Transparent, „Proschim retten jetzt“ auf einem anderen.

Polizeibeamte passen auf, dass die 250 Demonstranten sicher die Straße entlanggehen können. Manche Autofahrer hupen, um ihre Sympathie zu zeigen. Auf wenig Gegenliebe treffen jedoch die Insassen großer Fahrzeuge. Die Gruppe ruft im Chor: „Es gibt kein Recht, einen SUV zu fahren!“

Zu den Demonstranten zählt die 22-jährige Lisa, die in Cottbus Stadtplanung studiert. Sie versucht, in ihrem Alltag auf Plastik und Einweggeschirr zu verzichten sowie regional und saisonal einzukaufen. Das funktioniere mal besser, mal schlechter, wie sie einräumt.

Teure Bahn, preiswerter Flug

Auch die 20-jährige Architekturstudentin Isabell nimmt an der Demonstration teil. Selbstkritisch stellt sie fest, dass sie seltener in ein Flugzeug steigen würde, wenn Bahntickets nicht vergleichsweise teuer wären.

Bei der Bahn will wiederum der 51-jährige Thomas eine Ausbildung zum Lokführer beginnen. Deshalb ist er mit dem Zug von Berlin nach Cottbus gefahren. Weil er die Ziele der Fridays-for-Future-Bewegung teilt, verbindet er seinen Aufenthalt gleich mit der Demonstration.

Zu den prominenten Gästen zählt die 23-jährige Klimaaktivistin Luisa Neubauer. Sie hält eine kurze Ansprache vor der Lutherkirche. „Wir leben in postfaktischen Zeiten“, ruft sie den Besuchern zu, „in denen es nicht mehr darum geht, welche Tatsachen wir aufbereiten, sondern welche Geschichten wir erzählen.“ Deshalb brauche auch eine Bewegung wie Fridays for Future Botschafter, „die eine Erzählung von der Zukunft entwickeln, die tragbar ist für alle Menschen“. Dieses Anliegen lasse sich nicht durch Apps und Websites und Klicks gestalten, merkt Luisa Neubauer an. Nach ihrer Rede steigt sie in den Zug, um zum nächsten Termin zu fahren.

Rat zum Baumpflanzen

Derweil richtet sich die 80-jährige Kohlegegnerin Edith Penk aus Rohne an die Demonstranten vor der Kirche. „Die Erde ist wie ein Körper, an dem dauernd operiert wird“, sagt sie. „Sie kann gar nicht gesunden, wenn man immer wieder neue Wunden aufreißt.“ Den Zuhörern rät sie, bei künftigen Aktionen Bäume zu pflanzen. Auch so könne ein Freitag für die Zukunft aussehen.

Als die Demonstranten über die Europakreuzung hinweg zum Gebäude des Energieunternehmens Leag gehen, schauen ihnen skeptische Passanten zu. Tino Tobula, 34 Jahre alt, arbeitet nach eigenem Bekunden bei der Leag. Er sagt, die jungen Leute seien „Opfer der grünen Diktaturwelle“. So höre er immer nur Forderungen von ihnen, die außer Acht ließen, dass es keine völlig unbedenkliche Energiequelle gebe. „Es ist ja noch lange nicht geklärt, welche Folgen die erneuerbaren Energien nach sich ziehen“, sagt er im Gespräch mit einem anderen Beobachter.

Botschaft am Bürofenster

Die Mitarbeiter der Leag empfangen die Demonstranten in der Hermann-Löns-Straße ebenfalls mit Transparenten, die sie außen an den Bürofenstern befestigt haben. „Euer Handy braucht uns“, steht da, „Ihr demonstriert, wir liefern“ und „Energiewende nur mit uns!“

Ein Freitag für die Zukunft, zwei gegensätzliche Perspektiven.

Weitere Fotos von der Demonstration gibt es unter www.lr-online.de/bilder