Es ist fast 110 Jahre her. Und doch interessieren sich Heimatforscher noch immer für ein grauenerregendes Verbrechen, das sich im Jahr 1913 in Drebkau abgespielt hat. Ein Blick auf die Schlagzeilen des „Cottbuser Anzeigers“ aus diesem Jahr zeigt die Dramatik der Ereignisse: „Knochenreste von einem Menschen“ (27. Juni 1913), „Mutter hat Vater totgeschlagen“ (28. Juni 1913), „Die Mörderin Minna Köckritz hingerichtet“ (13. Januar 1914). Seitenlang berichten die Zeitungen über den mehrtägigen Prozess. Zeitweise wollen so viele Menschen in den Verhandlungssaal des Cottbuser Schwurgerichtes, dass die Plätze nicht ausreichen. Die Tat der Minna Köckritz aus Drebkau elektrisiert damals eine ganze Region – oder waren es doch Taten?

Wer war die spätere Mörderin Minna Köckritz aus Drebkau?

Minna Köckritz wurde als Minna Hecht in Dübrichen geboren. Der Ort gehörte damals zum Kreis Luckau und ist heute ein Ortsteil von Doberlug-Kirchhain. Im Jahr der Verurteilung 1913 war Minna Köckritz 36 Jahre alt. Wie aus historischen Zeitungsberichten zu entnehmen ist, war Minna Köckritz seit dem September 1905 Witwe. Mit ihrem Mann, dem Schrankenwärter Ernst Köckritz, hatte sie bis dahin in Doberlug-Kirchhain gelebt. Im Cottbuser Anzeiger vom 27. Juni 1913 steht geschrieben: „Der Ehemann ... wurde eines Tages bei Kirchhain mit einer tödlichen Verletzung am Kopfe zwischen den Schienen liegend tot aufgefunden.“ Man nahm einen Betriebsunfall an. Doch war es das wirklich? Schon kurz nach der Tat soll es in der Stadt Gerüchte gegeben haben, dass Minna Köckritz nicht ganz schuldlos am Tod ihres Mannes gewesen sei. Auch Zeugenaussagen im späteren Mordprozess stützen diese These. So berichtete die damalige Vermieterin der Eheleute Köckritz, dass der Ehemann vermutete, seine Frau habe ein Verhältnis mit einem Anderen und er wolle sich am Abend auf die Lauer legen, um den Liebhaber zu erwischen. Am nächsten Vormittag war Ernst Köckritz tot. Auch die damalige fünfjährige Tochter der Familie Köckritz soll laut einer Zeugin gesagt haben: „Mutter hat Vater totgeschlagen.“ Beweisen konnte man Minna Köckritz das nie.

Weißwasser

Rätselhaftes Leben der Mörderin Minna Köckritz

Auch weitere Vorkomnisse im Leben dieser Frau bleiben für immer ein Rätsel. Nach dem Tod ihres Mannes verdiente sie unter anderem ihren Lebensunterhalt, indem sie als Karussellbetreiberin durch die Städte und Dörfer der Niederlausitz zog. Mal lebte sie einige Zeit in Muskau, später in Guben. An ihrer Seite tauchte dabei laut der alten Berichte aus dem Mordprozess immer wieder der Arbeiter August Hoigk auf. Mit ihm soll Minna Köckritz schon während ihrer Ehe ein Verhältnis gehabt haben. Im April des Jahres 1912 meldete die Frau August Hoigk plötzlich bei den Behörden ab. Er solle sich auf Wanderschaft begeben haben. An der Version gab es im Laufe des Prozesses immer wieder Zweifel. Denn der Mann war wie vom Erdboden verschluckt. Hatte Minna Köckritz mit seinem Verschwinden etwas zu tun? Das Rätsel kann auch das Cottbuser Schwurgericht nicht lösen. Und es gibt noch mehr Todesfälle im Leben der Minna Köckritz. So soll sie in Lindena und später in Guben Kinder zur Welt gebracht haben. Diese überlebten aber nicht lange. Eine Zeugin warf ihr vor Gericht vor, das in Lindena geborene Kind vor dessen Tod vernachlässigt zu haben. Die Angeklagte erwiderte der Frau daraufhin, dass diese ihr eigenes Kind ebenfalls schlecht behandelt habe.
Diese historische Aufnahme zeigt die Ermittler bei einem Vor-Ort-Termin mit der Mörderin (links) in Drebkau.
Diese historische Aufnahme zeigt die Ermittler bei einem Vor-Ort-Termin mit der Mörderin (links) in Drebkau.
© Foto: Drebkauer Anzeiger/Archiv Hoppe

Der Mord von Drebkau

Zum Verhängnis wurde Minna Köckritz schließlich der 12. März 1913. Die 36-jährige Witwe lebte damals in der Grünstraße in Drebkau. Nachbarn wurden auf einen „unausstehlichen Geruch“ aufmerksam, der aus dem Haus der Minna Köckritz zu kommen schien. So berichten es damals die Zeitungen. Am Abend wurde der zuständige Gendarmariewachtmeister informiert. Das Haus war verriegelt, auf das Klopfen gab es keine Reaktion. Doch soll immer stärkerer Rauch aus dem Schornstein gequollen sein. Daraufhin wurde die Tür des Hauses durch die Polizei aufgebrochen. Minna Köckritz war im Haus, behaubtete geschlafen zu haben. Auf die Frage, was sie im Ofen verbrenne, antwortete sie zuerst Lappen und Putzwolle, später lautete die Aussage das Fleisch eines Hundes. Doch die Ermittler glaubten ihr nicht. Blutflecken im Bett, Spritzer an der Wand, Blut an einer Axt führten zu einer raschen Verhaftung von Minna Köckritz. Schnell wurde klar, dass die im Ofen gefundenen Knochen nicht von einem Hund stammten. Im Hof wurden vergraben die Eingeweide eines Menschen gefunden. Andere Körperteile – wie der Kopf – blieben verschwunden.
Lausitzer Kriminalgeschichten Cottbus 1970: Mädchen im Feuer

Cottbus

Todesurteil für Minna Köckritz aus Drebkau

In dem aufsehenerregenden Prozess vor dem Cottbuser Schwurgericht wurde im Juni 1913 der Fall verhandelt. Es wurde schnell klar, dass die gefundenen Leichenteile zu einem Arbeiter namens Karl Fröhlich gehören. Der 27-Jährige war bei Minna Köckritz angestellt und wohnte auch bei der Witwe. Im Laufe der dreitägigen Verhandlungen verstrickte sich die Frau immer wieder in ihren eigenen Aussagen. Mal soll es der wiedergekehrte August Hoigk gewesen sein, der Fröhlich im Streit erschlagen habe. In einer anderen Version soll sich ihr Arbeiter selbst die Hand abgehackt und später eigenständig die Kehle aufgeschnitten haben. Für keine dieser Aussagen gab es Beweise.
Auch das Thema Kannibalismus spielte in dem dreitägigen Prozess eine Rolle. In einer der ersten Vernehmungen soll Minna Köckritz gegenüber den Ermittlern gesagt haben, dass sie das „Herz des Fröhlich eingesalzen, in Schmalz gebraten und gegessen habe“. In der Gerichtsverhandlung bezweifelte der zuständige Cottbuser Kreisarzt Dr. Plothe den Wahrheitsgehalt dieser Aussage. Er halte Mina Köckritz für eine „intelligente Frau mit guter Urteilskraft“, aber „pervers“ sei sie nicht. Er könne aus den gefundenen Leichenteilen nicht schlussfolgern, dass die Angeklagte vom Herz gegessen habe.
Am späten Abend des 28. Juni 1913, einem Sonnabend, wurde Minna Köckritz nach dreitägiger Verhandlung vom Cottbuser Schwurgericht zum Tode verurteilt. Der Cottbuser Anzeiger schreibt am 30. Juni 1913: „Die Angeklagte hat das Todesurteil entgegen genommen ohne ein Anzeichen von Erregung.“
Nach der Hinrichtung von Minna Köckritz erschien im Cottbuser Anzeiger am 13. januar 1914 dieser Artikel.
Nach der Hinrichtung von Minna Köckritz erschien im Cottbuser Anzeiger am 13. januar 1914 dieser Artikel.
© Foto: Cottbuser Anzeiger/Stadtarchiv Cottbus

Die Hinrichtung der Mörderin Minna Köckritz

Das Urteil wurde am 13. Januar 1914 vollstreckt. Im Hof des Cottbuser Gerichtsgefängnisses verlor die Mörderin Minna Köckritz aus Drebkau ihren Kopf. Um halb acht endete der Kriminalfall mit der Vollstreckung des Todesurteils durch Enthauptung. Der mysteriöse Tod ihres Mannes Ernst Köckritz wurde nie restlos aufgeklärt. Ob August Hoigk jemals wieder auftauchte, ist ungewiss. Die Gegend in der Grünstraße, in der das Haus von Minna Köckritz stand, wird noch heute von Drebkauern als „Schlachthaus“ bezeichnet.
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