Relationen verloren

Eine kurze Erklärung: Ich fahre schon ewig Fahrrad, seit 2015 intensiver auf Rennrad und Mountainbike. Parallel fahre ich auch hin und wieder Auto. Was mir auffällt: Der motorisierte Individualverkehr hat nicht nur zugenommen, man nimmt sich auch mehr Rechte raus, als einem zustehen. Das bestätigte mir auch ein Bekannter, der meinte, dass er das seit 2016 auch feststelle. Aber warum ist das so? Vielleicht liegt es daran, dass die Strafen dafür nicht angemessen hoch sind. (...)
Auf meinen Wegen zur Arbeit habe ich einiges erlebt: Rechts vor links wird ignoriert, man überholt in einer Fahrradstraße, die einspurig ist, obwohl man  30km/h fährt, man wird sogar bedroht, weil man in einer 30er-Zone  fährt und der Gegenverkehr nicht passieren kann, weil auf der Gegenseite geparkt wird. Auch war man häufiger die dritte Spur (obwohl es keine gab), nur um zwei Sekunden früher auf den Parkplatz des Discounters zu kommen; Busfahrer ignorieren mittlerweile gern Ampelschaltungen und fahren bei Rot (vor Kurzem an der Kreuzung Straße der Jugend/Vetschauer Straße gesehen) über die Kreuzung. Auch Blinken sowie Schulterblick werden gern mal vergessen.
Spricht man denjenigen an, ob vielleicht der Blinker kaputt wäre, kommt nur ein: „Verpiss dich, du Vogel!“ Oft genug muss ich auf die Lichter der geparkten Autos achten und hart bremsen, weil man ja nicht blinken kann, einfach rausfährt oder die Tür aufreißt. Wenn ich im Auto sitze, merke ich, dass die Leute sämtliche Relationen verloren haben. Man wird in Ortschaften fast geschoben, wenn man 50 fährt, auch wenn man bei erlaubten 70 eben 70 fährt. Oder man überholt inner­orts. Selbst wenn man 8 km/h drüber fährt, reicht das einigen noch nicht.
Und welche Folgen hat das? Die Leute sägen Blitzer ab und versenken sie. Der Blitzer, der in der Hänchener Str. in Kolkwitz stand, ist nicht mehr aufgetaucht, trotz 1000 Euro Kopfgeld. Wenn man aber die Gemeinde fragt, was mit dem Poller in der Fahrradstraße (Steinteichmühle, Kolkwitz) sei, der seit 2,5 Jahren fehlt, bekommt man als Antwort: Das ist zu teuer und wird immer wieder demoliert. Aber von wem? Ein Radfahrer wird das Ding sicher nicht ausreißen oder so anfahren, dass der Poller nicht mehr einzufahren ist. Die Relation ist hier aber schon  schräg: Ein Objekt, das den motorisierten Individualverkehr aus der Fahrradstraße fernhalten soll, was radfahrende Menschen schützt, ist zu teuer, man kann aber 1000 Euro aufrufen, wenn jemand einen Blitzer findet, der seit x-Jahren abgeschrieben ist.
Ich bin gespannt, wie oft der Bürgermeister hier durchrollen wird, beim Wettradeln. Wenn aber die ansässige Firma wieder die Fahrradstraße in beiden Richtungen zuparkt, kommt eh keiner durch, auch kein Kfz.
Und die Exekutive bekleckert sich auch nicht mit Ruhm. Es gibt Apps, mit denen man Fotos machen kann und eine Anzeige verfassen. Wenn man das zu oft macht, kommt eine böse Mail vom Dispatcher, wegen der DSGVO (Datenschutz), wegen der sichtbaren Nummernschilder. Dass Nummernschilder aber keine Persönlichkeitsrechte haben, interessiert hier nicht.
Im Sommer 2017 fuhr ich die Berliner Straße hinauf gen Innenstadt. Hinter der Kreuzung Friedrich-Hebbel-Straße standen zwei Kfz geparkt auf dem Radweg. An mir fuhr im selben Augenblick ein Polizeiauto vorbei. Als ich die Herren an der nächsten Ampel auf die geparkten Autos ansprach und warum man nichts mache, kam nur ein „Dafür bekomm‘ wa keene Kohle.“ Das Fenster ging zu und beide fuhren gen Revier.
So oder so fühlt man sich auf dem Rad wie Freiwild. Die Polizei guckt weg und fragt nur nach 'nem Helm, wenn ein Unfall unverschuldet passiert. Man kann  im Sommer am Tag mit Licht fahren und wird „übersehen“.
Fragen Sie sich mal: Möchten Sie einen Angehörigen oder ihr Kind verlieren, weil jemand fahrlässig zu schnell mit dem Auto unterwegs war, wie in Berlin, wo ein Student nur 250 Euro zahlen musste, weil er mit 70 auf einer Busspur unterwegs war und einen Vierjährigen tötete. (...)  Und warum ist das Vergessen eineS Fahrradtickets teurer als Falschparken?
Also ist das Ignorieren der weißen Schilder mit dem roten Ring am Altmarkt nicht einfach nur ein Versehen, sondern eher ein „Ach, wird schon nichts passieren.“ Wenn man angemahnt wird, weil man Fahrzeuge zur Anzeige bringt, die in Halte- und Parkverboten parken, dann können wir auch alle Ampeln und Schilder abbauen. Denn dann gewinnt der Stärkere (also SUV, Pick-Up,Bus, Lkw). Aber das will dann keiner wahrhaben.

André Jungklaus, Cottbus