Dienstag 17. November 1970, kurz vor zehn Uhr, Cottbus:

Zutraulich kuschelt sich das Kätzchen in die Arme von Kornelia Hansen*. Es schnurrt wohlig, als die Mädchenhände ihr das Fell kraulen. Die Zehnjährige liebt Katzen über alles. Es ist ihr auf dem Weg zwischen Lausitzer Straße und August-Bebel-Straße begegnet. Am liebsten würde sie das Tier mit nach Hause nehmen. Doch das geht nicht. Sie muss zum Unterricht, und außerdem haben die Eltern etwas gegen ein Haustier.

Kornelia ist an diesem 17. November 1970 kurz vor 10 Uhr aus der Wohnung in der Friedrich-Engels-Straße in Richtung Bahnhofsstraße zur 7./12 Oberschule aufgebrochen. Erst um 12.05 Uhr beginnt diesmal ihre erste Stunde. Beim Spielen mit dem Kätzchen ist die Zeit wie im Fluge vergangen. Sie muss sich beeilen.

Am gleichen Tag um 22.30 Uhr. Der Busfahrer Bernd Weidlich erstattet beim Volkspolizei-Kreisamt Cottbus Anzeige. Seine Stieftochter, Kornelia Hansen, sei nicht in der Schule und auch zwischendurch nicht daheim gewesen.

Es beginnt eine aufwändige Suche nach dem Mädchen. Sie hält die Bewohner der Stadt Cottbus und im Umland, ja in der gesamten Lausitz, in Atem. Noch am gleichen Abend gibt die Polizei eine Eilfahndung heraus. Die ersten, routinemäßigen Maßnahmen bleiben ohne Ergebnisse.

Das Mädchen ist wie vom Erdboden verschluckt.

Die Morduntersuchungskommission (MUK) nimmt ihre Arbeit auf. Die Bevölkerung ist elektrisiert. Die Angst wächst. Eltern nehmen Urlaub, bringen ihre Sprösslinge zur Schule und holen sie von dort wieder ab.

Die Kripo arbeitet auf Hochtouren. Die Arbeit ist in mehrere Komplexe aufgeteilt. Haben die Eltern, Verwandte oder Bekannte das Kind aus persönlichen Motiven getötet? Die Fragen sind für die Angehörigen belastend und schmerzlich.

Über den Mord in der Cottbuser Mädchenschule wurde 1926 in der Lausitzer Landeszeitung ausführlich berichtet.
© Foto: Elisabeth Wrobel

Im zweiten Schwerpunkt wird der Frage nachgegangen, ob Kornelia Hansen Opfer einer Sexualstraftat geworden ist? Die Schule als Tatort muss in Betracht gezogen werden. Die operative Fahndungsgruppe zu diesem Komplex widmet sich der 7./12.Oberschule. Heizer Feurich, Hausmeister Katz und Hofarbeiter Pagen waren zur möglichen Tatzeit in der Schule. Die Besichtigung der Arbeitsräume der technischen Angestellten verläuft zunächst ergebnislos.

Nachgegangen wird dem Verdacht, dass Kornelia Opfer eines vorbestraften Sexualtäters geworden sein könnte.

Alibi mit Lücken

Und dann doch der Erfolg. Bei der Überprüfung der Angaben der technischen Angestellten fällt auf, dass bei Heizer Hans Feurich eine zeitliche Lücke klafft. Zwischen 12 Uhr und 13.15 Uhr hatte er kein Alibi. Der Verdacht wird stärker, als sich Zeugen melden, die gesehen haben, dass der Heizer im Jahr 1969 mit einer Schülerin der vierten Klasse auf einer Couch im Bad gelegen hat, das sich im Keller neben der Heizung befindet. Sexuell belästigt wurde das Kind dabei nicht. Der Heizer wird vom Direktor verwarnt.

Hat Feurich seine Lehren gezogen? In den Wintermonaten 1969 ist Kornelia nicht selten schon früh zwischen fünf und sechs Uhr in der Schule. Oft friert sie, weil die Sachen, die sie trägt, zu dünn sind. Bei Heizer Hans regt sich das Herz des zweifachen Familienvaters.

Er gestattet Kornelia, sich im Bad auf die Couch zu legen. Die Verbindung des 30 Jahre alte Mannes zu dem zehnjährigen Mädchen wird enger. Sie darf ihn „Hans“ nennen, wenn kein Dritter in der Nähe ist. Ansonsten sagt sie „Herr Feurich“ zu ihm.

„Du darfst nichts sagen“

Lange Zeit passiert nichts Unzüchtiges. Jedenfalls nicht bis Anfang 1970. Dann aber, wieder einmal mit Kornelia auf dem Sofa liegend, zieht sich Feurich Arbeits- und Turnhose herunter. Das Kind ist irritiert ob des bloß liegenden Geschlechts, das sie bei einem Mann noch nie gesehen hatte. Sie muss an ihm manipulieren, bis sich der Mann einmacht. „Du darfst aber niemanden etwas sagen, sonst kann das ganz schlimm für dich werden“, schärft er der Schülerin ein und gibt ihr drei Mark als Schweigegeld.

Bis Ende Februar benutzt Feurich Kornelia noch dreimal zu derartigen sexuellen Handlungen auf der Couch oder vor dem Toilettenbecken. Dann scheint die Angst vor Entdeckung über den sexuellen Trieb zu siegen. Aus „Hans“ wird wieder Herr Feurich.

Bis zu jenem verhängnisvollen 17. November 1970. Das Mädchen geht statt in den Klassenraum in den Keller. Als das Klingelzeichen um 12.05 Uhr den Unterrichtsbeginn einläutet, trifft Hans Feurich die Schülerin. „Komm doch mit ins Bad“, fordert er das Mädchen auf. Das zuckt ablehnend mit den Achseln, schnappt sich die Schultasche und folgt dann doch widerwillig dem Mann, der nun wieder der „Hans“ sein will.

„Ich werde es Mutti und Vati sagen“

Der Erwachsene verriegelt die Tür, stellt sich vor das Toilettenbecken, lässt seine Hosen fallen, und Kornelia weiß, was sie nun an dem entblößten Unterkörper zu erledigen hat. Als Feurich sich nieder kniet, um mit Toilettenpapier das Ejakulat wegzuwischen, sagt das Kind angeekelt: „Ich will das nicht mehr machen, und ich werde es Mutti und Vati sagen.“

Hans Feurich ist entsetzt und fürchtet seine Entlarvung. Er ist auf diesen Moment vorbereitet. Seit Monaten schon.

„Komm, lass uns noch einmal miteinander sprechen, drüben, im Heizungskeller. Da kann uns niemand belauschen“, lockt er das Mädchen nach nebenan. Im Vorraum steht ein Holzbein von einer Schulbank. Er hat den Knüppel bereitgelegt für diesen Augenblick.

Feurich verriegelt die Tür, schnappt sich mit der rechten Hand das Stuhlbeine und lässt es von hinten mit aller Kraft auf den Kopf seines kleinen Opfers niedersausen. Ohne einen Laut bricht es bewusstlos zusammen. Tot ist es nicht. Feurich fängt es mit dem linken Arm auf und greift mit dem rechten Arm unter die Beine.

Lichtbild des vermissten Mädchens.
© Foto: Foto: Polizei

Den leichten Körper des regungslosen Mädchens aus dem Vorraum zu den beiden Öfen zu tragen, fällt dem kräftigen Mann leicht. Mit dem linken Fuß schiebt er die Feuerungsklappe am Ofen I auf. Er schiebt sein Opfer mit den Füßen voran in die heiße Kohleglut. Kornelia verbrennt in dem lodernden Feuer.

Im Heizungskeller verbrannt

Nach einer unruhigen Nacht ist Feurich am nächsten Morgen um 5.20 Uhr im Heizungskeller. Mit dem Kreuzhaken stöbert der Heizer vorsichtig im Ofen I, in dem er sein Opfer verbrannt hat.

Asche und Schlacke aus dem Ofen I, die er herausgekratzt hat, füllt er in Eimer und fegt den Boden sorgfältig wie noch nie. Ihm fällt auf, dass ein Teil der Asche anders aussieht als gewöhnlich. Die Farbe ist heller und auch nicht so körnig wie normale Kohleasche. Bei näherem Betrachten erkennt er Reste von Knochen.

Feurich entleert die Asche-Eimer in Müllkübeln, die vor Wohnblöcke in der Rossstraße stehen und die vom Schulgebäude ein Stück entfernt sind. Die sterblichen Überreste von Kornelia Hansen landen auf der Asche- und Schutthalde vor den Toren der Bezirksstadt Cottbus.

Am 1. Dezember wird Hans Feurich verhaftet. Nach einem 18-stündigen Verhör gesteht er die Tat.

Kriminalisten rekonstruieren die Tat

Am 3. Dezember wird in den Kellerräumen der 7./12. Oberschule die Tat rekonstruiert. Die Kriminalisten entschließen sich zu einem spektakulären Verbrennungsexperiment, um die Angaben von Feurich zu überprüfen.

Es beginnt früh um 5.20 Uhr. Zu Befeuerung der beiden Öfen liegt ein Berg von einer Tonne Braunkohlenbriketts bereit.

Um 12.09 Uhr wird ein für die Untersuchung vorgesehener vollständig erhaltener und nicht ausgebluteter Kadaver eines acht Tage alten Kalbes mit einem Gewicht von 35 Kilogramm in die Einschüttöffnung des Ofens gelassen. Er ist mit Knochenteilen von Menschen präpariert, die aus medizinischen Sammlungen stammen.

Am nächsten Morgen wird der Ofen vollständig entleert und die Asche sorgfältig auf Verbrennungsrückstände untersucht. Neben Metallteilen von der Schulmappe finden die Experten auch Knochenstücke.

„Ich bin ein Mörder“

Eine Woche später konfrontieren die Ermittler Hans Feurich mit den Ergebnissen des Experiments. Als der Beschuldigte in Handschellen das Verhörzimmer betritt, wird er aschfahl im Gesicht. Die Beine drohen, den Dienst zu versagen. Auf dem Tisch der Vernehmer stehen vier Einweckgläser, gefüllt mit grober Ofenschlacke, Papierasche, Brikettasche und Knochenrückständen, die nach eingehender Untersuchung in den Laboren der Gerichtsmedizin zum Teil vom Kalb, aber auch von den Menschenknochen stammen.

Das Glas mit den Knochen betrachtet sich Feurich erst nach mehrmaliger Aufforderung. Die innere Erregung ist deutlich spürbar. Er schüttet den Inhalt auf eine Unterlage, nimmt die Knochensplitter in die Hand und sortiert sie. Er erkennt zwei Knochenreste wieder, identifiziert sie anhand der Form, der hellen Farbe und an der anhaftenden Schlacke. „Genau so etwas habe ich am 18. November beim Reinigen des Ofens gefunden“, gibt er zu.

Ich bin ein Mörder und habe ein Menschenleben vernichtet, das ich nicht mehr ersetzen kann“, stammelt er und weint.

Das Bezirksgericht Cottbus verurteilt Hans Feurich wegen Mordes und mehrfachen sexuellen Missbrauchs von Kindern zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe.

(*Name Kornelia Hansen geändert)

Die Suche nach Kornelia


Die Suche nach Kornelia Hansen wird nach der Anzeige ihres Verschwindens umgehend eingeleitet. Sie bleibt lange Zeit trotz erheblichen Aufwandes ohne Erfolg.

Bis zum 20. November ist ein Barkas mit aufmontierten Lautsprechern in Cottbus unterwegs, über die die Polizei die Bevölkerung um Mithilfe bittet.

In Zeitungen in den Bezirken Cottbus, Dresden und Frankfurt (Oder) erscheinen 16 Artikel über den Fall Kornelia Hansen. Auch der Sender Cottbus von Radio DDR wird einbezogen.

Die Eilfahndungen werden ab 23. November auf die gesamte DDR ausgeweitet.

Das Max-Reimann-Stadion, heute ist es das Sportzentrum der Stadt, wird zum Start- und Landeplatz für einen Hubschrauber vom Typ KA 26. Das rot-weiße Luftfahrzeug überfliegt in Höhen zwischen 20 und 90 Meter ein knapp 70 Quadratkilometer großes Gebiet in Cottbus und den umliegenden Gemeinden.

Fußstreifen, mit Fährten-und Leichensuchhunden durchstreifen in Cottbus Parks, durchsuchen verlassene Gebäude und andere Unterschlüpfe auf einer Fläche von 1,5 Quadratkilometer und im Landkreis Cottbus von knapp 50 Quadratkilometern. Feuerwehrwehrleute sind mit Schlauchbooten auf der Spree zwischen Cottbus und Burg/Spreewald unterwegs.

Abschnittsbevollmächtigte und Schutzpolizisten befahren mit Booten über 200 Kilometer Flussläufe im Spreewald zwischen Cottbus, Burg, Lübbenau und Lübben.

Laubenpieper des Verbandes der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter schauen sich in eigener Regie in 60 Gartenkolonien mit einer Fläche von über 100 Hektar nach Spuren um, die den Weg zur vermissten Kornelia weisen könnten.

In Cottbus und dem Umland werden insgesamt 170 Verstecke und Unterschlupfmöglichkeiten durch die Polizei inspiziert.

Vorbestrafte Sexualtäter zunächst in Cottbus und Umgebung und sogenannte Kfz-Täter in der DDR werden überprüft. Allein in Cottbus und den Kreisen des Bezirkes werden 286 Personen herausgefiltert.

1250 Personen aus anderen Bezirken mit Nebenwohnsitz in der Lausitz werden auf Straftaten überprüft.

Aus der Bevölkerung gehen 108 Hinweise ein. 425 Männer werden in den Akten mit ihren persönlichen Daten erfasst.