„Das war eine ganz spontane Aktion. Ich musste einfach etwas tun.“ Michael Schierack ist im Hauptberuf Arzt in Cottbus, gleichzeitig sitzt er für seine Partei, die CDU, im Potsdamer Landtag. Schierack gehört zu den vielen Menschen in der Lausitz, die die dramatischen Nachrichten und erschreckenden Bilder der zurückliegenden Tage aus der Ukraine nicht kaltlassen.
Seit dem Überfall Russlands auf das Nachbarland hat Schierack deshalb darüber nachgedacht, wie auch er helfen könnte, die Not der Menschen in der Kriegsregion zu lindern. Er kontaktierte seine Friseurin, die aus der Ukraine stammt, telefonierte mit der Caritas, nahm Kontakt auf zum früheren Pfarrer Christoph Polster, der sich seit Jahren beim Cottbuser Aufbruch engagiert.

Hilfstransport statt Opern-Premiere

Zuerst wollte sich so richtig nichts zusammenschieben. Wie Schierack selbst wusste niemand so recht, was in dieser außergewöhnlichen Situation zu tun sei. Und außerdem hatte der aufgewühlte Arzt ja auch Premierenkarten für Mozarts „Le nozze di Figaro“ am Cottbuser Staatstheater.
Doch das war am Sonnabendmittag, 26. Februar, mit einem Anruf passé.
Michael Schierack stand mitten in einem Cottbuser Baumarkt, als nach all seinen bis dahin vergeblichen Bemühungen zum Thema Ukraine-Hilfe ein Anruf kam. Eine Ukrainerin fragte, ob er nicht doch an die ukrainische Grenze fahren und dort in Not geratene Verwandte abholen könne.

Youtube Flüchtlingsunterkunft an der Grenze zur Ukraine

Flüchtlingsunterkunft in einem früheren Supermarkt

Der Cottbuser Arzt ließ alles stehen und liegen, suchte sich mit dem Cottbuser Sozialarbeiter Martin Bock einen Begleiter für die lange Fahrt und startete am Sonnabendmittag spontan mit seinem privaten Kleinbus. Grobe Richtung: Osten, grobes Ziel: Grenze bei Lviv (Lemberg). Im Auto hatten sie ein paar Lebensmittel.
Im polnisch-ukrainischen Grenzgebiet angekommen, versuchten die beiden Cottbuser an die Grenze zu gelangen. „Aber das war schwierig und wenig sinnvoll“, erzählt Schierack. Kontakt zu den Menschen, die sie eigentlich abholen sollten, bekamen die Cottbuser nicht. Trotz aller Bemühungen: „Keine Chance“.
Von Einheimischen erfuhren sie schließlich von einer provisorischen Flüchtlingsunterkunft, die in einem ehemaligen Supermarkt etwa drei Kilometer vor der Grenze zur Ukraine eingerichtet worden war.
„Es waren bedrückende Bilder. In der großen Halle waren vor allem viele Frauen, ein paar alte Männer und viele Kinder“, erzählt Michael Schierack.
Sein Begleiter und er hatten schnell erkannt, wie sie in dieser Situation helfen konnten. Sie nahmen zwei Frauen, drei Kinder und einen älteren Mann kurzerhand mit zurück in die Lausitz. Nach insgesamt 22 Stunden waren Michael Schierack und Martin Bock wieder zu Hause. Die Flüchtlinge fanden mit Unterstützung der Cottbuser Caritas schnell eine Bleibe.
Jetzt hofft Michael Schierack vor allem, dass die Menschen, die sie eigentlich nach Cottbus bringen sollten, das Kriegsgebiet auf andere Weise unbeschadet verlassen können.